Recyclingwirtschaft 29.07.2011, 12:08 Uhr

Noch mehr Kunststoffe recyceln

In Zeiten knapper werdender Ressourcen sollte die stoffliche Nutzung von ausgedienten Kunststoffprodukten nach Ansicht der Recyclingwirtschaft weiter forciert werden. Seit Inkrafttreten der deutschen Verpackungsverordnung vor zwanzig Jahren ist die Verwertungsquote von Kunststoffverpackungen in Deutschland auf inzwischen 65 % angestiegen. Die Branche hofft jedoch, dass die Messlatte mit der Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes auf 80 % angehoben wird.

Kunststoffrecycling soll forciert werden.

Kunststoffrecycling soll forciert werden.

Foto: Duales System Deutschland DSD

In Deutschland landen noch immer 32 % der verwertbaren Kunststoffe in der grauen Restmülltonne. Das ist für Burkhard Landers, Präsident des Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (Bvse), Bonn, ein volkswirtschaftlich und ökologisch nicht tragbarer Zustand. „In Zeiten, wo die fossilen Rohstoffe immer knapper und teurer werden, müssen wir das heimische Aufkommen von Sekundärrohstoffen immer besser nutzen“, verdeutlichte der Bvse-Präsident jüngst bei der Podiumsdiskussion anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Multiport Recycling in Bernburg den wachsenden Stellenwert der Kunststoffwiederverwertung.

Dabei räumt Landers der stofflichen Nutzung von gebrauchten Polymerprodukten absoluten Vorrang ein. So könne beispielsweise das Recycling von 1 t Polyethylenterephthalat (PET) aus den vom Handel zurückgenommenen Getränkeverpackungen dafür sorgen, dass ein Äquivalent von rund 3 t Kohlendioxid (CO2) nicht in die Atmosphäre gelangt.

Kunststoffe: Erfassung und Rücknahme haben sich bewährt

Die getrennte Erfassung von Kunststoffabfällen in der Industrie hat sich nach Ansicht des Bvse-Präsidenten ebenso bewährt wie die Rücknahme von Kunststoffverpackungen über den gelben Sack in den Haushalten. Die Rohstoffverwertung sei dabei in den letzten Jahren deutlich kostengünstiger geworden. Landers: „Wenn heute die Erfassung und Wiederaufbereitung von Kunststoff noch Geld kosten, dann nur deshalb, weil der Ressourcenverbrauch nicht eingepreist ist.“

Für Herbert Snell, Geschäftsführer der Multiport und Multipet GmbH in Bernburg hat sich der frühzeitige Einstieg in den Kunststoffrecyclingmarkt betriebswirtschaftlich schon gelohnt. Während Multiport am 22. Juni sein 20-jähriges Firmenjubiläum feierte und damit fast so alt ist wie die deutsche Verpackungsverordnung, startete Multipet zehn Jahre später ins Sekundärrohstoffgeschäft. Das Kunststoffrecyclingunternehmen konzentrierte sich auf die Verarbeitung von PET-Flaschen. „Wir haben ein stetiges Wachstum auf aktuell 60 000 t/a Verarbeitungskapazität erzielen können und erlösen damit jährlich einen Umsatz von 30 Mio. €“, konnte Snell zum 10-jährigen Firmenjubiläum berichten. Verarbeitet werden sowohl sortenrein aus der Industrie und dem Handel angelieferte Altgebinde als auch Getränkeflaschen und Restkunststoffabfälle aus den haushaltsnahen Sammlungen.

300 Unternehmen bereiten in Deutschland Kunststoffe auf

Laut Landers zählt die gesamte Branche der Kunststoffaufbereitung heute in Deutschland rund 300 Unternehmen, 42 davon recyceln jährlich rund 860 000 t Sekundärrohstoffe. Der zahlenmäßig größte Teil der Unternehmen ist in der Erfassung und Logistik tätig. Landers hofft, dass mit der anstehenden Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes die vorgeschriebene Verwertungsquote für das Recycling von Siedlungsabfällen auf mindestens 80 % steigt. Denn die technische Entwicklung ermögliche heute eine kostengünstige Kunststofferfassung und -aufbereitung, auch wenn die Trennung nicht sortenrein gesammelter Materialien für die Herstellung hochwertiger Produkte noch ein Schwachpunkt sei.

Peter Orth von der Plattform für Kunststoff und Verwertung, Frankfurt/Main, sieht die Lösung des Problems weniger in der Technologie als vielmehr bei den Bürgern. Diese würden in Deutschland bereits viel Energie aufwenden, um bei der Wiederaufbereitung viel Energie zu sparen. Orth: „Die Kunststoffindustrie hat ein ureigenes Interesse an einer hohen quantitativen Verwertung, aber wo es unwirtschaftlich ist, sollte die thermische Verwertung Vorrang vor einer starren Recyclingquote haben.“ Letztlich müsse der Markt mit entscheiden, welcher Weg sinnvoller ist. „Zudem muss die Bundesregierung sich damit durchsetzen, dass das Verbringen von Kunststoff auf Deponien nicht nur in einigen, sondern in allen EU-Ländern verboten wird“, mahnt Ort zudem eine Harmonisierung an, um den Wettbewerb nicht zu verzerren.

Alte Kunststoffe werden zunehmend auch ins Ausland exportiert

Joachim Wuttke, Experte für kommunale Abfallwirtschaft beim Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau, sieht das nicht anders. Er bemängelt vor allem, dass heute große Mengen von Altkunststoffen ins Ausland exportiert werden – mit allen Gefahren einer einfachen Entsorgung. Auch er erachtet für Deutschland eine Quote um 80 % inzwischen als eine realistische Größe. „Keiner am Markt hat eigentlich ein Interesse an niedrigeren Werten“, so Wuttke. Aus Sicht des Umweltbundesamtes sei in Deutschland ein höherer Anteil beim Recycling möglich: „Bislang landen selbst aus dem gewerblichen Bereich zu viele Abfälle direkt in der Müllverbrennung“, kritisiert der UBA-Experte.

Um die bislang großen Exportmengen von Abfallkunststoffen vor allem bei Restmengen aus dem Sortierbereich zu reduzieren, schlägt Wuttke Deckelungswerte vor – bislang würden noch „Sortierreste im Millionen-Tonnen-Bereich“ exportiert.

Herbert Snell von Multipet macht sich angesichts der Marktnachfrage jedoch keine Sorgen. Sein Unternehmen schreibt schwarze Zahlen und wächst kontinuierlich. Das sei angesichts der inzwischen hohen Reinheiten der Granulate und PET-Flakes und eines im Vergleich zur Neuware fast 50 % niedrigeren Preises auch leicht erklärbar. Multiport und Multipet wollen deshalb in diesem Jahr ihre Recyclingkapazitäten am Standort Bernburg um weitere 5000 t steigern.

Ein Beitrag von:

  • Manfred Schulze

    Manfred Schulze ist freier Journalist für Fachzeitungen Energie, Logistik, Technologie.

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