23.08.2002, 18:21 Uhr

„Hier ziehen schon die Immobilien- Fritzen rum und fotografieren …“

Grimma ist wieder trocken. So trocken, dass jeder Tritt Staub aufwirbelt und jeder Atemzug in der Kehle brennt. Jetzt sind die Experten unterwegs, die das Elend beim Namen nennen müssen.

Nur hier und da werden noch Reste der Feuchtigkeit ans Tageslicht geholt. Aus der Bibliothek des Heimatmuseums in der Paul-Gerhard-Straße, einer Häuserzeile parallel zum Mulde-Ufer, balancieren Helfer Tabletts und stapeln die in Behälter. Auf diesen Tabletts liegen aufgequollene alte Bücher, manchmal nur einzelne Bögen historischer Handschriften. Sie werden jetzt erst einmal eingefrostet, dann Stück für Stück – je nachdem wie das Geld fließt – ins Bucherhaltungszentrum Leipzig gebracht.
Vor dem Nachbarhaus wird noch Schlamm auf die Straße gekarrt. Als großer Pudding liegt er da, dunkelbraun und stinkend. Und noch ein paar Häuschen weiter rammen THW-Mitarbeiter hölzerne Stützen in den Fußweg und dann in die Balken eines Fachwerkhauses, um das Gebäude zu stabilisieren.
Leute mit Kameras werden kritisch beäugt. „Was fotografieren sie hier?“ muss sich der Bildreporter des Regionalblattes vom Besitzer eines – einstigen – Herrenausstatters fragen lassen. Mit der Erklärung, dass er für die Zeitung arbeite, war der Hausherr zufrieden und erklärte: „Hier ziehen nämlich schon die Immobilien-Fritzen rum und fotografieren unsere Grundstücke – falls wir aufgeben.“
Grimma ist wieder trocken. Wo Baggerschaufeln in Häuserreste beißen, ist das Krachen und Zusammenstürzen schnell in riesige graue Wolken gehüllt. Eine Hand voll Leute steht und wartet am Anfang der Weberstraße, bis die Luft für einen Augenblick durchschaubar wird. Wieder knirscht das Gebälk des geschundenen Hauses. Wieder steigt Staub auf.
Einer von den Männern vom THW nimmt die neben ihm schluchzende Frau in den Arm. Ein paar Minuten später ist der Durchgang frei. Ein Blick in die Fenster: leere Erdgeschosse, abgestützte Decken – alles dunkelbraun und modrig.
Befahrbar ist die Weberstraße nicht. Berge türmen sich zwischen den Fassaden: Bretter, Steine, Möbel, Türen, Gestrüpp, Fenster, Blumentöpfe, Scherben, verkrusteter Schlamm. Auf diesem Wall balanciert ein Raupenfahrzeug und belädt den heranfahrenden Lkw.
„Wie heißt denn du eigentlich ?“, will der Raupenfahrer in hörbar Schwäbischem Tonfall von dem ihm assistierenden Mann mit der Schaufel wissen. „Ich bin der Frank,“ antwortet der Sachse noch schnell, ehe der Motor wieder angeworfen wird.
Vor dem Haus Weberstraße Nummer 30, dort wo die Schuttberge schon niedriger geworden sind, schippt René Grunert, Bauingenieur im Architekturbüro Rebner. Sein Chef und Schwiegervater ist noch mal mit dem Statiker unterwegs. Als die braunen Fluten wieder auf dem Rückzug waren, hatte das die Stadtverwaltung das betroffene Zentrum in Planquadrate zu etwa 200 Grundstücken aufgeteilt und jeweils einem Architekturbüro anvertraut. Die sind gemeinsam mit eilig aus der ganzen Region zusammengerufenen Statikern und mit Experten vom Bauordnungsamt des Muldentalkreises von Haus zu Haus gegangen und haben deren Zustand begutachtet.
