Globale Landnutzung 28.01.2014, 12:42 Uhr

Mehr Nachhaltigkeit dringend erforderlich

Weltweit geht ein Drittel der Ernte in der Lebensmittelkette über Lagerung und Verarbeitung, im Handel und in den Haushalten als Abfall verloren. Ein Bericht des Internationalen Ressourcenrates (IRP) rät dringend zum Umdenken.

Mähdrescher fahren über einen Acker in Mecklenburg-Vorpommern und ernten Weizen. Weitaus häufiger wird Ackerland aber für Produktion von Tierfutter genutzt. 

Mähdrescher fahren über einen Acker in Mecklenburg-Vorpommern und ernten Weizen. Weitaus häufiger wird Ackerland aber für Produktion von Tierfutter genutzt. 

Foto: dpa/Jens Büttner

Etwa ein Drittel des Inhaltes einer durchschnittlichen Restmülltonne in Deutschland besteht aus Lebensmitteln, die Hälfte davon ist noch genießbar. Das ist das Ergebnis eines praktischen Wühltests im Restmüll, den Forscher der Universität Gießen  und der Fraunhofer-Projektgruppe für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategien IWKS in Alzenau schon vor über einem Jahr durchgeführt und jetzt ausgewertet und veröffentlicht haben. Im Schnitt wirft jeder Bundesbürger im Jahr 81,6 Kilogramm Lebensmittel einfach weg. 65 Prozent davon wären völlig oder aber teilweise vermeidbar gewesen. Es scheint also ein generelles Problem der Einstellung zu Lebensmitteln zu sein.

In Deutschland gelangen elf Millionen Tonnen Lebensmittel in den Abfall

Dieses eine Drittel, beschreibt aber nicht nur den durchschnittlichen Inhalt deutscher Restmülltonnen. Ein Drittel der weltweit geernteten Biomasse geht nach der Ernte in der weiteren Lagerung und Verarbeitung, im Handel und in den Haushalten als Abfall verloren. Das sind in Deutschland elf Millionen Tonnen im Jahr. Diese Zahlen nennt ein Bericht des Internationalen Ressourcenrates (IRP) zur globalen Landnutzung, den der Direktor des UNO-Umweltprogramms Achim Steiner am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos vorgestellt hat.

2050 bis zu 850 Millionen Hektar Ackerfläche mehr

Eine gewaltige Schere öffnet sich da in der weltweiten Landwirtschaft. Zum einen steigt die Nachfrage an Nahrung, an Biokraftstoffen und nachwachsenden Rohstoffen. Zeitgleich gehen aber immer mehr fruchtbare Böden durch Erosion und Überbauung verloren. Eine Entwicklung mit großem Bedrohungspotential für die Stabilität der Lebensmittelpreise und mit großem Potential für zunehmende Bodenspekulation. Wenn nicht aktiv gegengesteuert wirdweitet sich die Ackerfläche um bis zu 850 Millionen Hektar bis zum Jahr 2050 aus. Das erwarten die Autoren des Berichts, der von Professor Dr. Stefan Bringezu vom Wuppertal Institut Klima, Umwelt, Energie koordiniert wurde. Ausgangsbezug ist die im Jahr 2005 bestehende weltweite Ackerfläche von 1530 Millionen Hektar.

„Mit diesem Bericht liefert der Internationale Ressourcenrat eine Orientierungshilfe zum nachhaltigen Management der Ressource Land“, stellt Bringezu heraus und folgert: „Ohne eine Veränderung unseres Verbrauchs wird eine nachhaltige Landnutzung nicht möglich sein. Ein Wandel ist aber möglich, der Nahrungsmittelsicherheit international gerechter und risikoärmer gewährleistet.“

Täglich werden 70 Hektar in Deutschland versiegelt

Es gilt also, mit fruchtbarem Boden sorgsamer als bisher umzugehen. Dazu ist eine bessere landwirtschaftliche Praxis dringend erforderlich. Und es erfordert eine veränderte Raumplanung, die eine Überbauung produktiver Anbauflächen vermeidet. Es sind in Deutschland immer noch rund 70 Hektar, die jeden Tag für Parkplätze, Straßen, Supermärkte und Häuser, also für Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt werden.

Der Bericht benennt die grassierende Urbanisierung als ein zentrales Problem: Lebten im Jahre 2010 etwa die Hälfte der Menschen in urbanen Räumen, werden es im Jahre 2050 etwa 70 Prozent sein. Viel zu oft geschieht dieser Prozess der Urbanisierung auf Kosten landwirtschaftlich nutzbarer und fruchtbarer Böden.

Fünfmal mehr Ackerfläche für Tierfutter als für Nahrungsmittel

Es ist vor allem der ungebremste Hunger auf tierische Lebensmittel, der den Druck auf fruchtbares Land verstärkt. Im Bericht des IRP wird deshalb eine gesündere Ernährung, die auf ein Übermaß an Fleisch- und Milchprodukten verzichtet als wesentlicher Baustein für eine nachhaltige und zukunftsfähige Landwirtschaft benannt. Die Tierproduktion braucht in Deutschland fünfmal mehr Fläche für das Futter als die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel mit dem gleichen Nährwert.

Maisanbau in Brandenburg. Die Pflanzen werden zu Tierfutter verarbeitet. 

Maisanbau in Brandenburg. Die Pflanzen werden zu Tierfutter verarbeitet. 

Foto: dpa-Zentralbild

Auch nicht zufrieden sind die Experten um Professor Bringezu mit dem wachsenden Einsatz von Energiepflanzen für Biokraftstoffe. Deren Verbrauch sollte laut Bericht durch die Verminderung und letztlich die Aufgabe von vorgeschriebenen Verbrauchszahlen reduziert werden.

Effektive Bewirtschaftungsmethoden

Letztlich sind also alle Akteure entlang der Lebensmittelkette gefordert, ihr Verhalten zu verändern, um die immer wertvoller werdenden fruchtbaren Ackerflächen zu erhalten. Die Landwirte müssen schonende und zugleich effektive Bewirtschaftungsmethoden anwenden, die sicherstellen, dass die Leistungsfähigkeit der Flächen nicht leidet. Die Händler müssen wohl ihre Bevorratungspraktiken überdenken. Wer heute drei Minuten vor Ladenschluss die am Supermarkt angeschlossene Bäckerei betritt, kann noch ein frisches Brot erwerben. Es liegt auf der Hand, dass so kurz nach Ladenschluss das Brot gleich palettenweise in den Abfall kommt.

61 Prozent des Abfalls stammt aus Privathaushalten

Am Schluss der Lebensmittelkette steht der Verbraucher. Und da zeigt sich, dass der wohl der wichtigste Akteur in der komplexen Lebensmittelkette ist. Denn von den elf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die in Deutschland als Abfall entsorgt werden, stammen 61 Prozent aus Privathaushalten. In diesen Privathaushalten scheint es einen großen Unterschied hinsichtlich des Umgangs mit noch essbaren Lebensmitteln zu geben. So fanden die Wühler im Restmüll Gießens heraus, dass die Bewohner von Einfamilienhäuser am wenigsten Lebensmittel über den Restmüll entsorgen. Im Müll der Bewohner von Wohnblöcken fanden die Forscher fast dreimal soviel Lebensmittel. Und: In der Stadt landet mehr Essbares im Restmüll als auf dem Land.

Von Detlef Stoller

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