Umwelt 24.10.2008, 19:37 Uhr

Japan drückt auf die Öko-Tube

Der Kampf gegen die Umweltverschmutzung – Kogai genannt – findet vor allem noch in Japans Köpfen statt. Die Unternehmen der Unterhaltungselektronik gehen mit gutem Beispiel voran.

Sparen für den Umweltschutz hat sich die japanische Fernsehanstalt NHK auf die Fahnen geschrieben. Die Abschaltung der analogen TV-Programme über Terrestrik, Satellit und Kabel steht zwar erst für den 24. Juli 2011 auf der Tagesordnung, doch schon jetzt reduziert der Sender seine analogen Sendezeiten.

Betroffen ist das Bildungsprogramm des Senders. Durchschnittlich wird die tägliche Ausstrahlung des Programms um 2 h 17 min verringert, wodurch jeden Tag 3000 kWh gespart würden. „In einem halben Jahr bedeutet das eine Reduktion der CO2-Emission um etwa 300 t“, so NHK-Präsident Shigeo Fukuchi. „Kein Unternehmen wird bedeutende CO2-Einsparungen erreichen, ohne dass das Kerngeschäft davon betroffen ist.“

Wie Sparen und Produktionserhöhung zusammenpassen, ist in Sharps Flachbildschirmfabrik Kameyama 2 zu sehen. Das Werk bezieht seit 2006 rund ein Drittel seiner elektrischen Energie aus drei erneuerbaren Quellen.

Die 5,2-MW-Photovoltaikanlage ist Japans größte „Aufdachanlage“, wobei es sich vor allem um kristalline Photovoltaikmodule handelt. 26,4 MW leistet eine mit Flüssigerdgas betriebene Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage, die größte ihrer Art in Japan. Hinzu kommt rund 1 MW elektrischer Leistung, die durch Brennstoffzellen erzeugt werden.

Dabei ist der Grundstein für ein noch gigantischeres Vorhaben bereits gelegt – Sakai City, ein Industriekomplex, quasi mitten im Meer auf aufgeschüttetem Boden gelegen. Die Fabrik soll ab März 2010 monatlich über 1 Mio. Flüssigkristallanzeigen (LCD), je mit 42-Zoll-Diagonale (107 cm), herstellen. In der gleichen Fabrik sollen Dünnfilm-Solarzellen hergestellt werden. Im Regelbetrieb sollen jährlich Solarzellen mit einem Leistungsvermögen von 1 GW das Werk verlassen.

„Wir machen noch mehr. Warmluft wird nicht abgeführt, sondern genutzt. Wir setzen unser gesamtes Regenwasser ein und recyceln alles, selbst das aus den Toiletten. Wir kleben mit Maisstärke und drucken mit Soja-Tinte“, erläutert Shigeaki Mizushima, Executive Managing Officer in Sharps Corporate Research and Development, die Umweltstrategie des Elektronikkonzerns.

Kunststoffe wie Polypropylen (PP) und Polystyrol (Styropor) (PS) aus Geräten wie ausrangierten Fernsehern oder Kühlschränken werden zu neuen PP/PS-Kunsttoffen in den gleichen ursprünglichen vier Produktklassen recycelt. Das alles, so Mizushima, ohne dass physikalische Eigenschaften wie Stabilität oder Elastizität verloren gehen.

Gefärbt werden die Teile mit aus Maiskolben gewonnenen Harzen, die Sharp und Kansai Paint zusammen entwickelt haben. Zudem werde dabei CO2 gebunden. Mit diesen Pflanzenfarben wurden zunächst nur die TV-Standfüße getaucht, inzwischen auch viele andere Teile. Gelötet wird bleifrei, also mit Zinn-Silber-Kupfer-Lot, die Anschlussleitungen sind PVC-frei. Die Chassis-Rahmen bestehen aus bis zu 50 % recyceltem Plastikmaterial.

„Wir haben einen wesentlich kleineren 26-Zoll-Eco-Fernseher entwickelt, der vor allem für die arme Landbevölkerung in Entwicklungsländern sowie überall dort, wo kein Stromnetz zur Verfügung steht, gedacht ist“, stellt Shigeaki Mizushima ein neues Ökoprojekt bei Sharp vor. Er schätzt die Zielgruppe auf 1,6 Mrd. Menschen. „Die Geräte verbrauchen etwa 32 W und können mit kleinen 40-W-Solarpanels nebst Akku betrieben werden. Standard-LCD-TVs liegen bei fast 90 W, Röhrenfernseher sogar bei 160 W.“

Dass LED-LCD-TVs weniger Energie verbrauchen als „normale“ LCDs, wird in Japan nicht nur behauptet, sondern auch mit Messungen untermauert. Bei JVC beispielsweise gab es auf der Elektronikmesse Ceatec in Tokio eine Demonstration: 90 W verbrauchte ein LCD-TV mit LED-Beleuchtung, rund 260 W ein Standardgerät.

