Umwelt 18.08.2000, 17:26 Uhr

Neue Samen für Samos

Das Vertrauen auf die Einnahmen aus dem Tourismus hat zu einer waghalsigen Vernachlässigung der Natur geführt.

Es ist totenstill im Wald oberhalb von Spathareoi. Verkohlte Kiefern reckten ihre schwarzen Äste in den heißen Himmel, der Waldboden ist zentimeterdick mit Asche bedeckt, kein Tourist weit und breit. „Katastrofie!“ Evangelia Bini ringt die Hände. „Bibliki katastrofie!“ Ob es tatsächlich Gottes Wille war, dass das Feuer auf der Insel ihre Töpferei im Dorf in Schutt und Asche legt, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Evangelia und ihre Familie durch den Brand im Juli ihre Existenzgrundlage verloren haben. Mit ihr rund 3500 Bauern auf der Insel – Olivenbauern, Winzer, Imker und Waldbesitzer.
Es war das größte Feuer in Griechenland, an das sich Thomas Thymianides erinnern kann. Und für den Feuerwehrmann aus Pythagorion hatte es durchaus irdische Ursachen. „Brandstiftung“ ist der Grieche überzeugt. Ein Schäfer aus dem Bergdorf Mitilini, so erzählt er, habe schon vor Jahren angekündigt, er werde mal ein großes Feuer legen, um die Weidegründe für seine Schafe zu vergrößern. Freilich fehlen der Polizei Beweise, um jemanden dingfest zu machen.
Was zunächst nach einem kleinen Feuer aussah, entwickelt sich in der Nacht vom 6. Juli zur Katastrophe. Aufkommende Winde, die mit Orkanstärke über die Insel fegten, verbreiteten die Flammen binnen kurzer Zeit über den gesamten Ostteil von Samos. Bäume, Oliven, und Weinstöcke, die in den Tagen zuvor durch eine ungewöhnliche Hitzewelle mit Temperaturen bis zu 45 °C völlig ausgedörrt waren, hatten keine Chance. Kaum eine Chance hatten auch die rund 6000 Feuerwehrleute und freiwilligen Helfer, die mit über 60 Löschfahrzeugen und sechs Hubschraubern fünf Tage lang einen Kampf gegen die bis zu 70 m hohen Flammen führten. „Feuer ist ein Krieg“, sagt Thymianides.
Der Krieg ist verloren. Zwischen Pythagorion im Süden und Kokari an der Nordküste hat das Feuer einen 4000 ha großen Todesstreifen über das Land gelegt. Zwei Klöster wurden zerstört, über 300 Häuser und Scheunen brannten nieder, eine alte Frau starb, als sie noch während des Feuers entgegen den Anweisungen der Behörden in ihr Haus zurückkehrte.
Für die Einheimischen ist das Feuer Thema Nummer eins und die Gerüchteküche kocht. Von gezielter Brandstiftung ist die Rede, um Samos einen Teil der jährlich 300 000 Touristen wegzunehmen. Oder davon, dass unbekannte Strategen die Produktivität der Bauern auf der Insel reduzieren wollen. Oder steckt gar die Tourismusindustrie dahinter, die auf diese Weise zu neuem Bauland kommen will? Die Feuerwehr, so viel ist klar, hatte während ihres Einsatzes nicht nur gegen die Flammen in oft schwer zugänglichen Gebieten zu kämpfen. „Es herrschte Chaos“, erzählt Thymianides. Auf die ortskundigen Einheimischen hätten die „Fremden“ aus Athen und von den Nachbarinseln nicht gehört. So blieb den Einsatzkräfte oft nicht mehr als nutzlose Touristenkarten zur Orientierung. Zudem gab es keine Tanklastzüge und Regenrückhaltebecken, um Löschfahrzeuge und Helikopter rasch wieder aufzutanken. Es fehlten Motorsägen, Funkgeräte und Spezialschuhe für die Freiwilligen.
Nicht alle Flächen sind gleich stark geschädigt. Aufgeräumte und intensiv bewirtschaftete Olivenhaine und Weinterrassen sind häufig nur angesengt, vernachlässigte Kulturen dagegen wurden bis auf die Wurzeln niedergebrannt. Die Ausdehnung der feuergefährdeten Flächen aber nimmt zu: Oliven- und Weinanbau lohnt immer weniger, immer mehr Bauern suchen sich ihren Haupterwerb im Tourismus.
Was Wanderer an der ostägäischen Insel so liebten, wurde ihr während der Brände zum Verhängnis: Es rächte sich, dass sich die großen Waldflächen auf Samos weitgehend selbst überlassen sind. Den Waldbesitzern ist per Gesetz verboten, alte Bäume zu schlagen, Unterholz auszuräumen oder gar Laubbäume zu pflanzen, die Feuer leichter überstehen. Das dichte Unterholz gab dem Feuer ausreichend Nahrung, sich ungehindert auszubreiten.
Der Bürgermeister von Pythagorion kennt das Problem. „Wir müssen die Waldgesetze ändern“, sagt Nikos Markos, „und wir müssen dafür sorgen, dass die Bauern ein besseres Auskommen haben.“ Das freilich geht nicht ohne Zustimmung aus Athen. „Die Wirtschaft der Insel“, schreibt Nikos daher in einem Bittbrief an den griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Simitis, „ist nach dem Feuer auf den Knien und die Gefahr der Landflucht ist größer als während des Bürgerkriegs.“ Der Tourismus, so Markos, wird früher oder später darunter leiden. Denn wer kommt noch auf eine Insel, auf der viele der schönsten Regionen zerstört sind und die jederzeit wieder Opfer von Flammen werden kann?