„Etwa 15 Gebäude in unserem Quartier mussten vorläufig gesperrt werden. Allerdings konnten wir noch nicht endgültig beurteilen, inwieweit Keller und Fundamente unterspült waren“, so Grunert. „Zwar lohnt bei der überwiegenden Mehrheit die Sanierung, aber die Schäden sind augenscheinlich. Dort wo in den letzten Jahren die Spanplatten- und Gipskarton-Mafia regiert hat, dort waren die Verluste enorm. Auch von der alten Bausubstanz – in unserem Planquadrat stehen etwa zwei Drittel der Häuser unter Denkmalschutz – ist viel verloren gegangen“. Und mit hörbarer Trauer fügt der junge Experte an
Das Haus des Architekturbüros ist hingegen noch davon gekommen. Zwar stand im Endgeschoss, das an einen Copy-Shop vermietet ist, das Wasser bis über die Türstürze, aber im Büro Rebner eine Etage höher blieb alles relativ trocken. „Als es in der Nacht hieß ‚die Mulde steigt’ haben wir versucht, die Kopierer unten auf Paletten zu stellen. Aber wir hatten keine Chance, die schweren Geräte nach oben zu schleppen. Ich blieb im Haus und überließ das Erdgeschoss dem Fluss.“
Wie weiter? „Wir haben eine Woche lang alle Kunden, bei denen es irgendwie ging, abgewimmelt. Schließlich hatte in dieser Situation unsere Stadt Vorrang. Nun müssten wir wieder einsteigen und nachholen.“
Honorare für die Gutachtertätigkeit anlässlich des Hochwassers? Grunert schüttelt nur mit dem Kopf. „Dafür wollen wir kein Geld. Hier haben alle freiwillig geschuftet.“
Ein Anruf bei Steffen Kayser. Seinem Architekturbüro ist ebenfalls ein Planquadrat anvertraut und auch er arbeitete mit seinen Mannen honorarfrei.
„Nein ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden. Hier sind außerdem jede Menge Kameraleute. Das wird einfach zu viel. Gehen Sie zu meinen Leuten, die müssten im Pappischen Tor sein.“ Und da sind sie auch. Marco Lätzsch, versucht sich gerade an einem Sicherungskasten. Als Rauch aufsteigt, wendet er sich wieder der Renovierung zu.
Man sieht noch die braune Linie an den Wänden: Das Wasser hatte einen viertel Meter unter der barocken Holzbalkendecke gestanden. Währen der Pegel 30 cm pro Stunde stieg, hat das Team seine Geräte (fast) alle in den ersten Stock geschleppt; als kein Ende der Flut abzusehen war, unters Dach.
„Unser Haus war mal eine Kapelle, errichtet im Jahre 1495 aus Bruchsteinen in Kalkmörtel. Das hält. Dort wo die Steine mit Lehm vermauert wurden oder ganz und gar nur Lehm als Baumaterial diente, sieht es schlimmer aus.“
Marco Lätzsch, seit seinem Studienabschluss 1997 Bauingenieur, ist tagelang mit durch die Häuser gestiegen. „Natürlich konnten wir unter diesen Umständen keine detaillierten Gutachten anfertigen. Aber wir konnten Lebensgefahr für die Bewohner signalisieren und gegebenenfalls abwenden.
Und sie ermutigen die Menschen, um die historische Bausubstanz zu kämpfen: „Das sind wir dieser Stadt als Grimmaer Architekten schuldig.“
Den ganzen Tag auf den Beinen ist auch Karin Wagner, Amtsleiterin des Bauaufsichtssamtes im Landratsamt. Einen Strich unter die Schadensbilanz kann sie noch nicht ziehen.
Die Menschen in Grimmas Altstadt stehen unter Schock. Viele wären wahrscheinlich leichte Beute für skrupellose Geschäftemacher. „Wir können sie als Amt nicht sicher davor schützen, aber wir beraten sie, wie sie sich Planungsbüros suchen können. Noch können wir sogar kostenlose arbeitende Bauexperten vermitteln.“
Und dann will Karin Wagner nochmals betont wissen: „Schreiben Sie unbedingt ein Dankeschön, an all die Architekten, Bauingenieure und Statiker, die hier sofort und honorarfrei geholfen haben. Solche unkomplizierte und ehrliche Unterstützung brauchen wir noch lange.“ MARLIS HEINZ

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