Umwelt 16.11.2001, 17:31 Uhr

Friedhof: Terra incognita

Auf den Friedhöfen zersetzen sich Leichen zu langsam. Viele Friedhöfe stoßen so an ihre Kapazitätsgrenzen, außerdem entsteht dadurch ein bislang kaum untersuchtes ökologisches Gefährdungspotenzial

Die Fahrradexkursion einer Studentengruppe vor einigen Jahren nahm ein unschönes Ende, nachdem während einer Mittagsrast auf einem Friedhof der Durst mit Brunnenwasser gestillt worden war. „Keime im Trinkwasser führten zu heftigen Durchfallerkrankungen bei den Studenten“, erinnert sich Prof. Christian Leibundgut vom Institut für Hydrologie der Universität Freiburg. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen Wasserqualität und Friedhof bestand, wurde nie nachgeprüft.

Risiken, die von Leichen und ihren Zersetzungsprodukten für die Boden- und Wasserqualität ausgehen können, werden nur wenig diskutiert – nicht etwa weil das Risiko als gering eingestuft wurde, sondern schlicht deshalb, weil es praktisch keine wissenschaftliche Untersuchung in diese Richtung gibt und die Vermutungen über mögliche Effekte weit auseinander gehen. „Wir haben es hier mit einem absoluten Tabuthema zu tun“, kritisierte Dr. Werner Weinzierl vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Freiburg, kürzlich auf einer Tagung in Freiburg.

Dabei ist es nahe liegend, dass von den menschlichen Rückständen nicht alles nach dem Prinzip „Asche zu Asche“ in den natürlichen Kreislauf übergeht. Viele Verstorbene haben vor ihrem Ableben hohe Dosen von Antibiotika eingenommen, wurden mit Kontrastmitteln behandelt, sind mit Schwermetallen wie Amalgam belastet oder tragen noch ihren batteriehaltigen Herzschrittmacher, ganz zu schweigen von organischen Fäulnisprodukten, die je nach Bodenbeschaffenheit mehr oder minder das Grundwasser belasten können.

 „Wir gehen von einer nicht unerblichen Belastung der Umwelt durch diese Stoffe aus und konnten bereits einen erhöhten Gehalt von Phosphor und Stickstoff im Boden nachweisen“, zitierte Katja Schneckenberger vom Institut für Bodenkunde der Universität Hohenheim aus ihrer Diplomarbeit. Die ersten Analysen auf Schwermetalle seien derzeit noch in Arbeit. Die Fortsetzung der wissenschaftlichen Untersuchung vor allem von Sickerwässern aus Gräbern sei ungewiss, die Gelder hierfür seien nicht bewilligt worden.

Dabei wäre eine Erforschung der Prozesse bei der Leichenzersetzung wichtig. 30 % bis 40 % aller Friedhofsverwaltungen in Baden-Württemberg leiden unter einem Problem, das vermutlich aus falsch verstandener Pietät unter Verschluss gehalten wird: In den Böden des Landes – und dies dürfte für ganz Deutschland gelten – verwesen viele Leichen gar nicht oder nicht schnell genug.

 Es ist weniger der Bevölkerungsdruck, der die Gemeinden dazu zwingt, ihre Friedhöfe ständig zu erweitern, sondern es ist die Tatsache, dass immer häufiger Gräber nach der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhefrist von 15 Jahren nicht wieder neu belegbar sind. „Es gibt auch Kommunen, da wird in aller Stille bei einer Friedhofsanierung manche Leiche auf die Erddeponie gekarrt“, berichtet Gerold Althaus, Geologe aus Reutlingen, der für Kommunen bodenkundliche Gutachten erstellt.

Was den Behörden Sorgen macht, ist das Problem der sogenannten Wachsleichenbildung, wissenschaftlich als Fettsäurekonservierung oder Adipocirebildung bezeichnet. Aus der Gerichtsmedizin ist bekannt, dass bei der Zersetzung des Körpers zunächst ausschließlich körpereigene Enzyme aus der Darmflora das Körperfett zersetzen. Mit fortschreitendem Abbau verringert sich der Schmelzpunkt des Fettsäuregemisches, was zu einer Ausfällung der langkettigen Fettsäuren und zu einer Fetthärtung führt. Üblicherweise werden diese Fettsäuren im Rahmen des Fäulnisprozesses, der mit einer Temperaturerhöhung einhergeht, weiter abgebaut. Wird nun diese Wärme zu schnell abgeführt – beispielsweise durch übernässte Böden oder eine Ansammlung von Leichenwasser in einem hermetisch abgeschlossenen Sarg – fehlt der Zersetzung die notwendige Temperatur und es bleibt ein „Fettpanzer“ erhalten, der die weitere Zersetzung praktisch unterbindet.

Unter optimalen Bedingungen ist ein Körper nach fünf Jahren zerfallen eine Wachsleiche hat gut 100 Jahre und länger Bestand. „Es wurden schon nach Jahrzehnten Leichen exhumiert, die völlig erhalten schienen und problemlos identifizierbar waren“, wussten Fachleute auf der Tagung zu berichten.

 Wachsleichen findet man quer durch ganz Deutschland, besonders in Regionen mit hohem Grundwasserstand und tonigen Böden. Nicht jede Gemeinde lässt vor dem Anlegen eines Friedhofs ein bodenkundliches Gutachten anfertigen, und so stellt sich bei ungeeigneten Standorten früher oder später die Frage nach der Sanierung.

 Doch eine nachträgliche Grundwasser-Drainage zur Beschleunigung der Leichenzersetzung einzelner Grabfelder ist nicht nur aufwändig, sondern hoch problematisch, denn über die chemisch-biologische Zusammensetzung der übel riechenden und bisweilen schwarz-trüben Flüssigkeit gibt es in Deutschland keinerlei Untersuchung. So kommt es vor, dass das „Leichenwasser“ offen in Biotope oder stillschweigend in die Kanalisation geleitet wird, wobei es Länder wie Nordrhein-Westfalen gibt, deren Kläranlagenbetreiber die Annahme dieses Wassers ablehnen. In der Regel bleibt nur der komplette Bodenaustausch, doch dabei stellt sich die unbeantwortete Frage der „Entsorgung“ von Wachsleichen.

Inzwischen bieten Hersteller ein ganzes Sortiment von Grabkammersystemen an, die meist in betonartigen und zum Erdreich hin hermetisch abgeschlossene Kammern mit Erd- oder Humus-Einlage optimierte Bedingungen für eine rasche Leichenzersetzung bieten. Für den notwendigen Sauerstoffaustausch sorgt eine spezielle Belüftung. Auch für konventionelle Gräber gibt es Belüftungssysteme oder Polyethylen-Säcke als Sarghülle mit Reißverschlusssystem, in denen die Staunässe vom Leichnam fern gehalten werden soll.  MARTIN BOECKH

 

Gütesiegel für den Friedhof

Begraben, belüftet und entwässert

Zur Vermeidung von Umweltbelastungen durch Friedhöfe wurde von der Gütegemeinschaft Friedhofsysteme e.V., Berlin, eine RAL-Güterichtlinie entwickelt. Das Zeichen RAL-GZ 502/1 erhalten demnach nur Grabanlagen, deren Baumaterialien wiederverwertbar sind und die – beispielsweise durch Auffangen des Leichenwassers – eine Belastung von Boden und Wasser vermeiden. Die notwendige Be- und Entlüftung der Grabkammer muss mit einem Filter versehen sein, der die Gerüche der Fäulnis aufnimmt und gleichzeitig den Luftaustausch sicherstellt.   boe

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