Athen ist mittlerweile aufgewacht. So ermittelt der Oberstaatsanwalt gegen den Feuerwehrkommandanten, der ohne detaillierte Einsatzpläne seine Männer in das Feuer schickte. Es ist gut, dass Athen sich einschaltet, sagen viele, auch wenn kaum jemand daran glaubt, dass sich dadurch rasch etwas ändern wird: Athen ist weit und während der Feuer auf Samos brannte es an 150 weiteren Stellen in Griechenland. Die Soforthilfe beschränkt sich bislang auf eine einmalige Zahlung von 1200 DM pro Landwirt. Wer seine abgebrannten Olivenbäume den Behörden meldet, kann mit 24 DM pro Baum rechnen – allerdings nur, wenn er keinen Nebenverdienst im Tourismus hat. Alle warten zudem auf Hilfe aus EU-Kassen, doch dafür müssen die Schäden erst mal kartiert werden, muss klar sein, welche Gemeinde welche Schäden erlitten hat und wie mögliche EU-Mittel am sinnvollsten verteilt werden sollen.
Bis die Berichte fertig sind, wird noch viel Zeit ins Land gehen. Nicht alle wollen so lange warten. Zu ihnen gehört Georgios Radoglou, Leiter der Athener Niederlassung des Gerling-Konzerns. Mit einem Anfangsetat von 100 000 DM will er Spezialisten und Material finanzieren, um ein Konzept zu entwickeln, wie Waldbränden verhindert, effektiver bekämpft und durch die Kräfte vor Ort besser unter Kontrolle gehalten werden können – vorausgesetzt, es gelingt, durch Spendenaktionen weitere Mittel aufzutreiben. Mittel- und langfristig aber braucht Samos viel mehr: eine nachhaltige Landwirtschaft. Dafür hat Gerling Athen mehrere Projekte erarbeitet, um biologischen Anbau und Agrotourismus zu fördern. Auch schlägt Radoglou den Bau einer Anlage für die umweltverträgliche Energiegewinnung aus Biomasse vor. „Möglicherweise“, so hofft er, „bringt der Brand jetzt die Sache schneller voran.“
Auch Wissenschaftler machen sich Gedanken über die Zukunft der Insel. Auf Kosten des Reiseveranstalters TUI waren in der vergangenen Woche drei Geografen und Landschaftsarchitekten aus Münster auf der Insel unterwegs, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. „Die Erosionsgefahr ist nicht so groß, wie wir befürchtet haben“, resümiert der Geograf Matthias Remmert. „Wenn aber nicht schnell etwas passiert, werden Wind und Regen im Herbst die Schäden weiter verschlimmern.“ Die drei raten vor allem zu einer gezielten Wiederaufforstung: mit Mischwald, da Laubbäume Feuer besser überstehen, mit Brandschutzschneisen und der Pflanzung von Weinstöcken, die sich als relativ feuerresistent erwiesen haben. Noch stoßen solche Vorschläge bei den Verantwortlichen auf Skepsis, denn Reparaturmaßnahmen nach Bränden sind auf Griechenland unbekannt. „Der Wald erholt sich von allein wieder“, ist Phythagoras Vardikos, Abgeordneter für Samos im Athener Parlament, überzeugt.
Die besten Aussichten hat, wer gar nicht auf die Hilfe der Politik wartet. Wie Ioannis Taleporou, der mit seiner deutschen Frau Ulrike im Küstenstädtchen Ireon eine Pension betreibt. Gemeinsam mit drei Freunden will er künftig seine Oliven ökologisch bewirtschaften, auf Dünger und Pflanzenschutzmittel verzichten und das Öl dann über das Internet verkaufen.
Auch Feuerwehrmann Thymianides greift zur Selbsthilfe. Fast alles, was er über Brandbekämpfung weiß, hat er von Deutschen gelernt. 1992 gelang es ihm, für Pythagorion ein eigenes Feuerwehrauto zu besorgen. Heute haben über 20 Dörfer auf der Insel permanent ein Löschfahrzeug zur Verfügung – das meist aus Deutschland stammt. Außerdem hat er begonnen, junge Leute für die freiwillige Feuerwehr zu begeistern, und unterrichtet rund 300 Schüler. Was er sich am meisten wünscht? Geld, um Uniformen für die jungen Leute zu kaufen. „Denn das“, sagt er stolz, „werden mal die besten Feuerwehrleute, die wir je hatten.“
Über eines sind alle gleichermaßen erleichtert: Dass die Brände keine Touristenzentren in Mitleidenschaft gezogen haben, denn die Gebirgsketten in der Mitte der Insel schützten die zahlreichen Hotels im Westen vor dem Feuer. „Man darf auf keinen Fall sagen, Samos sei eine zerstörte Insel“, beschwört TUI-Umweltexpertin Marina Lattusek. Darin stimmt sie mit der Töpfersfrau aus Spathareoi überein. „Wir brauchen die Touristen“, sagt Evangelia und blickt die heiße, leere Straße hinunter, auf der früher Busse Scharen von Kunden zu ihrer Töpferei karrten, „schreiben Sie das.“ C. FRIEDL
Samos online

