Keine Frage 03.12.1999, 17:23 Uhr

Greenpeace: Öko-Kämpfer am Handy

Die bekannteste Umweltschutzorganisation heißt Greenpeace. Doch die Regenbogenkämpfer denken um – durch Kooperation mit dem Gegner ist oft mehr erreichbar als durch bloße Bockade.

Vorsichtig tasten sich sieben Schlauchboote durch den Nebel über der Außenweser. „Die machen wohl eine Butterfahrt“, witzelt ein Beamter der Bremerhavener Wasserschutzpolizei. Doch die kleine Flotte hat Größeres zum Ziel: Umweltaktivisten von Greenpeace wollen den 290 m langen Luxusliner „Queen Elizabeth 2“ auf der Fahrt zur Bremerhavener Lloyd Werft stoppen. Der Grund: Das Flaggschiff der britisch-amerikanischen Cunard-Line ist im Unterwasserbereich mit Tributylzinn (TBT) gestrichen. Seit Monaten macht Greenpeace Front gegen dieses Dauergift.
„Das ist nun endlich eine Aktion, die typisch für uns ist“, freut sich Greenpeace-Sprecherin Svenja Koch. David gegen Goliath – das ist das Image, das die „Regenbogen-Kämpfer“ seit knapp 30 Jahren pflegen, auch wenn die internationale Organisation inzwischen selbst zu den Großen zählt und längst Konzernstrukturen aufweist.
Aktivisten ketten sich an Atomtransporte, Schwimmer kämpfen gegen Walfangschiffe, Bergsteiger besetzen qualmende Fabrikschlote – Greenpeace-Aktionen versprechen spektakuläre Bilder. Auf dem eigens gecharterten Pressebegleitboot drängen sich auch an diesem Samstag Journalisten – wichtiger als die Auseinandersetzung mit der Cunard-Line sind die Medienberichte darüber. Denn auch der deutsche Zweig der internationalen Organisation finanziert sich durch Spenden – 531 000 Förderer wollen im wahrsten Sinne des Wortes sehen, wofür sie einen Jahresetat von rund 70 Mio. DM bereit stellen. „Ablassmentalität“, schimpfen Kritiker.
Greenpeace hält dagegen, dass PR-Kampagnen einerseits politische Diskussionen erst anstoßen, andererseits deren Dauer verkürzen können. Die „Gegner“ auf der Wirtschaftsseite wissen das: „Wenn man so ein prominentes Schiff besitzt, muss man immer mit Aktionen rechnen“, meint Steve Storey, Technical Manager der Cunard-Line. Seit August verhandeln Reederei und Umweltschützer über einen TBT-Verzicht. Nun will Greenpeace durch das Stoppen der „QE 2“ Druck machen. „So etwas kann unseren ganzen Zeitplan durcheinander bringen“, fürchtet Werner Lüken, Chef der Lloyd Werft. Bei der vierwöchigen Grundüberholung der „Queen“ zählt jede Minute. Der TBT-Problematik ist sich der Werft-Chef durchaus bewusst, aber: „Allein für ein Kreuzfahrtschiff liegen die Mehrkosten für einen TBT-freien Anstrich bei 1,6 Mio. DM.“
Als die „Queen Elizabeth 2“ in der Mittagszeit pünktlich vor der Bremerhavener Nordschleuse auftaucht, scheint die Aktion von Greenpeace gescheitert: „God save the Queen from TBT“ – Gott schütze die Königin vor TBT -, konnten die Aktivisten gerade noch bei rasender Fahrt von den Schlauchbooten aus auf den Rumpf des Schiffsriesen sprühen. „Das war doch gar nichts“, schimpft enttäuscht dpa-Fotograf Ingo Wagner, der fünf Stunden in der Kälte auf dem Pressebegleitboot ausgeharrt hat.
In letzter Zeit scheint es ohnehin ruhiger um die Umweltschutz-Organisation geworden zu sein. Statt spektakulär die Finger in eine (Umwelt)-Wunde zu legen, versucht Greenpeace immer häufiger, mit konkreten Lösungsansätzen von sich reden zu machen. Zum Beispiel mit dem „Smile“: 1996 präsentierte die Organisation einen Renault Twingo als erstes 3-l-Auto seit VW allerdings im vergangenen Sommer mit dem „Lupo“ ein Serien-Sparmobil auflegte, ist es still um das Projekt geworden.
„Wir werden weiter beides machen, Aktion und eigene Lösungen“, heißt es dazu in der Hamburger Greenpeace-Zentrale. Und so kommt es in Bremerhaven zum „Show-down“. Blitzschnell lässt ein weiterer Trupp 20 Kanus und Ruderboote im Hafen zu Wasser und versperrt das Docktor der Lloyd Werft – nichts geht mehr für die „QE 2“. Was spontan wirkt, ist von langer Hand geplant. Im Detail trifft ein professioneller „Campaig-ner“ die Vorbereitungen, unterstützt von zahlreichen freiwilligen und hauptamtlichen Helfern. Informationen werden gesammelt, die Verhältnisse vor Ort erkundet, Aktivisten herbeigerufen. Die Technik liegt einsatzbereit in einem eigenen Lager in Hamburg-Wilhelmsburg. Stunden vorher werden Journalisten und Kamerateams unterrichtet. Doch auf Fragen nach Details der Vorbereitungen wird Svenja Koch schweigsam: „Die Logistik ist unser Betriebskapital und -geheimnis.“
