Klima 12.01.2007, 19:26 Uhr

Hilfe, die sich lohnt  

Durch den Handel mit CO2-Emissionsrechten kann die Abhängigkeit von Spenden gelöst und Entwicklungshilfe wirtschaftlich profitabel gestaltet werden.

Als die Vereinten Nationen im Februar 2006 offiziell das Projekt „Aceh 1“ bewilligten, war dem Maschinenbauingenieur Dieter Seifert und dem Wirtschaftsmathematiker Klaus Trifellner eines schnell klar: „Wir hatten uns eine große Verantwortung aufgeladen“, so Seifert heute.

Der von ihnen gegründete Verein „Klimaschutz e. V. Bonn“ würde in der indonesischen Region Aceh zum weltweit ersten Mal den Versuch unternehmen, 1000 arme Haushalte mit Solarkochern auszustatten und die Erlöse aus der Einsparung von Kohlendioxid (CO2) als Gegenleistung zu nutzen. Das Pilotvorhaben sollte als erste deutsche CDM-Maßnahme zeigen, „dass es möglich ist, Projekte zur Armutsbekämpfung aus Emissionsreduktionen zu finanzieren“.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit ist der im Kyoto-Protokoll verankerte Mechanismus zur nachhaltigen Entwicklung (engl. Clean Development Mechanism – CDM) ein anerkanntes Instrument für die Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern geworden. Sinn und Zweck des CDM ist es, Industrieländern kostengünstige Wege bei der Treibhausgasminderung zu eröffnen, und gleichzeitig Entwicklungsländer in den Klimaschutz einzubeziehen.

Unternehmen aus Industriestaaten können seit Anfang 2005 aus Projekten generierte Emissionsgutschriften erwerben und so Menschen in Entwicklungsländern zu verbesserten Lebensbedingungen verhelfen.

„Durch den Einsatz von Solarkochern können die Menschen in Aceh auf Feuerstellen innerhalb ihrer Häusern verzichten“, erklärt Klaus Trifellner. Rund 1,5 Mio. Menschen, die Mehrzahl darunter Kinder, sterben jedes Jahr in Entwicklungsländern an den Folgen von Rauchvergiftungen und Atemwegserkrankungen. Trifellner: „Durch die Umstellung auf Solarkocher retten wir Menschenleben und mindern die klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen um 3,5 t/Jahr.“

Die Grundlage für den erfolgreichen Start von „Aceh 1“ haben die zwei Klimaaktivisten in der zweijährigen Planungsphase in Deutschland gelegt. Um einen Missbrauch des Systems zu verhindern, sind die Vorgaben der UN sehr streng und der konzeptionelle Aufwand sehr hoch.

Viele Unternehmen scheuen daher die Entwicklung eigener Projekte und kaufen sich erst nach der erfolgreichen Genehmigung ein. Anders im Fall des Bonner Klimaschutzvereins. Der international agierende Aluminium-Konzern Alcan hat frühzeitig die Finanzierung des Pilotprojektes in Aceh übernommen und liefert auch Bauteile für die Solarkocher. Als Gegenleistung tritt der Klimaschutzverein die generierten Emissionsgutschriften an Alcan ab.

„Der Emissionshandel kann in der Entwicklungshilfe und der Armutsbekämpfung ein ganz neues Zeitalter einläuten“, ist Dieter Seifert überzeugt. „Die Abhängigkeit von Spenden entfällt und Hilfsprojekte werden wirtschaftlich profitabel“, meint er. Nicht zuletzt, weil es für Unternehmen mit Mangel an Emissionszertifikaten oft günstiger ist in Entwicklungsländern Projekte zur Schadstoffminderung durchzuführen, als an der Börse relativ teuer CO2-Lizenzen einzukaufen.

„Die Triebfedern des CDM sind zum einen die niedrigeren Kosten für Emissionsreduktionen, zum anderen die Möglichkeit des Technologietransfers“, erläutert UN-Experte Kai-Uwe Barani-Schmidt.

Die Einführung moderner Technologie ermöglicht Unternehmen nicht nur die Erschließung neuer, bisher brachliegender Märkte. Sie hat auch einen anderen bedeutenden Effekt: Der Technologietransfer kann auch einen Beitrag zur Verhinderung der drohenden Brennstoffkrise leisten.

„Ich ging im Schatten der Bäume zur Schule – meine Kinder gehen in der prallen Sonne“, zitiert Seifert einen seiner afrikanischen Bekannten. Die Aussage beschreibt, welche dramatischen Züge die Unterversorgung mit Brennstoffen in vielen Teilen der Welt erreicht hat.

Vielerorts, sei es Indonesien, Tansania oder Ghana, werden die Urwälder gerodet, weil andere fossile Energieträger für die Einheimischen zu teuer geworden sind. Dort, wo die ursprünglichen Waldflächen verloren gehen, findet nur selten eine Wiederaufforstung statt.

Die Solarkocher aus Deutschland könnten hier Abhilfe leisten, um langfristig eine Versorgung mit Kochenergie sicherzustellen. Damit wird nicht nur den betroffenen Menschen geholfen, sondern auch das Klima geschont.

Eine Familie in Indonesien, so Dieter Seifert, verbrauche aufgrund ineffizienter Kochtechnik mehr als 2 t Brennholz/Jahr in nicht nachhaltiger Weise. 2 t Brennholz enthalten rund 1 t Kohlenstoff (C), dies führe bei Verbrennung zu einer Emission von rund 3,6 t CO2. Nur bei nachhaltiger Forstwirtschaft und vollkommenem Verbrennungsvorgang sei diese Holzverbrennung CO2-neutral. Der nicht nachhaltige Brennholzverbrauch pro Familie in Entwicklungsländern könne auch wesentlich höher sein, insbesondere wenn Holzkohle genutzt werde.

„Die so jährlich verursachten Treibhausgasemissionen sind hochgerechnet insgesamt so groß wie die gesamte Treibhausgasemission Deutschlands“, gibt Seifert eine Vorstellung von der Größenordnung an vermeidbarer CO2-Emission, um die es beim Problem der nicht nachhaltigen Brennholzverwendung der privaten Haushalte in der Dritten Welt geht.

„Es besteht eine Notwendigkeit weitere Pilotprojekte durchzuführen, um armen Haushalten neue Technologie zukommen zu lassen“, sagt Seifert deshalb. Er wünscht sich in Zukunft mehr staatliche Unterstützung bei der Projektförderung.

„Die Kraft des CDM entfaltet sich nur, wenn viele unserem Beispiel folgen.“ Die Chancen dafür stehen gut: „Mehr als 430 Projekte sind derzeit weltweit offiziell registriert, weitere 1000 befinden sich im offiziellen Prozess“, sagt Barani-Schmidt. Er geht davon aus, dass sich der Mechanismus langfristig durchsetzen wird.

„CDM entfaltet seine positive Wirkung bereits heute auf dem Gebiet der nachhaltigen Entwicklung und der Emissionsreduzierung. Ein Blick auf die stark wachsende Nachfrage in den Industrieländern genügt, um das großartige Potenzial zu erkennen“, wirbt UN-Experte Barani-Schmidt.

JAN RITTERBACH

Von Jan Ritterbach
Von Jan Ritterbach

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