Hilfe kommt per Internet

Samos hat viele Freunde. Doch die meisten fühlen sich von Presse und Fernsehen über die Brände auf der Insel nur schlecht informiert. Hier ist das Internet das ideale Medium, um aktuelle Informationen zu erhalten, sich auszutauschen und Spenden einzusammeln.
„Diesmal war der Brand so schlimm, dass was passieren muss“, sagt Ioannis Dimas, der auf Samos geboren wurde und heute beim Stuttgarter Unternehmen Debitel arbeitet. Gemeinsam mit zwei Freunden initiierte er die Webseite www.samoshilfe.de, die bislang rund 4000 DM Spenden eingesammelt hat. Pro Woche clicken rund 25 000 Interessierte die Seite an – „ein toller Erfolg“, so Dimas.
Ähnliches bietet die Webseite www.samos.de, eingerichtet vom Münsteraner Verein Pangaea e.V und der Abteilung Umweltmanagement des Hannoveraner Reisekonzerns TUI. Auch hier kann sich jeder über die Brände auf Samos informieren und erhält Kurzberichte der deutschen Wissenschaftler, die vergangene Woche auf der Insel unterwegs waren, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Wer spenden will, kann dies auf dieser Seite online tun. Pangaea und TUI haben bislang rund 8000 DM eingesammelt. Ein Forum zum Gedankenaustausch per Mail bietet darüber hinaus die Seite www.tui-umwelt.com.Wer mehr generelle Infos über die Insel sucht oder auch an Hintergründen über die Waldbrände der Vergangenheit oder die Struktur der Feuerwehr auf Samos interessiert ist, sollte die Seite www.in-greece.de. besuchen.
Leider hat das Internet auf der Insel selbst noch keinen großen Stellenwert. So ist bei der Stadt Pythagorion, deren Region am stärksten von den Bränden betroffen ist, zwar derzeit eine Webseite im Aufbau, zum Thema Feuer allerdings findet sich darin kein Wort. cf

 

Von C. Friedl
Von C. Friedl

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