Auch wenn jede Länder-Organisation für sich selbstständig ist, arbeiten alle grenzüberschreitend zusammen die deutsche Gruppe ist federführend in Fragen gentechnisch manipulierter Lebensmittel, bei bestimmten Atomthemen, beim Schutz der Meere und eben in der Dauergift-Kampagne. Das letzte Okay kommt aus der Greenpeace-Zentrale in Amsterdam, ebenfalls von einem Deutschen: Dort führt der einstige Deutschland-Chef Thilo Bode die Geschäfte.
Für die Aktion in Bremern sind die Aktivisten Tage zuvor aus dem Korps der 120 Festangestellten in Hamburg und aus einem Kreis von bundesweit rund 2500 Freiwilligen zusammengerufen worden. Die Umwelt-Aktion als Freizeit-Kick? Jörn Roggenkamp weist solche Gedanken weit von sich. Der 40-jährige Bremerhavener ist einer der Freiwilligen, die bei der TBT-Aktion im Hintergrund die Fäden ziehen. Zu Greenpeace ist er vor zehn Jahren gestoßen – nachdem er in Kiew kranke Kinder besucht hatte, die schwer unter den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl litten. Im Spektakulären der Greenpeace-Aktionen sieht er eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt etwas für den Schutz der nachfolgenden Generationen zu erreichen. Roggenkamp ist sich allerdings auch der Grenzen bewusst. Seit 20 Jahren ist er als Polizeibeamter auf das Einhalten von Recht und Gesetz geeicht – genau darüber setzt sich Greenpeace bei den Aktionen gezielt hinweg. Roggenkamp versucht, die Grenzüberschreitungen für sich selbst in Grenzen zu halten: „Recht ist aber wandelbar.“ Manches, was heute Recht ist, sei erst durch Greenpeace-Aktionen dazu geworden. Für die Organisation spreche zudem das Prinzip der Gewaltfreiheit – und der Freiwilligkeit: „Jeder kann jederzeit sagen: Hier steige ich aus.“ Neben dem Unfallrisiko müsse ein Aktivist die rechtlichen oder finanziellen Folgen von Gesetzesverstößen selbst tragen, sagt Roggenkamp.
Mittlerweile ist es später Nachmittag geworden. Nur mühsam können drei Schlepper den Ozeanriesen auf seiner erzwungenen Warteposition vor dem Dock halten. Um Haaresbreite verfehlt einer der Kraftprotze eines der Ruderboote. An Land herrscht Betriebsamkeit. Bei Greenpeace arbeiten Kommunikationsprofis. Jeder in der Organisationscrew an Land hat ein Handy, wenn nicht sogar zwei. Und die laufen jetzt heiß: Die Wasserschutzpolizei hat ein Gespräch mit der Reederei vermittelt. Während Jörn Roggenkamp bereits Verpflegung und heiße Getränke für eine lange Nacht organisiert, kommt der erlösende Anruf vom Leiter der Aktion, Manfred Krautter: „Cunard verzichtet auf TBT. Wir brechen ab.“ So schnell wie Greenpeace aufgetaucht ist, sind die Umweltschützer wieder verschwunden. Nur einer von 120 Aktivisten muss ins Krankenhaus: Verdacht auf Unterkühlung.
Nicht immer gab es bei Greenpeace nur Helden. Mal geriet die Organisation in Verdacht, eine „Geldmaschine“ (so ein Spiegel-Titel von 1991) zu sein. Dann kratzten 1995 die Ungereimtheiten rund um die „Brent Spar“-Kampagne am Image der sauberen Umweltaktivisten. Kritiker wie Peter Willers von der Aktionskonferenz Nordsee warfen Greenpeace vor, zwar eine gute Show, doch keine Inhalte zu liefern. Hinterließ dies Spuren im Inneren? „Die viel beschriebene Auseinandersetzung zwischen Realos und Fundis gibt es bei uns nicht“, heißt es in Hamburg. Wohl gibt es Diskussionen, wie man mit der ökologisch recht unbeweglichen rot-grünen Bundesregierung umgeht, die doch zum Teil aus dem eigenen Lager kommt. Auch die neue Pressesprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter ist ehemalige Greenpeace-Aktivistin.
Und es gibt neue Töne. Immer häufiger sitzt Greenpeace als Berater mit am Tisch, bevor politische Entscheidungen gefällt werden. Und selbst alte Gegner werden zu Verbündeten, Shell zum Beispiel in Fragen der Solartechnik. Aber: „Lobbying ist ein mühsames Geschäft“, sagt Svenja Koch. Und deshalb will Greenpeace weiterhin Schlauchboote losschicken – auch wenn die im Nebel stochern müssen. W. HEUMER
Greenpeace-Aktivist Jörn Roggenkamp – im Hauptberuf Polizist: „Recht ist wandelbar.“
Greenpeace gegen Sommersmog: Regelmäßig im Sommer machen die Umweltschützer gegen die großen Mengen Verkehrsemissionen, die zu erhöhten Ozonwerten beitragen, mobil.
Ein Aktion ganz nach Art der Regenbogenkämpfer: Mit Schlauchbooten hinderten Greenpeace-Aktivisten am 13. November die „Queen Elizabeth 2“ am Einlaufen in Bremerhaven. Grund: Der Rumpf des Luxusliners ist mit dem giftigem Anti-Fouling-Mittel TBT gestrichen. Die Reederei lenkte ein und will künftig auf TBT verzichten.

