Umwelt 27.04.2007, 19:27 Uhr

Ökobilanzen: „Ein Bierdeckel reicht eben nicht“  

VDI nachrichten, Pforzheim, 27. 4. 07, swe – Lebensweganalysen – kurz Ökobilanzen – sind in der aktuellen Klimadiskussion ein unverzichtbares Instrument, fachlich richtige Lösungen zu finden – statt puren Aktionismus walten zu lassen. Richtig eingesetzt liefern sie wertvolle Entscheidungshilfen, gerade wenn es um die ökologische Bewertung komplexer Produkt- und Techniksysteme geht. Deutschland war in diesem Bereich einmal führend, verspielt jetzt aber seine Chancen, meint Mario Schmidt, Direktor des Instituts für Angewandte Forschung und Professor an der Hochschule Pforzheim.

Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, hatte es Ende Februar einmal versucht. Er zählte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Nachteile der Kernenergietechnik auf. Zugegeben: Seine Analyseergebnisse zur Kernkraft waren noch nicht ganz ausgereift. Es war eher eine Bierdeckel-Ökobilanz.

Was aber zählt, ist der Wille. Der Wille zu einer ganzheitlichen Bilanzierung, die die Umweltsünden nicht nur in der Betriebsphase, sondern bei der Herstellung der Anlagen, der Bereitstellung der Rohstoffe, der Entsorgung der Altanlagen und des Abfalls mit einbezieht.

Der Politiker Kurt Beck hat im Prinzip das gemacht, was in Fachkreisen als Life Cycle Assessment – oder kurz: LCA – bezeichnet wird. In Deutschland sagt man nach wie vor „Ökobilanz“ oder „Lebensweganalyse“ dazu.

Gemeint ist damit allerdings nicht jener Produktlebenszyklus, den die Produktentwickler und Produktmanager im Kopf haben. Vielmehr wird ein Produkt über den gesamten materiellen „Lebensweg“ – von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung – in seinen Umweltauswirkungen bilanziert.

Solche Analysen sind wichtig. So wies die United Nations University vor wenigen Wochen auf die Klimawirksamkeit von Elektro- und Elektronikgeräten hin – gemeint war der Einsatz von Rohstoffen. Diese müssen aufwendig gewonnen werden und dieser Aufwand ist mit jedem Neugerät verbunden. Die Herstellung eines PCs verbraucht demnach rund das Zehnfache seines Gewichts an fossilen Energieträgern.

Der Zentralverband der Elektro- und Elektronikgeräteindustrie ZVEI betont dagegen, dass durch den Ersatz alter Elektrogeräte ein riesiges Energieeinsparpotenzial besteht: Neue Geräte verbrauchen meistens weniger Strom als die alten.

Was ist also besser? Wegwerfen und neu kaufen? Oder die Geräte, auch wenn es Stromfresser sind, möglichst lange nutzen?

Das zu entscheiden, braucht es eine Ökobilanz. Eine derartige LCA-Bilanz berücksichtigt solche Aspekte. Sie macht keinen Halt vor politischen oder geographischen Grenzen.

Es spielt keine Rolle, ob ein Auto in Deutschland oder Spanien hergestellt und in Rumänien oder Russland entsorgt wird. Denn so viel haben wir gelernt: Wo die Belastungen durch ein Produkt auftreten, ist der Umwelt (dem Klima erst recht) egal sie sind immer irgendwie und irgendwo schädlich.

Gerade in einer globalisierten Welt kann die Ökobilanz eine wertvolle Entscheidungshilfe für unser (lokales) Handeln sein. Aber sie muss politisch gewollt sein und entsprechend gefördert werden. Selbstverständlich ist dieser Ansatz heute immer noch nicht.

Deutschland kann eigentlich auf eine beachtliche Vergangenheit in puncto Life Cycle Assessment zurückblicken. Deutsche Wissenschaftler waren seit den 80er Jahren an der methodischen Entwicklung der Ökobilanzen beteiligt und engagierten sich bei der internationalen Normierung der Methode.

Heute existieren ISO-Normen zu LCA bereits in der zweiten Generation. Der Staat hatte in den 90er Jahren einige wichtige LCA erstellen lassen: zu Verpackungen und Waschmitteln, zu Papier und nachwachsenden Rohstoffen.

