Umwelt 31.03.2006, 18:43 Uhr

Flammschutzmittel an der Angel  

VDI nachrichten, Berlin, 31. 3. 06, swe – Unterschiedliche Belastungen mit bromierten Flammschutzmitteln in Fischen aus Nord- und Ostsee ergibt eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes. Vor allem in englischen Küstengewässern zeigen sich hohe Schadstoffkonzentrationen.

Auf dem Forschungsschiff der Bundesanstalt für Fischereiforschung herrscht absolute Betriebsamkeit. Eben hievt die Besatzung das mehrere Tonnen schwere Netz aus dem Wasser. Der zappelnde Fang rauscht durch eine Klappe unter Deck in einen Stahlcontainer und von dort auf ein Förderband.

Für ein internationales Messprogramm zum Schutz der Meeresumwelt schippert die 13 Jahre alte hochseetaugliche „Walther Herwig“ an den Küsten und auf dem offenen Meer der Ost- und der Nordsee. Seit 2004 steuert sie 18 Messstationen an. Chlor- und Bromchemikalien, Schwermetalle stehen auf der Giftliste der Nord- und Ostseeanrainer und neuerdings auf dem Programm der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die Belastungen mit Altgiften, wie PCB oder chlororganischen Pflanzenschutzmitteln, wie DDT, aber auch Blei und Quecksilber, werden regelmäßig überwacht. Neu im Beobachtungsplan sind die bromierten Flammschutzmittel.

Immer wieder wird der Fang gewässert und aus der bunten Mischung von Sprotten, Makrelen, Dorschen und Heringen werden die Klieschen vorsichtig aussortiert. Als Speisefisch sind diese Plattfische hier zu Lande völlig unbedeutend. Anders als Scholle und Flunder. Für die Schadstoffanalyse kann man sich aber kaum einen besseren Untersuchungsfisch vorstellen.

„Das Schöne an den Klieschen ist, dass sie relativ ortstreu sind“, erklärt Michael Haarich, der an Bord als leitender Wissenschaftler für die Probenahme verantwortlich ist. „So kann man sich ein gutes Bild von der Schadstoffbelastung im Fanggebiet machen. Außerdem bekommen wir die Klieschen noch in ausreichender Menge – anders als bei Scholle und Kabeljau.“

Für die Schadstoffuntersuchung müssen die Klieschen zwischen 19 cm und 25 cm groß sein und weiblich. „Die weiblichen Fische verlieren mit dem Ablaichen einen Teil der Schadstoffe. Deshalb spiegeln Weibchen den aktuellen Schadstoffgehalt besser wider als Männchen, die Schadstoffe über ihre gesamte Lebenszeit anreichern“, erklärt Haarich, der bei der Bundesforschungsanstalt für Fischerei die Spurenanalytik leitet.

Nachdem an Bord Leber und Gehörknöchel sorgfältig aus dem Fisch herausgeschnitten wurden, kommen die gefrorenen Proben ins Berliner Labor des Umweltbundesamtes (UBA). Anhand der Gehörknöchel kann das Alter der Untersuchungsfische bestimmt werden. Aus den Fischlebern wird das Fett mit den fettlöslichen Bromverbindungen in mehreren Arbeitsschritten extrahiert, von Störstoffen befreit und schließlich über eine gaschromatographische Säule geschickt.

Die bromierten Verbindungen werden als negative Ionen gemessen, ein Verfahren, das sich durch eine hohe Empfindlichkeit auszeichnet. „Wir haben uns auf Stoffe konzentriert, die typisch sind für das inzwischen in Europa verbotene technische PentaBDE“, erklärt Peter Lepom, Laborleiter beim UBA .

200 Fischlebern haben Lepom und seine Mitarbeiter durchgemessen und die Belastung der Fische von verschiedenen Fangorten verglichen: Je nach Herkunft des Fisches gibt es deutliche Unterschiede. In der deutschen Bucht liegen die Werte fünf bis sieben Mal niedriger als vor der englischen Küste.

