Serie IVU-Richtlinie (4) 16.04.2010, 19:46 Uhr

Großbritanniens dreckige Schornsteine werden sauberer

EU-Recht erlaubt dem Kohlekraftwerk im britischen Aberthaw hohe Stickstoffoxidemissionen. Der Eigentümer – der Energiekonzern RWE – braucht Stickstoffoxide deshalb nicht wie in Deutschland üblich katalytisch zu reduzieren. Umweltschützer beanstanden, dass sie diesen Stand der Technik nicht einklagen können.

Britische Kohlekraftwerke kannten lange keine Rauchgasentschwefelung. Und kein britisches Kohlekraftwerk eliminiert heute Stickstoffoxide (NOx) mit der in Deutschland üblichen SCR-Technik (selective catalytic reduction). Hierbei wird Ammoniak eingespritzt, das die NOx in einem Katalysator in Wasser und Stickstoff spaltet. Für Neil Crumpton vom Umweltverband Friends of the Earth (FoE) ist damit klar: „Großbritannien gilt als ,the dirty man of Europe’.“

Ein Beispiel ist das Steinkohlekraftwerk in Aberthaw, einem kleinen Ort an der südwalisischen Küste 16 km westlich von Cardiff. Es hat drei Blöcke mit einer elektrischen Gesamtleistung von mehr als 1500 MW, versorgt 1,5 Mio. Kunden und wurde 2002 von RWE übernommen. Das Kraftwerk liefert seit den 1970er-Jahren Strom und ist so ausgelegt, dass es Kohle mit sehr wenig leichtflüchtigen Bestandteilen (s. Kasten) verbrennen kann. Die Kohle stammt zu zwei Dritteln aus Wales und zu einem Drittel aus Russland.

Umweltschützer bezeichnen das Werk als Dreckschleuder. Bis vor Kurzem hat es die Umwelt jährlich mit 25 000 t NOx und mit bis zu 40 000 t SO2 belastet. Das halb so große RWE-Steinkohlekraftwerk in Ibbenbüren (Leistung: 770 MW) emittiert dank SCR und Rauchgasentschwefelung deutlich weniger saure Gase: 2007 gut 3300 t NOx und knapp 2700 t SO2.

Doch mittlerweile erreicht der technische Umweltschutz auf hohem Niveau schrittweise auch Aberthaw: RWE errichtete in den letzten Jahren für jeden Block eine Rauchgasentschwefelung. Das kostete über 100 Mio. £ (115 Mio. €), war aber erfolgreich: 2009 emittierte das Werk nach RWE-Angaben um mehr als 90 % weniger SO2.

RWE tat das allerdings nicht ganz freiwillig. Das Unternehmen erhielt im Dezember 2007 von der Umweltagentur in Cardiff eine neue Betriebsgenehmigung nach Vorgaben der „Richtlinie über integrierte Verminderung und Vermeidung von Industrieverschmutzung“ (IVU-Richtlinie). Das bedeutet: Die Umweltagentur musste bei der Genehmigung den EU-weit akzeptierten Stand der Technik berücksichtigen.

Norman Allen ist Inspektor der Umweltagentur und blickt zurück: „Unser wichtigstes Anliegen 2007 ist es gewesen, die SO2-Emissionen zu minimieren“, sagte Allen den VDI nachrichten. Die Agentur wollte sicherstellen, dass der britische Luftqualitätsgrenzwert von 266 µg SO2/m³ durch Emissionen des Kraftwerks nicht häufiger als 35 Mal pro Jahr überschritten wird.

Die Umweltagentur übernahm für das Kraftwerk den Grenzwert von 400 mg SO2/m³, den die EU-Großfeuerungsanlagenrichtlinie von 2001 für ältere Anlagen einfordert. Für die Agentur war das eine kleine Revolution, Emissionskonzentrationswerte festzulegen: Das britische Umweltrecht begrenzte bis dato allein die Gesamtemissionsfracht.

Die SO2-Reduktion freut auch den Umweltschützer Crumpton: „Doch auch die Stickoxidemissionen müssen sinken“, fordert er. Die Umweltagentur erlaubte RWE Ende 2007 jedoch, dass aus dem Kraftwerk bis zu 1200 mg NOx/m³ emittieren dürfen. Das war keine Verschärfung gegenüber dem damaligen Ist-Zustand.

„Diesen Grenzwert haben wir wegen technischer Gründe bekommen“, sagte Werksleiter Phil Allen. Das Kraftwerk wurde vor 40 Jahren so gebaut, dass es walisische Steinkohle mit wenig flüchtigen Bestandteilen verbrennen kann. Solche Kohle muss lange bei hohen Temperaturen erhitzt werden. Dies aber führt dazu, dass mehr Luftstickstoff zu Stickoxiden oxidieren kann. Fachleute sprechen von thermischen Stickoxiden.

Die EU weiß das und hat in der Großfeuerungsanlagenrichtlinie gleich eine Ausnahme eingebaut. Große Kohlekraftwerke dürfen zwar nicht mehr als 500 mg NOx/m³ emittieren (ab 2016: 200 mg/m³), doch diejenigen Kraftwerke, die Kohle mit weniger als 10 % flüchtiger Bestandteile verbrennen, dürfen bis Ende 2017 noch bis zu 1200 mg NOx/m³ in die Luft pusten.

Das widerspreche aber dem Geist der IVU-Richtlinie, betont Crumpton, „denn mit dem Stand der Technik – mit SCR – lässt sich der Wert auf unter 500 mg NOx/m³ drücken.“ Weil die Behörde dies aber nicht berücksichtigt hat, wollte FoE gegen die Genehmigung klagen, hat es aber gelassen, weil das EU-Recht letztlich keine Behörde zwingen kann, den Stand der Technik vorzuschreiben. Das sei ein großer Schwachpunkt der jetzigen Richtlinie, so Crumpton.

Die britische Umweltagentur erkennt SCR als Stand der Technik an, hält sie aber für zu teuer. Sie verlangt von Kraftwerksbetreibern stattdessen, Verbrennungsprozesse so zu verbessern, dass sich weniger NOx bilden. Das koste nur etwa ein Zehntel vom Einbau der SCR.

RWE hat in Aberthaw seit 2007 daher mehr als 4 Mio. € in die optimierte Verbrennung investiert. Die 36 Brenner pro Block lassen sich inzwischen einzeln programmieren. Die Flammen werden so ausgerichtet, dass die Verbrennungstemperatur möglichst gleichmäßig ist. Temperaturspitzen, die die NOx-Bildung fördern, werden vermieden, so Werksleiter Allen. Dadurch und durch andere Maßnahmen sanken die NOx-Emissionen bereits um 10 %.

Inspektor Allen zeigt sich zufrieden und will die Schrauben langsam anziehen: „Wir wollen in ein oder zwei Jahren den NOx-Grenzwert leicht senken.“ Und er schaut nach Brüssel: In der EU wird zwar diskutiert, die Ausnahme über 2017 hinaus zu verlängern, langfristig müsse RWE aber in Techniken wie SCR investieren oder das Werk schließen, so Allen. Noch hat sich RWE nicht entschieden, ob in Aberthaw investiert werden soll. Die Kosten lägen in derselben Größenordnung wie für die Rauchgasentschwefelung. RALPH AHRENS

Von Ralph Ahrens
Von Ralph Ahrens

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