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieur / Betriebsassistent Fachrichtung Verfahrens-/Energie-/Umwelttechnik / Maschinenbau (m/w/d) Frankfurt am Main
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG Sachverständiger*Sachverständige zur Qualifizierung leittechnischer Komponenten im Bereich Energieinfrastruktursysteme Hannover, Hamburg
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG Sachverständiger*Sachverständige für Elektro- oder Leittechnik im Bereich Energieinfrastruktursysteme Hannover, Hamburg
ENERTRAG Aktiengesellschaft-Firmenlogo
ENERTRAG Aktiengesellschaft Landschaftsplaner* (Projektplaner*) für Umwelt- und Bauleitplanung (m/w/d) Dauerthal, Rostock
Stadtwerke Potsdam GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Potsdam GmbH Projektleiter Quartierslösung (m/w/d) Potsdam
Münchner Stadtentwässerung-Firmenlogo
Münchner Stadtentwässerung Umweltingenieur*in (w/m/d) München
WESSLING GmbH-Firmenlogo
WESSLING GmbH Abteilungsleiter (m/w/d) im Bereich Gebäudeschadstoffe und Rückbau Neuried
Sharp Electronics GmbH-Firmenlogo
Sharp Electronics GmbH Manager (m/w/d) Projektentwicklung Solar Hamburg
Hitzler Ingenieure-Firmenlogo
Hitzler Ingenieure (Junior) Ingenieur Projektsteuerung u. Projektmanagement Bau (m/w/d) Nürnberg
Enercon GmbH-Firmenlogo
Enercon GmbH Department Head (m/f/d) Configuration Management Aurich near Emden

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Umwelt

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.