Umwelttechnik 08.02.2008, 19:33 Uhr

Mini-Kläranlagen säubern Deutschlands Osten  

VDI nachrichten, Leipzig, 8. 2. 08, swe – Der Bevölkerungsschwund vor allem in Ostdeutschland erfordert bei der Abwasserentsorgung ein Umdenken. Kleine, dezentrale Lösungen sind in dünn besiedelten ländlichen Gebieten sinnvoller als Großkläranlagen. Entsprechend stark ist das Interesse an herstellerunabhängigen Informationen. Umfassende Beratung bietet das überregionale Bildungs- und Demonstrationszentrum für dezentrale Abwasserbehandlung (BDZ) in Leipzig.

Deutschlands Einwohnerzahl schrumpft – besonders dramatisch in den neuen Bundesländern. Dieser demografische Wandel hat Konsequenzen für die Infrastruktur einschließlich der Abwasserentsorgung.

„Vor allem in den neuen Bundesländern zeigt sich, dass infolge des demografischen Wandels Änderungen an den Abwasserbeseitigungskonzepten zugunsten dezentraler Lösungen vorgenommen werden müssen“, sagt Elmar Dorgeloh, Geschäftsführer des Prüf- und Entwicklungsinstituts für Abwassertechnik (PIA) an der RWTH Aachen. Anders als früher setzen Kommunen und Abwasserverbände in den bevölkerungsschwachen Regionen mittlerweile oft auf den Bau von kleinen, dezentralen Lösungen.

Auch die Europäische Union macht Druck: Laut Wasserrahmenrichtlinie müssen alle Grund- und Oberflächengewässer bis 2015 einen guten ökologischen und chemischen Zustand erreichen. Folglich müssen von etwa 2 Mio. Kleinkläranlagen in Deutschland mehr als die Hälfte entweder neu gebaut oder mit einer biologischen Reinigungsstufe auf den Stand der Technik gebracht werden. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach neutraler Beratung. Zumal es Laien schwer fällt, im Informationsdschungel den richtigen Weg zu finden. „Vor allem die Unsicherheiten beim Betrieb einer dezentralen Abwasseranlage wie einer Pflanzenkläranlage im Garten sind ganz erheblich“, weiß Dorgeloh.

Diese Lücke schließt das Bildungs- und Demonstrationszentrum für dezentrale Abwasserbehandlung e. V. (BDZ) in Leipzig. Dort wurde Mitte letzten Jahres nach zweijähriger Förderphase durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt das neue „Beratungszentrum Abwasser dezentral“ integriert.

Schon das neu aufgebaute Internetangebot, vor allem zu technischen und rechtlichen Aspekten, beantwortet viele Fragen zur dezentralen Abwasserentsorgung. Wem das nicht genügt, der kann sich bei Experten weiteren Rat holen. Das Serviceangebot richtet sich auch an Behörden, Verbände, Hersteller und Wartungsfirmen, sei es mit fallspezifischer Beratung, Fachveranstaltungen oder mit der Expertenvermittlung für Mediationen in Streitfällen.

Auf einem Demonstrationsfeld in Leipzig-Leutsch führt das BDZ zwölf funktionstüchtige Kleinkläranlagen vor, die in den Abwasserkreislauf integriert sind. Von Belebungsanlagen über Festbett- und Tropfkörperanlagen bis hin zu Pflanzenklär- und Teichanlagen reicht die Palette. Jede verfügbare Technologie ist mit mindestens einer Anlage vertreten. Demnächst sollen sieben weitere Modelle hinzu kommen.

Das Interesse an der Beratung des BDZ ist in Sachsen besonders groß, hat das Land doch auch mit dem Bevölkerungsschwund stark zu kämpfen. So verlor Sachsen seit 1990 von 4,8 Mio. Einwohnern mehr als eine halbe Million. Bis 2020 wird sich die Bevölkerung voraussichtlich weiter auf 3,9 Mio. bis 4 Mio. Einwohner reduzieren.

Sachsen hat reagiert und 2007 als erstes ostdeutsches Bundesland mit der Förderung von Kleinkläranlagen die Weichen für eine dezentrale Abwasserentsorgung gestellt. Anfang der 1990er Jahre war erst etwa die Hälfte der sächsischen Bevölkerung an die öffentliche Abwasserbeseitigung angeschlossen. Nach erheblichen Investitionen in öffentliche Netze und Kläranlagen wird der Anschlussgrad Ende 2008 bei 86 % liegen. Für über 10 % der sächsischen Bevölkerung in ländlichen Gebieten bleiben Kleinkläranlagen jedoch die einzig sinnvolle Lösung.

Ein Beispiel: Der Abwasserverband Untere Döllnitz in Oschatz umfasst 54 Ortschaften, für 42 davon käme keine zentrale Entsorgung in Frage. „Allein für das Kanalnetz müssten wir Millionen ausgeben“, erklärt Geschäftsführer Franz-Peter Streubel. Denn die winzigen Dörfer bringen es nur auf 25 bis 100 Einwohner. Auf den großen Bauernhöfen leben oft nur noch zwei ältere Menschen. „Alle haben ihre Ausfallgrube. So sehen unsere Gewässer auch aus“, moniert Streubel. „Spezielle Lösungen sind gefragt, und die sind beratungsintensiv.“

Viele Ratsuchende fragen nach Investitions- und Betriebskosten. „Wir aber wollen die für den Bürger passende Technologie herausfinden das muss nicht unbedingt die billigste sein“, betont BDZ-Pressesprecherin Gabriel Stich. Welche Kleinkläranlage die richtige ist, hängt von vielen Faktoren wie örtlichen Gegebenheiten, persönlichen Lebensverhältnissen, Störanfälligkeit, bevorzugtem Material, Garantiezeit oder Wartungsmöglichkeiten ab. Mitunter müssen knifflige Fälle gelöst werden: etwa wenn nur Technologien für den Unterlastbereich (weniger als vier Einwohner) in Frage kommen oder bei Gruppenkläranlagen.

Neben der Einzelfallberatung bietet das BDZ praxisnahe Weiterbildung für Fachpersonal von Herstellern, Wartungsfirmen und Abwasserverbänden an. Langfristig soll das Beratungsangebot peu à peu um weitere Technologien der dezentralen Abwasserentsorgung wie Entwässerungssysteme und neuartige Sanitärsysteme bis hin zur dezentralen Energiegewinnung erweitert werden.

Das Thema Bevölkerungsrückgang ist auch in Westdeutschland ein Thema. Beispiel Hessen: Während dieZahl der Menschen in der Rhein-Main-Region wächst, verlieren einige Regionen in Nordhessen stetig an Einwohnern. So sank die Bevölkerung im Werra-Meißner-Kreis, seit 1995 um 7 %, im Kassel und dem Hersfeld-Rotenburg-Kreis jeweils um 5 %. Die Zukunftsprognosen sind noch düsterer. Den Kleinkläranlagen erschließt das mehr Märkte.

CARLA REGGE

Von Carla Regge

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