Es gibt große Unternehmen wie Volkswagen, Daimler-Chrysler oder BASF, die auf die interne Ökobilanzierung von Produkten gesetzt haben und bis heute eigene Arbeitsgruppen dazu unterhalten.

In Deutschland wurde die erste internationale Fachzeitschrift zu LCA ins Leben gerufen und die ersten Software-Tools für Ökobilanzen kommerziell angeboten. Inzwischen spielt die Musik woanders. Vorne stehen die Schweiz, die Niederlande oder Skandinavien – Länder, die mehr Kontinuität in der wissenschaftlichen Weiterentwicklung und Bereitstellung von erforderlicher LCA-Dateninfrastruktur bewiesen haben.

In Deutschland tun sich Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere, schwer mit einer Methode, die nicht ganz einfach einzusetzen ist und viel Sachverstand voraussetzt. Ein Bierdeckel reicht eben nicht.

Nach anfänglich großem Engagement hält sich das Umweltbundesamt heute eher zurück und hat die personellen Ressourcen für LCA deutlich reduziert. Die kontroversen Diskussionen mit dem BDI zur Verpackungsverordnung sind noch nicht vergessen. Sie haften der Ökobilanz wie ein Makel an.

Sucht man beim Bundesforschungsministerium (BMBF) nach Forschungsprogrammen zu LCA, so sucht man vergeblich. Lediglich ein Netzwerk für LCA-Daten wurde in den letzten Jahren vom BMBF gefördert.

Richtige Forschung und Weiterentwicklung der Ökobilanzmethode stehen nicht auf der Tagesordnung. Warum auch? Das BMBF setzt die LCA-Methodik ja nicht einmal standardmäßig für die Bewertung seiner eigenen diversen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben ein, die unter dem Stichwort Nachhaltigkeit, Ökologie oder Klimaschutz stehen.

Und so kommt es, dass der Staat zwar krampfhaft nach Lösungen sucht, um die (Um-)Welt zu retten. Seriöse Maßstäbe und Methoden, wie man die Spreu vom Weizen trennt oder die neuen Techniken richtig bewertet, liegen aber kaum vor.

Wie will man da entscheiden, was für die Umwelt am besten ist?

Genau das wäre aber dringend geboten. Bei der Förderung technischer Innovationen und Entwicklungen sollte das BMBF – schon in der Ausschreibung – darauf dringen, Ökobilanzen stärker einzusetzen.

Forscher und Entwicklergruppen brauchen hierzu natürlich inhaltliche Unterstützung und Anleitung. Und sie müssten sich stärker in ihren „ganzheitlichen“ Ergebnissen austauschen.

Auch die Wirtschaft braucht Hilfe. Warum unterstützt der Staat nicht gezielt den Mittelstand, wenn sich dieser bei seinen Innovationen auch über die Lebenswegbilanz seiner Produkte Gedanken macht? Erst dann wird die Berücksichtigung ökologischer Anforderungen bei der Produktentwicklung zur Normalität und setzt sich in den Köpfen von Entscheidern fest.

Das funktioniert natürlich nur, wenn man Lebensweganalysen als ein wichtiges Handlungsfeld und Leitmotiv nachhaltigen Handelns begreift und auch wissenschaftlich weiterentwickelt. Deutschland sollte sich deshalb ein Förderprogramm zum Forschungsthema LCA leisten.

Es gibt noch zahlreiche offene Fragen. Beispielsweise:

– Von welchen Daten für typische Standardprozesse geht man aus?

– Was macht man mit Datenunsicherheiten?

– Will man „durchschnittliche“ Technologien oder konkrete Lieferbeziehungen in der Produktion abbilden?

– Wie lastet man den Produkten jene Umweltbelastungen an, die längst erfolgt und nicht mehr „rückholbar“ sind?

– Wie wertet man den Klimaschutz-Nutzen von Biodiesel gegenüber der Artenschutzgefährdung in den Regenwäldern Indonesiens, wenn unseretwegen immer mehr Palmölplantagen entstehen?

