Umwelt 13.10.2006, 19:24 Uhr

Küstenschutz im Wartestand  

VDI nachrichten, Bremen, 13. 10. 06, swe – Die Versicherungsbranche rechnet weltweit mit deutlich steigenden Risiken durch Unwetter. Auch die deutsche Nordseeküste muss sich vor den Folgen einer schweren Sturmflut besser wappnen, warnen Forscher. Sie haben die zu erwartenden volkswirtschaft-lichen Schäden für einige Küstenregionen berechnet. Die Reaktion der Politik auf die Gefahr lässt auf sich warten.

Der Klimawandel verschärft das Risiko durch Sturmfluten und treibt die Schadensummen in die Höhe. Allein der Hurrikan „Katrina“, der im vergangenen Jahr die Hafenstadt New Orleans unter Wasser setzte und zahlreiche Bohrinseln im Golf von Mexiko beschädigte, hat nach vorläufigen Schätzungen der Rückversicherer Münchner Rück und SwissRe versicherte Sachschäden in Höhe von 45 Mrd. $ verursacht. Das entspricht gut einem Viertel des gesamten Jahresbeitragsaufkommens aller Rückversicherer.

Dass der Klimawandel teuer wird, daran besteht kaum noch Zweifel. Als besonders gefährdet gelten die hoch industrialisierten Atlantik-Anrainerstaaten mit der Ostküste der USA und den Küsten Europas.

Kritisch kann es entlang der flachen Küste Norddeutschlands werden, davon sind Georisiko-Forscher an den Universitäten Bremen und Hannover überzeugt . Zwar schützen hunderte Kilometer lange Deiche das Landesinnere vor einer normalen Flut. Fraglich erschien den Forschern, ob die meist aus Sand und Steinen aufgeschütteten und mit einer Rasenkrone befestigten Schutzwälle auch den häufiger zu erwartenden Extremereignissen widerstehen.

Genau das haben sie im Forschungsprojekt „Klimawandel und präventives Risiko- und Küstenschutzmanagement (Krim)“ für den Küstenabschnitt von der Insel Wangerooge bis Bremerhaven untersucht.

„Die Versagenswahrscheinlichkeit für die Deichstrecke bei Minsen liegt heute bei 1:3000. Für ein Klimaszenario mit einem angenommenen Wasserstandsanstieg von 55 cm erhöht diese sich um das Vierfache auf 1:800“, schreiben Stephan Mai und Anne Elsner vom Franzius-Institut für Wasserbau und Küsteningenieurwesen der Universität Hannover.

„Für die Deichstrecke bei Brake liegt das Risiko sogar bei 1:40. Dort wurde die Deichhöhe bis heute nicht dem aktuellen Stand angepasst“, sagt Prof. Wolfram Elsner von der Universität Bremen.

In dem Szenario für 2050, das auf dem vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) prognostizierten Meeresspiegelanstieg basiert, „erfolgt das Versagen der Hauptdeichlinie hauptsächlich durch Wellenüberlauf“, erläutert der Wissenschaftler.

Zur Flutabwehr schlagen die Krim-Forscher ein Bündel von Maßnahmen vor, die einzeln oder zusammen umgesetzt werden sollten: „Dazu gehören die Erhöhung bestehender Deiche um 70 cm, der Aufbau einer zweiten Deichlinie und der Bau weiterer Sperrwerke, die das Einlaufen der Flutwelle in die Flussmündungen unterbinden“, fasst Prof. Elsner zusammen.

Die Erkenntnisse des vom Bundesforschungsministerium beauftragten Projekts hatten die Wissenschaftler der Politik schon vor über einem Jahr mitgeteilt. „Umgesetzt wurde davon nichts“, stellt Elsner fest.

Dabei würden sich die Investitionen in den Küstenschutz lohnen, so das Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse „Klimawandel und regionale Wirtschaft“, an der der Ökonom mitgearbeitet hat. Bei den zu erwartenden Extremereignissen sei in den kommenden Jahrzehnten allein in den acht regionalen Beispielflächen zwischen Wangerooge und der Wesermündung mit Vermögensverlusten von rund 2,7 Mrd. € zu rechnen.

Eine erhebliche wirtschaftliche Schwächung ergäbe sich zudem durch jahresdurchschnittliche Sozialproduktverluste von 500 Mio. € in Wilhelmshaven und 125 Mio. € in Bremen sowie durch jeweils 2000 verlorene Arbeitsplätze.

In den Küstenschutz investieren seit langem die Niederlande, wo große Teile der Landesflächen – rund ein Viertel – unter dem Meeresspiegel liegen. Seit der großen Sturmflutkatastrophe von 1953 schützt eine Kette von Sturmflutwehren die Küste. Die Investitionskosten beliefen sich seinerzeit auf umgerechnet knapp 1 Mrd. €.

Eines der modernsten und kostspieligsten Bauwerke darunter ist die 1997 fertiggestellte 250 m lange Sperre an der Rheinmündung bei Hoek van Holland. Droht eine Sturmflut meterhohe Wassermassen in den Fluss zu drücken, riegeln automatisch verschließbare Tore den Weg ab. Allein dieses Sturmflutwehr ließ sich der niederländische Steuerzahler rund 700 Mio. € kosten. Die „Deltawerken“ in den Niederlanden gelten inzwischen in den USA als mögliches Vorbild, um eine weitere Katastrophe wie die Überflutung in New Orleans 2005 zu verhindern.

Experten der Münchner Rück wiesen nach, dass es in den letzten zehn Jahren weltweit fast dreimal mehr schwere wetterbedingte Naturkatastrophen gab als vor 40 Jahren. Da zugleich die Zahl der Menschen stieg und immer höhere Werte versichert wurden, legten die volkswirtschaftlichen Schäden in dem Zeitraum um mehr als das Fünffache zu.

Nach Angaben der Allianz machen Wirbelstürme, Überschwemmungen und Dürreschäden bereits 35 % bis 40 % der versicherten Schäden aus. Ursache für die dramatische Entwicklung sei die durch den Anstieg der Treibhausgase getriebene Klimaerwärmung, stellt die Allianz fest.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt die weltweit zu erwartenden volkswirtschaftlichen Schäden auf bis zu 2 Bio. $ im Jahr 2050. Allein in Deutschland könne der Klimawandel dann Schäden in Höhe von 137 Mrd. € verursachen.

Berechnungen des von den Vereinten Nationen eingesetzten IPCC gehen von einem mittleren Anstieg von gut einem halben Meter für das 21. Jahrhundert aus. Im Zusammentreffen von Pegelanstieg, der stärkeren Stürme und dem Gezeitenhochstand sehen Experten die große Gefahr für Europas Küsten.

Rund 20 % der europäischen Küstenlandstriche sind im Falle einer schweren Sturmflut nicht ausreichend gesichert, haben britische Forscher im EU-Projekt „Living with the sea“ herausgefunden. Sie plädieren für eine Aufstockung der Deiche, weiträumigere Überflutungsflächen und restriktivere Bebauungspläne.

Die von der britischen Regierung beauftragte Nationale Umweltagentur hat nun damit begonnen, regionale Pläne für den naturnahen Küstenschutz zu entwickeln. Zunächst sollen die Deiche in den besonders sturmflutgefährdeten Regionen entlang der Küste von Ostengland und Wales ausgebaut werden. Entlang dieses Küstenstreifens verliert das Land in jeder Sturmsaison mehrere tausend Hektar Land an das Meer. SILVIA VON DER WEIDEN

Von Silvia von der Weiden
Von Silvia Von Der Weiden

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