Plastik-Planet 07.03.2013, 14:18 Uhr

Geomar-Forscher untersuchen Mikroplastik in den Weltmeeren

Flaschendeckel, Fischernetze, Eimer, CD-Hüllen, Feuerzeuge – eine schier gigantische Flut von Plastikmüll schwimmt in den Ozeanen der Welt herum. Dort bleibt es Jahrhunderte, erodiert zu Mikroplastik und gefährdet Seevögel und andere Meeresbewohner.

Kiels stellvertretender Stadtpräsident Rainer Tschorn (mit Kielflagge) und Ratsherr Peter Kokocinski (li.) begrüßen die Teilnehmer des 11. GAME-Projekts in Kiel.

Kiels stellvertretender Stadtpräsident Rainer Tschorn (mit Kielflagge) und Ratsherr Peter Kokocinski (li.) begrüßen die Teilnehmer des 11. GAME-Projekts in Kiel.

Foto: J. Steffen/Geomar

Es ist nahezu unsichtbar und doch in rauen Mengen vorhanden: Plastik im Meer. Durch Wellen, Steine, Wind und Erosion, also durch physikalische, chemische und biologische Degradation zu mikroskopisch kleinen Teilen zermahlen, schwimmt es in allen Wässern der Welt. Und es wird immer mehr. Jahr für Jahr kommen auf dem Planet Erde 200 Millionen Tonnen Plastik neu hinzu. In den Weltmeeren gibt es inzwischen gigantische Gebiete, schwimmenden Müllkippen gleich, in denen das Verhältnis von Plastik zu Plankton bei 60 zu 1 liegt.

Im Pazifik rotieren drei Millionen Tonnen Plastikmüll

Im größten dieser Müllwirbel rotieren drei Millionen Tonnen Plastikmüll umher. Ein gigantischer Müllteppich, dessen Ausmaße die Größe Mitteleuropas übersteigt. Ein stilles Meer aus Kunststoffmüll, das sich als langsamer Wirbel im Uhrzeigersinn dreht. Auf der Meeresoberfläche schwimmen Plastiktüten, Flaschendeckel, die Reste von Fischernetzen, Einmalrasierer, CD-Hüllen, Eimer, Kabeltrommeln, Zahnbürsten, Feuerzeuge. Der pazifische Müllstrudel ist der größte, aber bei weitem nicht der einzige seiner Art: Auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche schwimmen heute 13.000 Plastikmüll-Teile. Und täglich werden es mehr. 450 Jahre – so lange dauert es, bis schwimmender Plastikmüll abgebaut ist. Aluminiumdosen leben mit 500 Jahren noch länger.

Vor allem Verpackungsmaterialien sowie Abfälle aus Fischerei und Schifffahrt wie Netzreste oder Taue bewirken, dass pro Jahr nach Schätzungen rund eine Million Seevögel und weitere 100.000 Meeres-Lebewesen umkommen, indem sie sich in den Plastikteilen verheddern, sich strangulieren oder die Abfälle als vermeintliche Nahrung verschlucken.

Kieler Forscher konzentrieren sich auf Mikroplastik

Mehr über diese Verheerungen in den Meeren will jetzt das Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar herausfinden und geht mit seinem Forschungs- und Trainingsprogramm GAME in die elfte Runde.

GAME steht für „Globaler Ansatz durch modulare Experimente“ und hat das Ziel, junge Meereswissenschaftler im Rahmen von themengebundenen Forschungsprojekten zeitgleich an identische Experimente an verschiedenen Standorten auf der ganzen Welt heranzuführen.

Ein in der ökologischen Forschung neuer und innovativer Ansatz, weil nur global vergleichbare Ergebnisse Erkenntnisse über biogeographische Räume und Ökosysteme hinweg liefern.

