Ökobilanzen helfen der Industriebei nachhaltiger Entwicklung
Segen oder Fluch der Technik? Dieses Urteil zu fällen haben sich die unterschiedlichsten Gremien angeschickt. Seit Anbeginn der Debatte um die „Folgen der Technik“ jedoch werden immer dieselben Fragen gestellt, scheint es nicht weiter zu gehen. Kurt A. Detzer zieht im folgenden Beitrag eine Zwischenbilanz.
Wer die letzten 20 Jahre Technikdebatte aktiv miterlebt hat, gerät ins Grübeln, wenn immer wieder das Gleiche gefragt oder gefordert wird. Etwa: Ist die Technik mehr Fluch oder Segen? Wer verantwortet den technischen Fortschritt?
Oder die Forderungen nach Fortschritt? Gibt es einen Verhaltenskodex oder eine Art Hippokratischen Eid für Ingenieure.?
Das Grübeln alleine genügt aber nicht (ich rufe mich damit selbst zur Ordnung), denn die Verantwortungsfragen auch zu bekannten Problemen stellen sich mit jeder Erkenntnis immer wieder auf andere Art und Weise, insbesondere wenn neue Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge – sagen wir in und mit der Umwelt – offenbar zu Tage treten.
Darüber hinaus wachsen junge Verantwortliche heran, die die bereits gezogenen Diskussionsbahnen entweder nachvollziehen oder selber den Diskurs neu gestalten müssen. Dabei bleiben die Probleme fast immer die alten, nur die Begriffe ändern sich.
Das Konzept Technology Assessment (Deutsch: Technikbewertung oder Technikfolgenabschätzung) entstand 1968 in den USA und kam in den 70er Jahren auch nach Europa. Die VDI-Hauptgruppe erarbeitete in den 80er Jahren eine einschlägige Richtlinie (VDI 3780 „Technikbewertung – Begriffe und Grundlagen“), aber auch Richtlinien zu Themen wie Recyclinggerechtes Konstruieren und Kumulierte Energiebilanzierung sind hier zu erwähnen). Zum 10-jährigen Jubiläum der VDI 3780 entstand der VDI-Report 29 „Aktualität der Technikbewertung“.
Im Wesentlichen bleibt es bei der Grundaussage: Die Ziele, Handlungen und Folgen, die mit der Technikentwicklung und -anwendung zusammenhängen, müssen möglichst früh im Technikgeschehen abgeschätzt, bewertet und beurteilt werden. Als Maßstäbe dazu können die in VDI 3780 thematisierten Werte Funktionsfähigkeit, Sicherheit, Gesundheit, Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Umweltqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität dienen.
Die Zusammenhänge sind in schwierigen Problemfällen, wie Artensterben und Klimaveränderungen aber keineswegs eindeutig, so dass der pluralistische Diskurs an der Tagesordnung sein wird.
Welche Aufgabe kommt dabei der Industrie zu? Diese Frage lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten. Es hängt stark von der Branche und ihren Produkten ab, denn nur bei monokausalen Zusammenhängen ist die Industriebranche bzw. das einzelne Unternehmen alleine verantwortlich. Ferner hängt es davon ab, ob ein Unternehmen systemverantwortlich ist oder nur zuliefert. Von einem Einspritzpumpen- oder Reifenhersteller können wir kaum verlangen, dass er allein die Folgen des Straßenverkehrs „bewertet“.
Eine derartige Bewertung gelingt nicht einmal auf gesellschaftlicher Ebene unter Einbezug der großen Forschungsinstitutionen, der Hochschulen, der Parlamente und ihren Einrichtungen. Das deprimierendste Beispiel dafür sind m. E. die Flüssigkeitsverpackungen (Flasche, Dose oder Karton und deren Varianten).
Trotz der im Vergleich zum Thema Verkehr weit geringeren Komplexität wird seit Jahren um die Bewertung der Verpackungen fast nur gestritten (im Internet lässt sich das teilweise schnell nachlesen. Wenn wir genauer hinschauen und danach suchen, können wir die Entwicklung schnell nachvollziehen). Wenn wir genauer untersuchen, wo es klemmt oder hapert, dann stoßen wir immer wieder auf das Stichwort Ökobilanz.