Ebenfalls auf der Ceatec hatte TDK ein Eco-Musterhaus aufgebaut, wo es ums Erzeugen, Speichern, Transformieren und Nutzen elektrischer Energie ging. TDKs Umweltplan 2015 strebt unter anderem „zero emissions“ in allen japanischen und den wichtigsten Fertigungsstätten in Übersee an.

TDKs Kofu Plant in Minami Alps City nutzt bereits eine 300-kW-Solarenergie-Anlage. Der CO2-Ausstoß soll von 1990 bis 2010 um mindestens 7 % gesenkt werden. Das gilt für alle Bereiche: in der Fertigung, bei umweltfreundlichen Produkten, einer „grünen Auftragsvergabe“ und effizienten Analysetechniken zur Erkennung schädlicher Substanzen. Der Kampf gegen „global warming“ ist für TDK ebenso wichtig wie die Unterstützung von Kinder-Umwelt-Festivals.

Nicht nur LCD-, auch Plasma-Fernseher werden grüner. Hier hat Panasonic als Marktführer den „Neo PDP“ entwickelt und für den Marktstart im nächsten Jahr fertigungsreif gemacht. Die Displays sollen in der 5. Fabrik in Amagasaki produziert werden. Der gesamte energetische Fertigungsaufwand soll auf ein Drittel gegenüber dem bisherigen reduziert werden.

Die Produktionsverbesserungen bei den Plasmapanelherstellern schlagen sich auch in besseren Geräten nieder. Hierzu gehören neue Phosphormaterialien, die hellere Bilder erzeugen. Panasonic entwickelte ein neues Leuchtgas und eine neue Zellstruktur sowie eine neue Treiberschaltung für geringere Leistungsverluste. Durch diese Maßnahmen kommt es zur doppelten Helligkeit oder zum halben Energiebedarf. Plasmadisplaypanels (PDP) sollen nicht wie bisher 60 000 h, sondern gleich 100 000 h leben – auch als ein Beitrag zur Ressourcenschonung.

Der Transport der PDP zum Handel erfolgt schon jetzt nicht mehr per Lkw, sondern meist per Bahn. Die MPDP, Panasonics PDP-TV-Fertigungstochter, bekam von der japanischen Bahn daher die Auszeichnung „Eco Rail Mark“.

Als Ziel nennet Panasonic für den Zeitraum von 2000 bis 2010 eine haushaltsbezogene Reduzierung der CO2-Emission um zwei Drittel genannt. Ein Drittel der Einsparung kommt durch neue Haus- und CE-Geräte wie Klimaanlagen, Kühlschränke, Reis- kocher, Mikrowellengeräte und hygienische Toilettensitze zustande.

Pansonics Umweltprogramm greift auch in den Fabriken. Die Kusatsu-Fabrik für Hausgeräte – auch „Eco Ideas Factory Biwako“ genannt – soll durch neue Produktionsprozesse von März 2007 bis März 2010 etwa 29 000 t CO2 einsparen – was einer Reduktion um 23 % entspricht. Für neue Wasch-/Trockenkombinationen werden Einsparungen bis 70 % genannt.

Straßenbeleuchtung mit LEDs war auf der Messe Ceatec hingegen ein Thema der Power-Line-Abteilung HD-PLC von Panasonic. „Darüber regeln wir die Helligkeit und können über das gleiche Kabel auch noch Sensoren und Überwachungskameras betreiben“, erklärt Eiji Kobayashi, President & Chairman der HD-PLC und zugleich Director bei Panasonic.

Der Konzern will sich auch in Erziehungsprogramme einmischen. Täglich gab es mehrere Shows zu dem Thema Umweltschutz – und der Möglichkeit, Energie einzusparen. Auf dem Fernseher können jederzeit die jeweiligen eingeschalteten Leistungen abgelesen werden. Die vergessene Lampe im Arbeitszimmer wird über die TV-Fernbedienung gleich mit ausgeschaltet.

RAINER BÜCKEN

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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