Umwelt 12.01.2007, 19:26 Uhr

Naturkatastrophen haben Vorboten  

So registrieren vor einem Erdbeben Infrarotkameras von Satelliten aus bei freier Sicht in der betroffenen Region eine Temperaturerhöhung, obwohl die meteorologischen Daten keinerlei Veränderung zeigen.

Der Buchtitel bezieht sich auf das Beben am 4.2.1975 in Haicheng, Provinz Fujian, China. Dort waren trotz eisiger Kälte kurz zuvor Schlangen aus dem Winterschlaf erwacht – sie krochen aus ihren Erdverstecken und erfroren. Die Bevölkerung berichtete einer zentralen Stelle auch über Veränderungen an Bachläufen und andere Phänomene. Daraufhin wurde evakuiert – rechtzeitig vor dem Beben der Stärke 7,3. Die sorgfältig dokumentierten Beobachtungen wurden inzwischen wissenschaftlich ausgewertet.

Nach der Lektüre des Buchs überlegte Freund, wie man mögliche Auslöser für das auffällige Verhalten der Tiere physikalisch nachweisen könnte. Ein simpler Laborversuch lieferte erste Hinweise: Er setzte Steinbrocken in einer Presse unter hohen Druck, um die Situation kurz vor einem Erdbeben tief in der Erdkruste zu simulieren.

„Da können enorme Ströme fließen, wenn man den Teil des Gesteins, der unter Druck steht, mit dem Teil verbindet, der nicht unter Druck steht“, stellte er fest. „Umgerechnet auf 1 km³ Gestein sind das bis zu 1 Mio. A.“ Zum Vergleich: Ein Blitz hat eine Stromstärke von 20 000 A bis 200 000 A.

Was Freund entdeckte, kann erklären, warum Infrarotkameras von Satelliten unter geeigneten Bedingungen – freie Sicht und keine Vegetation – vor einem Erdbeben eine Temperaturerhöhung registrierten, während die meteorologischen Daten keinerlei Veränderung zeigten.

Was auf den Bildern aussah wie Wärme, war in Wirklichkeit Lumineszenz. Dieses Leuchten entsteht, wenn durch den Stromfluss im Gestein Elektronen an der Erdoberfläche bzw. in Aerosolen der Luft in einen angeregten Zustand versetzt werden.

Doch das Leuchten ist nicht das einzige Phänomen, das vor Erdbeben auftritt. Im August 2004 schickte das Centre National d“Études Spatiales, das französische Raumfahrtzentrum, den Satelliten Demeter in den Orbit. Der registrierte in 700 km Höhe elektrostatische Turbulenzen in der Ionosphäre. Für rund 4000 Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 4,8 wurden inzwischen Daten gesammelt, berichtete Projektleiter Dr. Michel Parrot vom Labor für Umweltphysik und -chemie in Orléans.

„Solche elektrostatischen Turbulenzen treten kurz vor und kurz nach Erdbeben auf“, so Parrot. Bisher seien das aber nur statistische Daten. Die Mission wird noch bis Ende 2008 dauern, und danach werde jedes einzelne Erdbeben untersucht. „Erst dann können wir beurteilen, ob dieses Phänomen sich für eine Erdbebenvorhersage eignet“, erklärte der französische Experte.

Doch das sind Zukunftsvisionen – die von Seismologen mit Skepsis betrachtet werden. Vor allem seit drei griechische Forscher Mitte der 90er-Jahre behaupteten, sie könnten mit Hilfe elektromagnetischer Messungen Erdbeben vorhersagen.

„Solche Vorläuferphänomene müssen bei jedem Beben auftreten, um für eine Vorhersage nutzbar zu sein“, sagte Prof. Heiner Igel, Seismologe an der Uni München, den VDI nachrichten. Und das war bei der griechischen Methode nicht der Fall. „Aber wir verstehen ja bis heute nicht, was vor einem Beben in der Tiefe wirklich passiert. Man kann nicht ausschließen, dass es da elektromagnetische Effekte gibt, die Tiere wahrnehmen können.“ Zum Beispiel Delfine: Ihre Wahrnehmungsfähigkeiten für derartige „koseismischen Effekte“ untersuchen derzeit japanische Forscher – der Zoo von Kobe berichtete, dass vor dem großen Beben im Januar 1995 ein Delfin aus seinem Becken gesprungen sei. RENATE ELL/ber

Satelliten registrieren Lumineszenz

Von Renate Ell/Bettina Reckter
Von Renate Ell/Bettina Reckter

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