Nachhaltig handeln und die indirekten Effekte seiner Handlung richtig einschätzen, ist nicht trivial und muss erlernt sein – von Wirtschaft, Staat und Wissenschaft. Die Politik sollte Methoden des Life Cycle Assessments weiterentwickeln lassen und die bisherigen Erfahrungen der Wissenschaft nutzen. Der politische Wille dazu ist natürlich Voraussetzung. Insofern hat Kurt Beck – wahrscheinlich eher unbewusst – das richtige Signal gesetzt.

MARIO SCHMIDT

Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, hatte es Ende Februar einmal versucht. Er zählte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Nachteile der Kernenergietechnik auf. Zugegeben: Seine Analyseergebnisse zur Kernkraft waren noch nicht ganz ausgereift. Es war eher eine Bierdeckel-Ökobilanz.

Was aber zählt, ist der Wille. Der Wille zu einer ganzheitlichen Bilanzierung, die die Umweltsünden nicht nur in der Betriebsphase, sondern bei der Herstellung der Anlagen, der Bereitstellung der Rohstoffe, der Entsorgung der Altanlagen und des Abfalls mit einbezieht.

Der Politiker Kurt Beck hat im Prinzip das gemacht, was in Fachkreisen als Life Cycle Assessment – oder kurz: LCA – bezeichnet wird. In Deutschland sagt man nach wie vor „Ökobilanz“ oder „Lebensweganalyse“ dazu.

Gemeint ist damit allerdings nicht jener Produktlebenszyklus, den die Produktentwickler und Produktmanager im Kopf haben. Vielmehr wird ein Produkt über den gesamten materiellen „Lebensweg“ – von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung – in seinen Umweltauswirkungen bilanziert.

Solche Analysen sind wichtig. So wies die United Nations University vor wenigen Wochen auf die Klimawirksamkeit von Elektro- und Elektronikgeräten hin – gemeint war der Einsatz von Rohstoffen. Diese müssen aufwendig gewonnen werden und dieser Aufwand ist mit jedem Neugerät verbunden. Die Herstellung eines PCs verbraucht demnach rund das Zehnfache seines Gewichts an fossilen Energieträgern.

Der Zentralverband der Elektro- und Elektronikgeräteindustrie ZVEI betont dagegen, dass durch den Ersatz alter Elektrogeräte ein riesiges Energieeinsparpotenzial besteht: Neue Geräte verbrauchen meistens weniger Strom als die alten.

Was ist also besser? Wegwerfen und neu kaufen? Oder die Geräte, auch wenn es Stromfresser sind, möglichst lange nutzen?

Das zu entscheiden, braucht es eine Ökobilanz. Eine derartige LCA-Bilanz berücksichtigt solche Aspekte. Sie macht keinen Halt vor politischen oder geographischen Grenzen.

Es spielt keine Rolle, ob ein Auto in Deutschland oder Spanien hergestellt und in Rumänien oder Russland entsorgt wird. Denn so viel haben wir gelernt: Wo die Belastungen durch ein Produkt auftreten, ist der Umwelt (dem Klima erst recht) egal sie sind immer irgendwie und irgendwo schädlich.

Gerade in einer globalisierten Welt kann die Ökobilanz eine wertvolle Entscheidungshilfe für unser (lokales) Handeln sein. Aber sie muss politisch gewollt sein und entsprechend gefördert werden. Selbstverständlich ist dieser Ansatz heute immer noch nicht.

Deutschland kann eigentlich auf eine beachtliche Vergangenheit in puncto Life Cycle Assessment zurückblicken. Deutsche Wissenschaftler waren seit den 80er Jahren an der methodischen Entwicklung der Ökobilanzen beteiligt und engagierten sich bei der internationalen Normierung der Methode.

Heute existieren ISO-Normen zu LCA bereits in der zweiten Generation. Der Staat hatte in den 90er Jahren einige wichtige LCA erstellen lassen: zu Verpackungen und Waschmitteln, zu Papier und nachwachsenden Rohstoffen.

Es gibt große Unternehmen wie Volkswagen, Daimler-Chrysler oder BASF, die auf die interne Ökobilanzierung von Produkten gesetzt haben und bis heute eigene Arbeitsgruppen dazu unterhalten.

