Umwelt 20.07.2001, 17:30 Uhr

Hochwasser wirkt wie eine Transfusion

Anderthalb Jahre ist es her, dass tonnenweise toter Fisch aus der Tisza (Theiß) gehievt wurden. Ein giftiger Cyanid-Cocktail aus Rumänien hatte auf einen Schlag fast das gesamte Leben in dem ungarischen Fluss vernichtet. Heute ist Tisza-Fisch durchaus wieder genießbar. Die Katastrophe aber könnte sich jederzeit wiederholen. Ungarische Umweltpolitiker fühlen sich gewappnet.

Am 31. Januar 2000 ergossen sich aus einer in Rumänien liegenden Goldmine einige hunderttausend Kubikmeter mit Cyaniden verseuchtes Abwasser in den Fluss Lápos. Über den Szamos gelangte die Giftfracht in die Tisza. Das toxische Potenzial hätte 60 Mio. Menschen töten können. Zum Glück folgte ein starkes Frühjahrshochwasser, das frische Nährstoffe für die Kleinstlebewesen eintrug und „wie eine Bluttransfusion wirkte“, erklärt Gábor Füstös, Biologe der ungarischen Regierungskommission Tisza und Szamos.

Zu Millionen wurden und werden Jungfische aus Zuchtanlagen eingesetzt. Heute ist das Wasser wieder sauber; doch Wissenschaftler wie Füstös warnen vor Euphorie: „Es wird noch Jahre dauern, bis das Ökosystem Tisza sich erholt hat.“ Und ständig droht die Gefahr einer neuen Kontamination, denn die Goldmine, ein rumänisch-australisches Joint Venture, arbeitet unter fast unveränderten Bedingungen weiter. Aus der Katastrophe hat man anscheinend nichts gelernt.

Insgesamt liegen rund 25 bedenkliche Betriebe im Einzugsgebiet der Tisza, das Teile Ungarns, Rumäniens, Jugoslawiens, der Ukraine und der Slowakei umfasst. János Gönczy, Leiter der Regierungskommission, will gemeinsame Vorbeugungsmaßnahmen der Anrainer durchsetzen und hofft zudem auf Hilfe von der EU. Noch aber muss Ungarn mit dem Risiko leben. Um die Folgen möglichst zu begrenzen, setzt man auf ein alternatives Hochwasser-Management. Eigentliches Ziel aber ist es, die traditionelle Schwemmlandbewirtschaftung wieder einzuführen.

Als vor rund 150 Jahren die Tisza begradigt und eindeicht wurde, blieben vom Aushub des Deichbaumaterials Löcher zwischen Deich und Fluss zurück. Diese etwa 20 m x 30 m großen und bis 2 m tiefen Bassins laufen bei Hochwasser voll und bieten beste Laichplätze für Fische. Nach Rückzug des Hochwassers sind sie jedoch vom Fluss abgeschnitten trocknen sie völlig aus, gehen Tausende von Jungfischen zugrunde. Das will das neue Konzept verhindern: Die Tümpel werden mit einem Ringkanal vernetzt, ein weiterer Kanal verbindet das System über eine Schleuse mit der Tisza. Sobald die Fische herangewachsen sind oder die Tümpel auszutrocknen drohen, werden die Schleusen geöffnet. Große Fische aber fängt man zuvor ab.

Im 3,2 ha großen Pilotgebiet nahe dem Dorf Nagykörü wurden mit Hilfe des ungarischen WWF 33 Tümpel vernetzt. Später soll das System am gesamten Fluss eingeführt werden. Langfristig will man aber noch weiter gehen und auch die geschützten Seiten der Deiche fluten letztlich soll ein 150 km breiter Geländestreifen einbezogen werden. In der großen ungarischen Tiefebene betragen die Niveau-Unterschiede zwischen Überflutungsgebieten und Trockenzonen maximal 10 m. Diese will man wie früher beachten. Häuser werden in den sicheren Bereichen gebaut, das Schwemmland wird im Sommer beweidet.

Diese großen Nassflächen nutzen auch bei Umweltkatastrophen: Wenn stromaufwärts installierte Messsysteme eine Verschmutzung melden, wird das Gelände geflutet und abgeschottet. Ist die Giftwelle vorbeigeflossen, öffnet man die Schleusen das saubere Wasser nebst Wassergetier strömt in den Fluss und dient als Basis für neues Leben.

Solche Ideen sehen deutsche Fachleute wie Dipl.-Ing. Georg Rast vom WWF-Auen-Institut in Rastatt mit Skepsis: „Da bleiben viele Fragezeichen bei Machbarkeit und ökologischer Effizienz. Aber man muss natürlich die konkreten Bedingungen in Ungarn berücksichtigen.“

Auch an den Staustufen des Rheins gibt es große Retentionsflächen, die bei Hochwasser geflutet werden. Hierfür sind exakt steuerbare Verschlusssysteme geplant, um ganz gezielt eingreifen zu können. „Am wichtigsten ist, dass der Fluss mit seiner Dynamik bestimmt, wie stark überschwemmt wird. Wir wollen die Überflutungsverhältnisse so naturnah wie möglich gestalten.“

Bei einer Verschmutzung wird man dann zwar die Siele schließen, oft aber kommt es gerade bei katastrophalen Hochwassern zu Verunreinigungen, etwa durch umgekippte Öltanks. Dann ist es nicht zu vermeiden, dass auch in die Polder verschmutztes Wasser läuft. Einen absoluten Schutz vor Hochwasser gibt es nicht. SIBYLLE KETTEMBEIL

Von Sibylle Kettembeil
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