Umwelt 04.02.2000, 17:24 Uhr

Keine Lösung für CD-Schwemme

Trotz Produktverantwortung der Hersteller wandern jedes Jahr Millionen CDs auf den Müll. Dabei ist das Recycling der silbrigen Scheiben kein Hexenwerk.

Die „Gelben Seiten“, „Landwirtschaft in Deutschland“ und „Informationen zur Internationalen Raumstation“: 30 bis 40 alte CDs fand die SPD-Bundestagsabgeordnete Annette Faße in Kisten, Schubladen und Schränken, als sie im vergangenen Jahr ihren Bonner Schreibtisch räumte, um nach Berlin zu ziehen. Silbern glänzende Scheiben, zu schade für den Abfalleimer. „Doch niemand konnte uns sagen, was wir damit machen sollen“, erinnert sich Faße.
Ihre parlamentarische Anfrage ergab jetzt, dass es vielen Deutschen ähnlich geht. „Nur 10 t bis 20 t Alt-CDs werden heute von den Endverbrauchern eingesammelt“, klagt Wolfgang Beier, beim Umweltbundesamt (UBA) in Berlin zuständig für das Kunststoffrecycling. 10 000 t oder umgerechnet 625 Mio. CDs werden jedes Jahr an Privatverbraucher verkauft und verteilt – allein die Telekom hat 1999 knapp 20 Mio. Stück mit der Zugangssoftware für ihren Internet-Dienst T-Online unter die Leute gebracht.
Dabei sind CDs durchaus recyclingfreundlich. Sie bestehen zu über 99 % aus dem recyclingfähigen Kunststoff Polycarbonat als Speicherschicht, die mit einer dünnen Aluminiumschicht bedampft und mit Farben, die in ultraviolettem Licht aushärten, bedruckt wird. Die wenigen Recyclinganlagen, die es gibt, verarbeiten nahezu ausschließlich überlagerte Ware oder Fehlpressungen. Die Bayer AG betreibt seit 1994 eine Recyclinganlage in Dormagen, die jedes Jahr 5000 t CDs verarbeitet. Ein Subunternehmen sortiert zunächst Störstoffe wie Schrauben und Drähte aus dem CD-Strom aus. Dann werden die CDs ausgeschieden, die von den Nutzern selber auf einem CD-Brenner beschrieben wurden. Denn auf ihrer Polycarbonatschicht ist zusätzlich ein farbiger Kunststoff aufgebracht, in den die Daten eingebrannt werden. Dieser farbige Kunststoff würde die Qualität des aus herkömmlichen CDs gewonnenen Recyclats trüben.
Die CDs werden gemahlen und in einem Bad aus Natronlauge und speziellen Zusätzen verrührt. Dabei trennt sich die Aluschicht vom Kunststoff und löst dadurch auch die Lackschichten ab. Das Gemisch wird anschließend in Zentrifugen getrennt und getrocknet. Das Carbonat verarbeitet Bayer in Kunststoffen für Drucker und PC-Gehäuse, der verfärbte Kunststoff aus beschreibbaren CDs wird in dunklen Recyclaten eingesetzt. Würde man den wiedergewonnenen Kunststoff dagegen in neuen CDs einsetzen, wäre der Recyclingaufwand wegen der extremen Reinheitsanforderungen zu hoch, teilt Bayer mit. Die Recyclingkosten liegen derzeit bei „einigen Pfennig“ pro CD. Allerdings beträgt der Materialwert einer neuen CD auch nur zehn Pfennig.
Der dritter Typ von CDs, die mehrfach beschreibbaren Scheiben, könne dagegen nicht recycelt werden. Hier ist das Polycarbonat unter anderem mit dem giftigen Antimon beschichtet, das in dem nass-chemischen Prozess gesundheitsgefährdende Verbindungen eingeht. „Wir dürfen diese ökologisch und toxikologisch bedenklichen Stoffe nicht verarbeiten“, so Bayer-Experte Martin Schmid.
Ein anderes Verfahren nutzt der CD-Produzent Universal Music Manufacturing and Logistics GmbH in Hannover-Langenhagen. Hier werden Aluminium und Lack von der rotierenden CD mit einem feststehenden Messer abgeschält. Die abgetragene Schicht ist etwa 0,1 mm dick. An einer Stanze werden außerdem der innere und äußere Rand weggeschnitten, um Lackreste zu entfernen. Das wiedergewonnene Polycarbonat wird anschließend zerkleinert, mit neuen Kunststoffen vermischt und wieder in der CD-Produktion eingesetzt. „Denn durch unser mechanisches Verfahren erhalten wir ein ausreichend sauberes Polycarbonat“, erläutert Karl-Heinz Hering,technischer Entwickler bei Universal. Die Farb- und Lackreste kann aber auch Hering nicht mehr stofflich verwerten, sie werden verbrannt. 330 t CDs wurden 1999 verwertet – ausschließlich Rückläufe aus dem eigenen Verkauf.
„Das Sorgenkind der Verwertung bleiben die gebrauchten CDs aus Privathaushalten“, sagt UBA-Experte Beier. Für deren Rücknahme müsste ein dichtes Sammelnetz wie beim Grünen Punkt aufgebaut werden. Doch die Kosten dafür würden den Materialwert bald übersteigen.
Darum können die Verbraucher ihre „Silberlinge“ bisher nur bei wenigen Läden zurückgeben: Die Telekom nimmt in ihren Läden nur ihre eigene Software zurück. Vereinzelt bieten Firmen wie die Barmer Ersatzkasse Sammelstellen an. Städtische Entsorgungsbetriebe wie die Berliner BSR verweisen dagegen auf die Newcycle Kunststofftechnik GmbH in Großhelfendorf. 1997 hat das Unternehmen mit den Computerhändlern Vobis, Escom und Comtech Sammelboxen in einigen hundert Läden aufgestellt. Hier können Kunden auch größere Sammlungen von Alt-CDs kostenlos abgeben. Die Computerhändler senden sie zu Newcycle, die eine Anlage zur mechanischen Trennung von Kunststoffen und Beschichtungen betreibt. Jedes Jahr werden etwa 1000 t CDs verwertet, allerdings der größte Teil aus Fehlpressungen.
Immer mehr Verbraucher machen sich Gedanken. „Bei uns rufen zunehmend Bürger an, die wissen wollen, wohin mit ihren CDs“, sagt Ute Schack, Sprecherin des Dualen System Deutschland in Köln. Die Grüne-Punkt-Firma sei für das Recycling von CDs allerdings nicht der richtige Ansprechpartner, weil sie sich per Gesetz nur mit der Entsorgung von Verkaufsverpackungen beschäftigen darf. Nach geltendem Recht gehören CDs daher zur Zeit in die Graue Tonne. Schack: „Um das zu ändern, sind nun die CD-Hersteller und Umweltpolitiker gefragt.“ MARCUS FRANKEN
Vor der CD-Schwemme ist keiner sicher – allein die Telekom hat 1999 knapp 20 Mio. Stück mit der Zugangssoftware für ihren Internet-Dienst T-Online unter die Leute gebracht. Sammelstellen für alte und überflüssige Silberlinge gibt es dagegen nur wenig.

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  • Marcus Franken

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