In Deutschland wurde die erste internationale Fachzeitschrift zu LCA ins Leben gerufen und die ersten Software-Tools für Ökobilanzen kommerziell angeboten. Inzwischen spielt die Musik woanders. Vorne stehen die Schweiz, die Niederlande oder Skandinavien – Länder, die mehr Kontinuität in der wissenschaftlichen Weiterentwicklung und Bereitstellung von erforderlicher LCA-Dateninfrastruktur bewiesen haben.

In Deutschland tun sich Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere, schwer mit einer Methode, die nicht ganz einfach einzusetzen ist und viel Sachverstand voraussetzt. Ein Bierdeckel reicht eben nicht.

Nach anfänglich großem Engagement hält sich das Umweltbundesamt heute eher zurück und hat die personellen Ressourcen für LCA deutlich reduziert. Die kontroversen Diskussionen mit dem BDI zur Verpackungsverordnung sind noch nicht vergessen. Sie haften der Ökobilanz wie ein Makel an.

Sucht man beim Bundesforschungsministerium (BMBF) nach Forschungsprogrammen zu LCA, so sucht man vergeblich. Lediglich ein Netzwerk für LCA-Daten wurde in den letzten Jahren vom BMBF gefördert.

Richtige Forschung und Weiterentwicklung der Ökobilanzmethode stehen nicht auf der Tagesordnung. Warum auch? Das BMBF setzt die LCA-Methodik ja nicht einmal standardmäßig für die Bewertung seiner eigenen diversen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben ein, die unter dem Stichwort Nachhaltigkeit, Ökologie oder Klimaschutz stehen.

Und so kommt es, dass der Staat zwar krampfhaft nach Lösungen sucht, um die (Um-)Welt zu retten. Seriöse Maßstäbe und Methoden, wie man die Spreu vom Weizen trennt oder die neuen Techniken richtig bewertet, liegen aber kaum vor.

Wie will man da entscheiden, was für die Umwelt am besten ist?

Genau das wäre aber dringend geboten. Bei der Förderung technischer Innovationen und Entwicklungen sollte das BMBF – schon in der Ausschreibung – darauf dringen, Ökobilanzen stärker einzusetzen.

Forscher und Entwicklergruppen brauchen hierzu natürlich inhaltliche Unterstützung und Anleitung. Und sie müssten sich stärker in ihren „ganzheitlichen“ Ergebnissen austauschen.

Auch die Wirtschaft braucht Hilfe. Warum unterstützt der Staat nicht gezielt den Mittelstand, wenn sich dieser bei seinen Innovationen auch über die Lebenswegbilanz seiner Produkte Gedanken macht? Erst dann wird die Berücksichtigung ökologischer Anforderungen bei der Produktentwicklung zur Normalität und setzt sich in den Köpfen von Entscheidern fest.

Das funktioniert natürlich nur, wenn man Lebensweganalysen als ein wichtiges Handlungsfeld und Leitmotiv nachhaltigen Handelns begreift und auch wissenschaftlich weiterentwickelt. Deutschland sollte sich deshalb ein Förderprogramm zum Forschungsthema LCA leisten.

Es gibt noch zahlreiche offene Fragen. Beispielsweise:

– Von welchen Daten für typische Standardprozesse geht man aus?

– Was macht man mit Datenunsicherheiten?

– Will man „durchschnittliche“ Technologien oder konkrete Lieferbeziehungen in der Produktion abbilden?

– Wie lastet man den Produkten jene Umweltbelastungen an, die längst erfolgt und nicht mehr „rückholbar“ sind?

– Wie wertet man den Klimaschutz-Nutzen von Biodiesel gegenüber der Artenschutzgefährdung in den Regenwäldern Indonesiens, wenn unseretwegen immer mehr Palmölplantagen entstehen?

Nachhaltig handeln und die indirekten Effekte seiner Handlung richtig einschätzen, ist nicht trivial und muss erlernt sein – von Wirtschaft, Staat und Wissenschaft. Die Politik sollte Methoden des Life Cycle Assessments weiterentwickeln lassen und die bisherigen Erfahrungen der Wissenschaft nutzen. Der politische Wille dazu ist natürlich Voraussetzung. Insofern hat Kurt Beck – wahrscheinlich eher unbewusst – das richtige Signal gesetzt.

MARIO SCHMIDT

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  • Mario Schmidt

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