Umwelt 04.06.1999, 17:21 Uhr

Giftcocktail in Jugoslawien

Daß Umwelt und Natur in weiten Teilen der Balkanregion zu den Verlierern des Krieges zählen, wird immer deutlicher. Auch wenn konkrete Informationen über Quantität und Qualität freigesetzter Schadstoffe fehlen.

Am 19. Mai ließ die Umweltnachrichtenagentur ENS frohe Kunde in die Welt setzen: Die Nato-Bombardements hätten bislang die Donau nicht vergiftet, zu diesem Schluß sei ein internationales Symposium im österreichischen Hernstein gekommen. Die Teilnehmer waren nicht etwa unbelehrbare Öko-Optimisten, sondern Vertreter der Donau-Anrainerstaaten, von UN, Weltbank und Umweltschutzgruppen. „Keine signifikante Wasserverschmutzung und keine durch den Kosovo-Krieg verursachten Umweltschäden sind bis jetzt nachzuweisen“, schrieben sie in das Schlußdokument. Zu ganz anderen Ergebnissen kam wenige Tage später eine von UNEP-Chef Klaus Töpfer beauftragte Task-Force auf Blitzbesuch im Kriegsgebiet. Deren Vertreter trafen sich am 26. Mai mit Forschern der Serbischen Ökologischen Gesellschaft, um einen gut 30 Seiten starken Bericht über die ökologischen Folgen des Nato-Bombardements entgegenzunehmen. Tenor der von Prof. Dr. Radoje Lausevic von der Biologischen Fakultät der Universität Belgrad verfaßten Bestandsaufnahme: Die Zerstörung von mehr als 50 Industrieanlagen, Raffinerien, Benzindepots, Düngemittelfabriken, Kraftwerken, Transformatoren und Umspannstationen habe einen noch gar nicht ermeßbaren Giftcocktail für Luft, Boden und Wasser freigesetzt.
Dr. Slobodan Tresac, der Direktor des am 15. April zum ersten Mal bombardierten Petrochemischen Werkes „HIP Petrochemija“, wandte sich mit einem dringlichen Appell an die Weltöffentlichkeit und an seine Berufskollegen in der Petrochemischen Industrie, „wegen der außerordentlichen Gefährlichkeit ihre Stimme gegen Angriffe auf solche Produktionsanlagen zu erheben“. Die Ammoniak-Produktion und die Anlage zur Herstellung von Vinylchlorid (VC) seien völlig zerstört, etwa 1200 t des hochgiftigen VC wurden freigesetzt, bestätigt die Lausevic-Studie. Außerdem seien in der Nacht des 18. April während des 2. Bombardements von Pancevo rund 1400 t Ethylendichlorid in die Donau geflossen sowie 800 t konzentrierte Salzsäure. Etwa 100 t Quecksilber traten aus einer zerstörten Elektrolyse-Anlage aus.
Eine besondere Gefahr für die Grundwasservorkommen geht von zerstörten Transformatoren aus, deren Kühlung vielfach PCB enthalten. Anlagen dieser Art zerstörte die Nato im Zastava-Automobilwerk in Kragujevac, in der Maschinenfabrik 14. Oktober in Krusevac und im Kraftwerk von Novi Sad.
Ökologische Gefahren bergen aber auch „klassische“ Kriegszerstörungen wie die in Trümmer geschossenen Donaubrücken. Die in ihrer Fließgeschwindigkeit stark reduzierte Donau büßt einen großen Teil ihrer natürlichen Selbstreinigungsfähigkeit ein. Die Konzentration der Giftfrachten in den Flußsedimenten erreicht wesentlich schneller kritische Werte, der Sauerstoffgehalt des Flusses sinkt stetig. In den Altwassern der Donau treiben immer mehr tote Fische an, so Beobachtungen des Balkan-Korrespondenten der französischen Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“.
Für Jamie Shea, Sprecher der Nato, sind die schwarzen Rauchschwaden im Kriegsgebiet Erfolgsdokumente. Reiner John, Leiter der Forschungsstelle für Brandschutztechnik der Universität Karlsruhe, urteilt anders: „80 % der Rußpartikel in solchen Rauchgaswolken sind lungengängig und transportieren alle toxischen Substanzen dadurch in den Körper.“ Steigt die Wolke hoch in die Atmosphäre, werden die Gifte weit und grenzüberschreitend transportiert und ausgeregnet. Außerdem hinterlassen Bomben Radioaktivität. Die panzerbrechenden Geschosse der amerikanischen A-10 Flugzeuge enthalten „abgereichertes“ Uran (DU), das wegen seiner hohen Dichte als Bleiersatz benutzt wird. Fragmente der DU-Sprengköpfe, so Informationen des britischen Nachrichtendienstes BBC aus dem Pentagon, seien eine ernstzunehmende Gefahr für die Gesundheit und könnten bei direktem Kontakt eine „Strahlenexposition bis zu 200 Millirem pro Stunde bewirken“.
Neben den Giftwolken der unterschiedlichsten Brände im Kriegsgebiet, die sich je nach Großwetterlage über Rumänien, Bulgarien, Mazedonien und Griechenland ausbreiten und auf dem Peloponnes zu einem Anstieg von in der Luft gemessenen Dioxin- und PCB-Gehalten geführt haben, bereiten inzwischen auch gut 20 Ölteppiche auf der Donau, der längste ist bald 24 km lang, den Experten große Sorgen. Die bulgarische Umweltaktivistin Rasitsa Panajotova der Gruppe „Za Zematia“ schreckte gar die Fachwelt auf, indem sie ein neuerliches „Tschernobyl“ heraufbeschwor, wenn die Pumpen des Kühlwasserkreislaufs im nur etwa 100 km vom Kriegsgebiet entfernten bulgarischen Kernkraftwerk Kosloduy Öl ansaugten und ausfielen. „Völlig unmöglich!“ beteuerte Jack Greenberg, Sprecher der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. Die dortigen Pumpen seien durch ölhaltiges Wasser nicht kleinzukriegen.
MICHAEL SCHWERES
Die Serbische Ökologische Gesellschaft hat im Internet eine Informationsseite eingerichtet: ttp://www.aim.ac.yu
Elektrizitätswerke sind bevorzugtes Ziel der Bomben (hier das zerstörte E-Werk in Veliki Crljeni bei Belgrad). Wissenschaftler der Universität Belgrad machten jetzt erstmals eine ökologische Bestandsaufnahme des Kosovo-Krieges: Die Zerstörung von mehr als 50 Industrieanlagen, darunter viele Treibstoffdepots, hat einen Giftcocktail für Luft, Boden und Wasser freigesetzt.
Für die Nato Erfolgsdokumente, für Menschen eine Gesundheitsgefahr: Mit Rauchgaswolken (hier brennt eine der großen Raffinerien des Landes in Devet Jugovica nahe Prstina) werden Schadstoffe weit verbreitet und kontaminieren Boden und Grundwasser.

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  • Michael Schweres

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