Umwelt 23.06.2000, 17:25 Uhr

Im Süden geht“s ums nackte Überleben

Nachhaltiger Klima- und Umweltschutz funktioniert nur, wenn er global konzipiert ist. Einzelaktionen hier und dort sind zum Scheitern verurteilt, so das Fazit der Umweltexperten auf dem Weltingenieurtag 2000.

Man muss es endlich einmal deutlich sagen: Die Probleme in den Entwicklungsländern berühren den Westen nicht wirklich“, ist Prof. Thomas Eikmann, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Umweltmedizin, überzeugt. Und die Experten für Umwelt, Klima und Gesundheit erheben auf diesem ersten Weltingenieurtag in Hannover keinen Widerspruch gegen diese krasse Behauptung. Die Crux des Nord-Süd-Konflikts: Die reichen Industriestaaten verursachen mit ihrem überhöhten Energieverbrauch jenen Klimawandel, der die Menschen in den Entwicklungsländern immer tiefer in Hunger und Armut treibt um die Behebung dieses Missstands aber kümmern sie sich wenig.
Kaum ein Industriestaat hat das Ziel der Vereinten Nationen bisher erreicht, für Entwicklungshilfe 0,7 % des Bruttosozialprodukts auszugeben. Und selbst Gastgeber Deutschland schafft gerade einmal die Hälfte davon. Dabei hätten die armen Länder westliche Hilfe so dringend nötig.
Kapitalbedarf besteht vor allem bei erneuerbaren Energien, bei Techniken zur Waldbewirtschaftung, Holzkohle- und Wasserkraftnutzung sowie zur umweltverträglicher Landwirtschaft. „Umweltverträglichkeit ist im Süden noch kein Thema, hier geht es um das nackte Überleben“, schildert Rejoice T. Mabudafhasi, Stellvertretende Ministerin für Umweltschutz und Tourismus der Republik Südafrika, die Verhältnisse im eigenen Land.
„Der ,negative human impact“, begründet auch durch die zu schnell wachsende Bevölkerung, schadet unserem Planeten nachhaltig“, bringt Ricardo Diez-Hochleitner, Präsident des Club of Rome, die Ursachen der Umweltverschmutzung auf den Punkt. Doch der Mensch sei sehr wohl in der Lage, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und das kulturelle Erbe zu bewahren. Deshalb verlangt er kompromisslos einen Angriff auf die Ingenieure in aller Welt, sie sollten seiner Meinung nach mehr Verantwortung tragen und durch die Entwicklung geeigneter Techniken die negativen Folgen abwenden. „Ein Ingenieur ohne Humanismus und Kultur ist ein Schmarotzer“, behauptet Diez-Hochleitner. Ein effizienter Ingenieur, der seinem Betrieb, der Umwelt, der Gesellschaft und der ganzen Welt dient, müsse deshalb ein Mensch sein, den Kultur und Humanismus prägen.
Dass sich der Einsatz für die Umwelt auch volkswirtschaftlich lohnt, davon ist Simone Probst überzeugt. Die Staatssekretärin im Bundesumweltministerium rechnet vor, dass durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und verstärkte Energieeinsparungen bis zum Jahr 2020 etwa 200 000 neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Allein die Nutzung der Windenergie, die in Deutschland 1 % und in Schleswig-Holstein bereits 14 % der Stromversorgung ausmacht, habe in den letzten Jahren rund 15 000 Arbeitsplätze geschaffen. Hier sei Deutschland Spitzenreiter.
Allerdings sieht Probst die Aufgabe des Staates vornehmlich darin, Anschub zu leisten und so private Investitionsströme in Gang zu setzen. Zukunftssicherung müsse, soll sie gelingen, das große Geschäft der Zukunft werden – und zwar ein Geschäft, von dem die deutschen Maschinenbauer, Ingenieure und Wissenschaftler in besonderem Maße profitieren, meint die Staatssekretärin.
Der rapide Anstieg von Naturkatastrophen hat übrigens die Kredit- und Versicherungswirtschaft zu einem wichtigen Verbündeten im internationalen Klimaschutz gemacht. Immer mehr Banken und Versicherung prüfen die Auswirkungen der von ihnen finanzierten oder versicherten Objekte auf die Umwelt inzwischen sehr genau. Und auch die weltumspannenden Konzerne haben längst verstanden, dass hohe Umweltstandards ein Teil der Qualitätssicherung sind.
„Noch nie in der Erdgeschichte hat der Mensch in so kurzer Zeit so viel Schaden an der Umwelt angerichtet“, sagte kürzlich Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen. Rejoice T. Mabudafhasi fordert deshalb um so dringlicher den Technologietransfer zwischen Nord und Süd. Die Einführung von Solarherden zum Kochen sei ein wichtiger Schritt zur Akzeptanz moderner Technik in Südafrika gewesen. „Sogar bei meiner Mutter musste ich erst heftige Überzeugungsarbeit leisten, bevor sie ihren alten Kohleofen aufgab“, beschreibt die Südafrikanerin die Probleme in ihrer Heimat. „Nun aber werden sogar schon die ersten Solarhäuser gebaut.“ Solarenergie sei der Weg in die Zukunft, denn die netzgebundene Versorgung aller Haushalte mit Strom könne nie und nimmer finanziert werden.
Die Ungerechtigkeit bei Zugang und Nutzung von Technologien, die hinter dem Nord-Süd-Gefälle steckt, sieht auch Prof. Detlev Möller vom Lehrstuhl für Luftchemie und Luftreinhaltung der TU Cottbus: „Über 1 Mrd. Menschen leiden Hunger, 4 Mrd. wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen und 1 Mrd. Menschen verursacht das alles. Das ist mein Problem!“
Auf die Entwicklungsländer bleiben die Auswirkungen von Umweltbelastungen damit aber nicht beschränkt. Doch im Westen sehen die Probleme meist anders aus. „Hier entstehen derzeit regelrechte Lärmghettos“, warnt Prof. Thomas Eikmann, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Umweltmedizin. Wer es sich leisten kann, der zieht aus dem Umfeld von Flughäfen und stark befahrenen Straßen einfach weg. „Die Armen aber müssen bleiben“, weiß der Arzt, in dessen Praxis übrigens immer mehr Menschen mit Multipler Chemikalien-Sensitivität (MCS) kommen. Auslöser der oft schweren somatischen Störungen seien Chemikalien, Lärm und Autoabgase, aber auch Passivrauchen, Parfum oder Elektro-smog. „Es ist kein technisches, sondern ein Mentalitätsproblem“, meint Eikmann und fordert deshalb die Zusammenarbeit von Ärzten, Gesellschaftswissenschaftlern und Ingenieuren. BETTINA RECKTER
Möglichkeiten eines Technologietransfers von den Industriestaaten in die Entwicklungsländer diskutierten die Umweltexperten auf dem Weltingenieurtag – hier Edda Müller von der Europäischen Umweltagentur und Prof. Zygfryd Nowak von der polnischen Gesellschaft für Saubere Produktion.
Wir zehren unser biologisches Kapital auf, warnt Prof. Manfred Max-Neef von der Universität Austral in Chile.

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

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