Gemeint ist damit nicht etwa die betriebliche Input/Output-Bilanz, bei der meist nur die Stoffströme einer Fabrik grob ermittelt werden, was allerdings Ausgangspunkt für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess sein kann. Für die Technikbewertung brauchen wir vollständige Sachbilanzen und Wirkungsbilanzen und schließlich deren Bewertung. Und das können einzelne Unternehmen nicht leisten. Schon für ein einzelnes Bauteil werden weit mehr Daten von den Vorlieferanten bis hin zur Rohstoffgewinnung benötigt, als vom Verarbeiter selbst. Außerdem ändern sich die Daten ständig. So sucht man denn ziemlich vergeblich nach brauchbaren Ökobilanzen. Im Internet führt die Eingabe des Suchworts „Ökobilanz“ zwar zu Tausenden von Nennungen. Die meisten Artikel äußern sich aber mehr zur Methodik und überlassen – frei nach Schelsky – die „Arbeit“ lieber „den anderen“.
Hilfreich sind einige Referenz- oder Projekt-Listen (http://www.ifeu.de/ok_ref.htm und http://www.bizplanet.com/oekobilanz/LCA_online/projekte.asp).
Für meine Vorlesung fand ich z.B. die gemeinsam von Unternehmen der Papier- und Druckindustrie erarbeitete Studie „Bewertung ökologischer Lebensläufe von Zeitungen und Zeitschriften“ und von VW den Forschungsbericht „Sachbilanz eines Golf“. So gut und vorbildlich diese Studien auch sind, den Ansprüchen einer vollständigen Technikbewertung können sie nicht genügen, weil den jeweiligen Akteuren gar nicht alle Daten zur Verfügung stehen und weil die Bewertung der Daten umstritten ist und bleiben wird.
Eine einheitliche Bewertung versucht das Schweizerische Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft mit Hilfe von Ökopunkten (Maluspunkte für spezifische Umweltbelastungen).
Inzwischen werden auch anderswo „Wirkungsfaktoren“, „Indikatoren“, „Standards“, „Grenzwerte“ oder dergleichen thematisiert. Darüber hinaus dringen neue Schlagworte wie Nachhaltigkeit, Social Accountability und Risk Management in die ohnehin mit Schlagworten überfüllte Debatte über Technik und die Folgen ihrer Implementierung. Alles in allem beurteile ich die Lage derzeit als unübersichtlich bis hoffnungslos.
Man verstehe dies nicht falsch als bloßes Abwiegeln der Verantwortung von Industrieunternehmen. Die positive Bilanz aus diesem Befund ist vielmehr, dass wir mehr Verbundprojekte für Ökobilanzen, Life Cycle-Analysen und Ganzheitliche Bilanzierungen brauchen. Im Internet fand sich beispielsweise eine „Bundesweite Kooperation Ökologische Produktbewertung Medicalprodukte“ (http://www.oekopol.de/Aktuell/KHBund.html) und zu den Themen Automobil, Verkehr und Bauwesen die Abteilung „Ganzheitliche Bilanzierung“ des IKP der Universität Stuttgart (http://www.ikpgabi.uni-stuttgart.de/).
Werden solche Verbundprojekte ausgeweitet – auch auf einen noch stärkeren Diskurs zwischen Industrie und Gesellschaft – so besteht durchaus die Möglichkeit, Fragen und Probleme der Technikfolgen wenigstens in Ansätzen zu lösen. Kurt A. Detzer
Das Buch zum Thema: K. Detzer, D. Dietzfelbinger, A. Gruber, W. Uhl, U. Wittmann: Nachhaltig Wirtschaften. Kognos Verlag Augsburg. 400 S. DIN A4. 78 DM.
Kurt A. Detzer: „In der politischen Diskussion um die Prozesse und Auswirkungen des Fortschritts ist der Begriff der Nachhaltigkeit zum Leitbegriff avanciert.“
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