Umwelt 04.09.2009, 19:42 Uhr

Forscher in Russland suchen die offene Diskussion  

Die Forschung in Russland ist noch lange nicht frei vom starren Denken alter Tage. Ein Beispiel dafür ist die Umweltforschung. Dazu kommen massive finanzielle Probleme der öffentlichen Forschung in den letzten Jahren und der Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs. Die Politik versucht gegenzusteuern. VDI nachrichten, Moskau, 4. 9. 09, moc

Seit fast einer Stunde donnert der Helikopter über die sibirische Taiga. Draußen stets das gleiche Bild – ein Meer an Pinien, Birken, Moosen und Gräsern bis an den Horizont. Hier und da spiegelt sich gleißend die Sonne in Seen oder Tümpeln. „Das Wasjugan-Moor“, brüllt Evgeny Gordov gegen den Lärm der Rotoren an.

Gordov ist Direktor des Sibirischen Zentrums für Umweltforschung SCERT in der Universitätsstadt Tomsk. Das Moor, das zu gut 70 % aus Wasser besteht, liegt inmitten des Westsibirischen Tieflands zwischen dem Ural im Westen und dem Jenissei im Osten. Es ist das größte zusammenhängende Moor der Erde – „Belgien findet zweimal darin Platz“, so Gordov.

Vor allem aber reagiert das Moor sehr empfindlich auf Klimaveränderungen, weswegen Klimatologen wie Gordov sich regelmäßig von Tomsk aus auf den Weg nach Norden machen.

Plötzlich wird Gordov unruhig, gestikuliert zum Heli-Fenster hinaus. In der Ferne steigen Rauchschwaden auf. „Waldbrände“, ruft er. Nicht selten sind seine Landsleute dafür verantwortlich. „Wenn sie arbeitslos sind und Zeit haben, Pilze zu suchen oder zu fischen, dann brechen Brände aus“, so seine Erfahrung, „weil sie dabei rauchen.“

Straßen gibt es nur, wenn der Boden tief gefroren ist

Am Horizont erscheint eine trostlose Anhäufung von Wohnsilos und Baracken. Auf dem Landweg kommt man hier nur im Winter hin, wenn der Boden gefroren ist. In der übrigen Jahreszeit ist der Helikopter die einzige Verbindung.

Nicht weit von der Siedlung schießen meterhohe Flammen in die Höhe. Hier bohren russische Firmen nach Öl, überschüssiges Gas fackeln sie einfach ab. Sanft setzt der Hubschrauber auf, peitscht Staubfahnen in die Höhe.

Die Menschen, die hier leben, sind entweder Wissenschaftler wie Gordov oder arbeiten für die Ölgesellschaften.

Für die Wissenschaftler ist die Taiga ein empfindlicher Sensor, hier nehmen sie Wetterdaten, beobachten die Veränderung von Boden und Pflanzen. Und Jahr für Jahr mehren sich die Anzeichen einer Klimaveränderung: Der Permafrostboden taut auf, die Moore wachsen, die Vegetation ändert sich, die Baumgrenze steigt. Auch die Winter sind lange nicht mehr so kalt wie früher – keine -40o C mehr, sondern nur noch -30o C.

Hier in der Taiga lauern Gefahren, die heute kaum abzuschätzen sind. Gordovs deutscher Kollege Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) etwa vermutet, dass im Permafrostboden mindestens eine Billion Tonnen Kohlenstoff gespeichert sind, die bei Erwärmung in die Atmosphäre entweichen könnten. Das ist zehnmal so viel, wie die Menschheit durch Verbrennen von Kohle, Gas und Öl bisher freigesetzt hat. Eine tickende Zeitbombe.

Noch zaudern die russischen Wissenschaftler, dem Mensch die Schuld an der globalen Erwärmung zu geben. „Das ist nicht wie Ursache und Wirkung in der Physik“, wiegelt Gordov ab.