„Die höchsten Werte, die wir vor England fanden, lagen bei 70 µg/kg Fett. Das zeigt, dass über englische Flüsse deutlich mehr Flammschutzmittel in die Nordsee eingetragen werden als über die deutschen Flüsse“, berichtet der Berliner Wissenschaftler.

Woher kommt der Unterschied? In England kommen mehr Flammschutzmittel zum Einsatz. „Die Engländer haben schon vor Jahren festgestellt, dass die häufigsten Todesfälle in privaten Haushalten durch Brände verursacht werden“, weiß der Brandschutzexperte Jürgen Troitzsch. Das habe 1989 zu neuen, strengeren Brandschutzvorschriften geführt. „Möbel und Betten müssen brennenden Zigaretten und Streichhölzern widerstehen. In den meisten anderen europäischen Ländern gibt es das nicht.“

„Außerdem gibt es in England eine Fabrik, in der die Bromchemikalien hergestellt werden. Von dort kommt es möglicherweise zu Einträgen ins Gewässer“, vermutet Lepom. „Hohe Gehalte fanden wir auch in der Nähe von norwegischen und dänischen Gas- und Ölplattformen.“

Und in Zukunft? „Wir erwarten in Zukunft einen Rückgang der bromierten Stoffe in der Meeresumwelt. Passiert das nicht, muss man davon ausgehen, dass bestehende Anwendungsverbote unterlaufen werden. Wir empfehlen, die Belastung von Seefischen mit diesen Stoffen regelmäßig zu kontrollieren“, resümiert der UBA-Experte.

Auch das noch zugelassene technische Produkt DecaBDE wurde vereinzelt in Fischen in geringen Konzentrationen gefunden. „Unklar ist jedoch, inwieweit Fische diese Verbindung zu den toxischen niedrigbromierten Verbindungen abbauen können“, bemerkt Lepom. KATHLEEN SPILOK

Von Kathleen Spilok
Von Kathleen Spilok

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Stuttgarter Straßenbahnen AG-Firmenlogo
Stuttgarter Straßenbahnen AG Ingenieur Elektrotechnik (m/w/d) für Betriebsanlagen der Stromversorgung Stuttgart
A. Eberle GmbH & Co. KG-Firmenlogo
A. Eberle GmbH & Co. KG Technischer Support Spezialist (w/m/d) – Spannungsregelungs- / Kommunikations- / Fernwirktechnik für Energieversorger Nürnberg
ATP Planungs- und Beteiligungs AG-Firmenlogo
ATP Planungs- und Beteiligungs AG Projektleitung (m/w/d) HKLS Hamburg
Bayernwerk AG-Firmenlogo
Bayernwerk AG Leiter Arbeitssicherheit, Gesundheit und Umwelt (HSE) (w/m/d) Regensburg, München
ALFRED TALKE GmbH & Co. KG-Firmenlogo
ALFRED TALKE GmbH & Co. KG Elektroingenieur / Projektingenieur (m/w/d) Hürth
Fresenius Kabi Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Kabi Deutschland GmbH Ingenieur / Techniker technische Gebäudeausrüstung (m/w/d) Neufahrn bei Freising
Münchner Stadtentwässerung-Firmenlogo
Münchner Stadtentwässerung Betriebsingenieur*in für die Kanalinspektion und Zustandsbewertung (w/m/d) München
Hochschule RheinMain Wiesbaden Rüsselsheim-Firmenlogo
Hochschule RheinMain Wiesbaden Rüsselsheim Ingenieur:in der Fachrichtung Heizungs-, Klima-, Lüftungs- und Sanitärtechnik (m/w/d) Wiesbaden
EnerControl GmbH & Co. KG-Firmenlogo
EnerControl GmbH & Co. KG Energieingenieur (m/w/d) Isernhagen bei Hannover
Borsig Service GmbH-Firmenlogo
Borsig Service GmbH Projektleiter E- und Leittechnik (m/w/d) Berlin

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Umwelt

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.