Umwelt 16.03.2007, 19:27 Uhr

Feinstaub im Vorgarten  

Wo bleibt die Staubladung, wenn sie den Schornstein passiert hat? Fazit: Sie kommt nicht weit.

Allgegenwärtig scheint er zu sein – in der Stadtluft, in gemütlichen Kneipen, vor dem romantischen Kamin und vor allem in den Nachrichten: Feinstaub! Wie viel jede der Quellen zum Feinstaubproblem beiträgt, ist nicht so ganz klar, die Werte variieren stark.

Der Feldzug gegen den Staub wird mit vielen Zahlen geführt. 65 000 Tote jährlich in Deutschland sollen auf das Konto der winzigen Schwebstoffe gehen, von denen im Jahr alles in allem etwa 188 000 t in die Luft gepustet werden. Autos und LKW stoßen rund 22 000 t aus, dafür bekommen sie per Plakette einen Partikelmaulkorb. Landwirtschaft staubt auch und Industrieanlagen ebenso.

Auch Holzöfen stauben. 24 000 t der feinen Teilchen im Jahr peilt das Umweltbundesamt für Holzverbrennungen in Haushalten und Kleingewerbe über den Daumen. Das nagt am Image der gesamten Holzbranche.

Holzverarbeiter, Holzpelletprodu-zenten und Heizungshersteller wehren sich gegen eine Pauschalverurteilung des klimaneutralen Brennstoffs aus dem heimischen Wald. Bei all dem trainiert das Bundesumweltministerium unermüdlich den Spagat zwischen Klimaschutz – also der verstärkten Nutzung von Holz als Brennstoff – einerseits und Luftreinhaltung, sprich weniger Feinstaub, andererseits.

Balanceakt hin oder her: Niemand würde hergehen und messen, wie sich beim Öffnen der Kneipentür die dicke Luft nach draußen verteilt. Aber die Frage: „Wie verteilt sich der Staub, der aus dem Ofen kommt, über den Schornstein in der Umgebung?“, die stellt sich. Und die können die Bayern mit einem Projekt des Bayerischen Umweltministeriums, unterstützt durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), zumindest für den ländlichen Raum jetzt recht genau beantworten.

Feinstaubmessungen an Holzfeuerungen wurden bislang immer nur auf den Prüfständen technischer Untersuchungsämter gemacht, in definierten Leistungsbereichen, wo Profis den Brennstoff nachlegen.

Zum Feinstaubmessen im Heizalltag sind Mitarbeiter vom Zentrum für angewandte Energieforschung, ZAE, mit bayerischen Kaminkehrern in ganz normale Heizungskeller hinabgestiegen. „Wir haben Stichproben bei 15 Zentralheizungskesseln gemacht und uns auf automatisch betriebene Pelletkessel und Scheitholzfeuerungen konzentriert“, so der Projektleiter Robert Kunde vom ZAE.

Ganz offensichtlich gibt es Abstufungen im Emissionsverhalten der Holzfeuerungen. Die realen Werte der Pelletanlagen liegen dicht bei den Prüfstandsergebnissen von 20 mg/m³. „Damit haben die 70 000 Pelletkessel in Deutschland, die automatisch mit Pellets gespeist werden, eher einen kleinen Anteil“, schätzt Robert Kunde.

Wie viel ein handbeschickter Ofen emittiert, hängt sehr vom Betreiber ab. Die Staubkonzentrationen bei den Scheitholzkesseln lagen zwischen 20 mg/m³ und 60 mg/m³.

Die Staubwerte haben die Experten in ein Computermodell eingespeist, Wetterdaten draufgelegt und heraus kam eine Karte mit blauen, roten und gelben Bereichen.

„Uns ist aufgefallen, dass der Staub nah bei den Feuerungen herunterkommt“, erklärt Kunde die Ergebnisse der Ausbreitungsrechnungen. Die Abgasfahnen werden über den Dachfirst runtergezogen und der Staub landet im eigenen und in Nachbars Garten.

Der Anteil, der großräumig freigesetzt wird, ist gering. Ohnehin ist die Abgasfahnenüberhöhung einen Blick wert bei der Frage, wie sich der Feinstaub in der Gegend verteilt. Die Ofenabluft kommt über ein Gebläse in den Kamin. Das heiße Abgas steigt per Wärmeauftrieb nach oben und je höher es aus dem Schornstein aufsteigt, desto weiter verteilt sich der Feinstaub.

Viele haben als Regenschutz ein Dächlein über dem Kamin. Das drückt die Abgase runter und man findet die höchsten Feinstaubkonzentrationen unmittelbar ums Gebäude herum. „Eigentlich müssten die Dächlein weg“, denkt ZAE-Experte Kunde laut.

Der Holzheizungsboom ist zurzeit zwar etwas ins Stocken geraten, aber langfristig sehen Insider den Trend zum Holz weitergehen. Was das für Wohngebiete bedeutet, interpretiert Gerhard Schmöckel vom Bayerischen Landesamt für Umwelt so: „Wenn in einer Siedlung zu 10 % mit Holz geheizt wird, sind die nachweisbaren Feinstäube kaum relevant.“ Mit einer Einschränkung: „Das gilt für locker bebaute ländliche Gebiete, die topfeben sind.“

Immissionsfachleute der Uni Stuttgart speisen im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) Daten in Computersimulationen. „Werden 10 % bis 20 % der Öl- oder Gaskessel durch Holz ersetzt, bekommen wir in Innenstädten 3 mg bis 4 mm Feinstaub im Jahr mehr. Das ist immerhin knapp ein Zehntel des EU-Staubgrenzwertes“, rechnet Hans-Joachim Hummel vom UBA vor. In kalten Regionen mit wenig Wind ist die Situation noch schlechter.

Die Berechnungen sind goldrichtig für Kommunen, die zur Senkung der Partikelimmissionen Maßnahmen ergreifen wollen, die über bunte Autoplaketten hinausgehen. In Berlin steht eine nagelneue Festbrennstoffverordnung in den Startlöchern, die in der Innenstadt nur noch Holzöfen erlauben will, die nicht mehr als 10 µg/m3 Abluft an Feinstaub ausstoßen.

In Stuttgart liegt eine neue Satzung mit Vorgaben zur Qualität neu installierter Heizungen für den Luftreinhalteplan in der Schublade. Hier will man abwarten, ob eine Extraregelung überhaupt gebraucht wird, wenn Ende des Jahres eventuell die Novelle zu Kleinfeuerungsanlagen, die 1.BImSchV, mit anspruchsvollen Staubgrenzwerten für Heizanlagen in Kraft tritt.

KATHLEEN SPILOK

Der Abschlussbericht wird in Kürze auf der Internetseite des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz und des ZAE Bayern zum Download zur Verfügung stehen.

Feinstaub nagt am Image der Holzbranche

 

  • Kathleen Spilok

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