GAME greift mit dem 11. Projekt die drängende Frage auf, welche Auswirkungen Mikroplastik auf Meeresorganismen und auf Küstenökosysteme hat. „Die Frage, wie sich der intensive Einsatz von Plastik in allen Lebensbereichen auf die Umwelt auswirkt, wird immer drängender“, sagte Geomar-Programmkoordinator Dr. Mark Lenz. „Gleichzeitig gibt es kaum Untersuchungen zur Auswirkung von Mikroplastik auf die Lebewelt der Küstengebiete. Mit unserem globalen Versuch betreten wir also wissenschaftliches Neuland.“

Als Mikroplastik werden Kunststoffteile bezeichnet, die kleiner sind, als fünf Millimeter. Dieser Mikroplastik speist sich aus zwei großen Quellen: Zum einen aus dem durch Wind und Wellen, Felsen und Treibgut zermahlenen großen Plastikmüll. Dazu zählen beispielsweise Plastikflaschen und -tüten. Die zweite Quelle sind so genannte primäre Kunststoffpartikel, die direkt in mikroskopischer Größe hergestellt werden. Dazu gehören beispielsweise Granulate, die in Kosmetik und Hygieneprodukten in Reinigungsstrahlern auf Werften oder in der Medizin als Träger für Wirkstoffe in Arzneien eingesetzt werden, aber auch Basispellets zur weiteren Produktion sowie Textilfasern.

Eissturmvögel verhungern mit vollem Magen

Sammelbecken für all das Plastik ist immer das Meer. Die meisten Kunststoffe sind nur schwer wiederverwertbar, sie sind nicht kompostierbar und in der Natur kaum abbaubar. Der Plastik  kommt daher aus den Flüssen, das Meer holt ihn von den Stränden, die Kläranlagen der Städte und Gemeinden kommen mit dem Mikroplastik nicht klar und geben ihn weiter. Und so entsteht in den Meeren ein gigantisches Endlager, welches mit den globalen Strömungen umhertreibt und lokal riesige schwimmende Müllkippen erzeugt. Für Seevögel und Fische wird Plastik oft zur tödlichen Falle. Immer wieder werden Seevögel tot aufgefunden, die verhungert sind, weil sie vermeintlich satt waren. Statt Nahrung befindet sich in ihrem Magen aber Plastik. Untersuchungen an verendeten Eissturmvögeln ergaben einen Durchschnitt von 32 zentimetergroßen Plastikteilen in den Mägen der Tiere. In Kotproben von Seehunden und Kegelrobben des niedersächsischen Wattenmeeres wurde Mikroplastik gefunden. Vornehmlich handelt es sich dabei um Granulate aus Kosmetika wie Peelings oder Zahnpasten sowie Fasern, die von Kläranlagen nicht vollständig zurückgehalten werden können.

Mikroplastik bindet Umweltgifte und reichert sie an

Ein besonders Problem von Mikroplastik stellt dessen anziehende Wirkung auf andere giftige Stoffe dar, die in den Weltmeeren umherschwimmen. Je stärker das Plastik zerkleinert wird, desto leichter nimmt es giftige und krebsfördernde Stoffe wie PCB oder DDT auf und reichert sie in millionenfach konzentrierter Form an. Das Plastik wirkt wie ein Magnet auf die tausenden Toxine, die sich seit der Industrialisierung in Luft, Böden und Gewässern angereichert haben. Meerestiere, die die winzigen Plastikpellets unbemerkt mit ihrer Nahrung aufnehmen, vergiften sich auf diese Weise. Werden sie gefressen, so geben sie die Schadstoffe an andere Tiere weiter – und auch an den Menschen. Als Fischkonsument steht er ganz am Ende der maritimen Nahrungskette.

Es gibt also genug zu tun für die Geomar-Forscher. Überall auf der Welt. Am 11. GAME-Projekt nehmen 14 Studierende aus sieben Nationen teil. Lenz: „Und mit einer Studentin aus Mexiko ist außerdem ein neues Partnerland zum GAME-Netzwerk hinzugekommen.“

Von Detlef Stoller

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