Eine junge russische Kollegin, die regelmäßig die Bäume der Taiga untersucht, will zwar deutliche Signale für einen Klimawandel erkannt haben, aber sie weicht aus, mit unsicherem Blick auf Gordov, als es darum geht, diese Veränderungen zu bewerten.

„Wir liefern ausschließlich wissenschaftliche Ergebnisse“, argumentiert Gordov und blickt trotzig in Richtung der Birken am Rand der Siedlung, „wir machen kein Monitoring.“ Mit Prognosen sind die russischen Experten eher vorsichtig – die Diskussion ähnelt der Debatte, ob Rauchen denn Krebs verursache. Gordov zumindest scheint das kaum zu glauben – bei jeder Gelegenheit zündet er sich eine neue Zigarette an.

Auffällig ist, dass die Wissenschaftler der alten Garde es offenbar kaum gelernt haben, ihre Forschungsergebnisse der Politik oder Wirtschaft gegenüber selbstbewusst zu vertreten – von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen.

Das gilt für die Provinz in der sommerlichen Taiga ebenso wie für die Metropole Moskau.

So hat das Hochhaus der angesehenen Lomonossow-Universität noch immer viel von einem Elfenbeinturm.

Andere Forschungszentren wie das ebenfalls in der russischen Hauptstadt gelegene Kurchatov-Institut schotten sich hermetisch ab: Wächter in schwarzen Uniformen patrouillieren vor hohen Zäunen mit Sicherheitsschleusen und bewachen das Institut wie eine Festung.

Oft ist es ein Generationsproblem. „Wir haben einerseits relativ viele junge Wissenschaftler im Alter bis 30 Jahre, andererseits eine Gruppe Älterer, die zwischen 50 und 60 sind“, beschreibt Andrej Fursenko die Situation. Und derzeit, so ist bei ihm herauszuhören, bremsen die Älteren die Jüngeren, auch was deren Diskussionsfreude angeht.

Die jüngeren Wissenschaftler werden von den alten gebremst

Fursenko, der russische Minister für Bildung und Wissenschaft, ist ein hagerer Mann mit selbstbewusstem Auftreten, der seine Besucher in einer Presseagentur im Zentrum von Moskau empfängt. Er kommt aus der Wissenschaft, erst spät verschlug es ihn in die Politik.

Den Grund für dieses „schwarze Loch“ zwischen jungen und älteren Wissenschaftlern ist schnell gefunden – das Einkommen. Akademiker sind in Russland zwar hoch angesehen, doch selten gut bezahlt. Die Generation zwischen 30 und 50 fand im Zuge der Perestroika oft lukrativere Jobs bei Banken, in der IT-Branche oder in Unternehmen, die nach Gas oder Öl bohren. Jetzt versucht die Regierung gegenzusteuern, so Fursenko.

Heute verdient ein Forscher in Russland mit knapp 1000 Dollar monatlich etwa viermal so viel wie vor wenigen Jahren und rund doppelt so viel wie der Bevölkerungsdurchschnitt.

Doch insbesondere in Moskau müssen sich selbst Professoren nach der Decke strecken „Um ihre Familie zu ernähren, müssen Sie sich stets um zusätzliche Gelder bemühen“, so Alexei Khokhlov, Leiter der Abteilung Polymere und Kristallographie an der Lomonossow-Universität in Moskau. „Sie wären sonst selbst als Professor ein armer Mensch.“

Immer stärker setzt aber auch Russland auf den Nachwuchs. „Wir brauchen die jungen Wissenschaftler und versuchen, ihre Position in den Forschungseinrichtungen zu verbessern“, so Fursenko. Und das nicht nur, um den Anschluss an den Westen zu finden, sondern auch, um die aktuellen Probleme des Landes anzupacken. Dann dürfte auch die Diskussion offener geführt werden, wodurch denn nun die Veränderungen in der Taiga entstehen.

GERHARD SAMULAT

Von Gerhard Samulat
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