Umwelt 21.08.2009, 18:28 Uhr

Elektroschrott: Vom Hafenkai direkt nach Afrika  

Der Hamburger Hafen wird gerne als Tor zur Welt angepriesen. Doch er hat auch einen dunklen Hinterausgang. Durch diesen verlässt, oft verborgen in abgewrackten Autos, Elektroschrott das Land in Richtung Asien und Afrika. VDI nachrichten, Hamburg, 21. 8. 09, rb

Eine Hamburger Kaianlage im Schatten der mächtigen Köhlbrandbrücke. Möwen stoßen kreischend ins Wasser des Hafenbeckens. Auf dem Kai stehen lange Reihen alter Autos. Papierschilder kleben auf den schmutzigen Scheiben. Mit Edding draufgekritzelt der Zielhafen: Cotonou/Benin. Altautos werden schon seit Jahren über den Hamburger Hafen nach Afrika exportiert. Zum Problem gerät aber zunehmend ihr Inhalt. Viele sind bis unter das Dach vollgepackt mit alten Fernsehern, PCs und Kühlschränken.

Der Hamburger Hafen ist neben Antwerpen und Rotterdam wichtigster europäischer Umschlagplatz für alte Elektrogeräte. Als Füllung von Gebrauchtwagen, vor allem aber in Containern, treten sie die weite Reise nach Westafrika, Indonesien oder Indien an.

Dort tauchen die Geräte dann wieder auf wilden Müllkippen auf und in sogenannten informellen Recyclingbetrieben. An diesen Orten türmen sich meterhoch zertrümmerte Bildschirme und ausgeweidete PCs. Dichter, schwarzer Rauch beißt in Nase und Augen. Ungeschützte Arbeitskräfte – unter ihnen viele Kinder – zerschlagen Gehäuse mit dem Hammer, befreien Kupferkabel über dem offenen Feuer von ihrer Ummantelung oder schmelzen wertvolle Metalle von Platinen. „Dabei werden unter anderem giftige Flammschutzmittel und Schwermetalle frei, eine hohe Gesundheitsgefährdung sowie Belastung für Luft und Boden“, sagt Maria Elander von der Deutsche Umwelthilfe (DUH). Die Organisation geht davon aus, dass gefährlicher Schrott aus Deutschland in großem Stil falsch deklariert und in arme Länder entsorgt wird.

Als die DUH gemeinsam mit lokalen Behörden verdächtige Container im Hamburger Hafen öffnete, fielen defekte Bildschirme und andere ausgediente Elektro-Altgeräte heraus, bei denen häufig die Kabel fehlten. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich also nicht um Handelsware. Die grenzüberschreitende Verbringung gefährlicher Abfälle und ihre Entsorgung aber ist verboten. In Deutschland sind die Hersteller von Elektrogeräten zudem verpflichtet, für die umweltgerechte Entsorgung von Altgeräten aufzukommen.

Wie die aussieht, kann man bei der Hamburger Firma TCMG besichtigen. In der Halle von der Größe zweier Fußballfelder liegen Berge von Elektroschrott. Gabelstapler fahren randvolle Gitterboxen hin und her. Die Maschinen von TCMG trennen und zermalmen 30 000 t Elektroschrott pro Jahr zu Kunststoff- oder Metallgranulat. „Das ist kein Abfall mehr, sondern ein Produkt.“ Ingo Nussek greift in einen Behälter mit Aluminiumkügelchen und lässt diese klackernd wieder zurückrieseln. „Die fahren direkt in den Schmelzofen“, berichtet der kaufmännische Leiter von TCMG.

Jeweils 26 Mitarbeiter arbeiten in dem jungen Unternehmen in drei Schichten rund um die Uhr. In den modernen Maschinenpark haben die beiden Geschäftsführer mehrere Mio. € investiert. Umso mehr ärgert es Ingo Nussek, wenn skrupellose Geschäftemacher Elektroschrott illegal in die sogenannten Dritte Welt transportieren. Doch wie kann das passieren?

Die Verbraucher liefern ihre Altgeräte kostenfrei an Sammelstellen ab, wo sie in Containern nach Sammelgruppen sortiert werden. Ein Entsorger holt diese Container im Auftrag der Hersteller ab. Ab diesem Moment sind die Hersteller aus der Verantwortung. Doch der Entsorger gibt die Fracht oft an andere Firmen weiter. Erst bei dem Erstbehandler, der noch funktionsfähige Geräte aussortiert und dem Markt zuführt, wird die Fracht dokumentiert.

Versicherungen, Agenturen oder Behörden, die große Mengen Computer und Bildschirme entsorgen, müssen prinzipiell für eine ordnungsgemäße Entsorgung bezahlen. Sie beauftragen dafür meist Remarketingfirmen. Diese geben die Geräte in den Gebrauchthandel, einen Recyclingbetrieb oder in den Export. „Die Versuchung dunkle Kanäle zu nutzen, ist besonders groß bei Materialien, die nicht wirtschaftlich zu vermarkten sind“, weiß Ingo Nussek. Hinter ihm fahren schmuddelige Tastaturen, Staubsauger und zersplitterte Gehäuse auf einem Transportband in die Vorsortierung. Männer und Frauen mit Mundschutz sortieren Kupferspulen oder Kabelenden aus. Jedes Stück hat seinen eigenen Wert, verursacht unterschiedliche Kosten.

Die vorgeschriebene Entsorgung eines Röhrenbildschirms z. B. kostet 3 € bis 5 €. Erst nach einer arbeitsintensiven Demontage lässt sich das Glas wieder verwerten, die umweltgerechte Entsorgung der bleihaltigen Röhren ist teuer. Wie hoch der Anteil an Bildschirmen in einem Sammelcontainer ist, weiß der Entsorger in der Regel nicht. Viele Röhrenbildschirme in einer Ladung können ihm sein Geschäft verderben. Außer er lädt sie nicht bei TCMG ab – sondern z. B. bei einem Händler aus der Hamburger Billstraße, dem Hauptumschlagsplatz für Elektroaltgeräte in Hamburg.

Die Frage nach der Funktionstüchtigkeit macht die Kontrolle schwierig

In den heruntergekommenen Gewerbebauten in Hafennähe reihen sich Im- und Exportgeschäfte aneinander. Über das Kopfsteinpflaster rumpeln Kleintransporter aus Osteuropa. Der Rauch von Kebabgrills steigt in die Luft. Afrikanische Einkäufer begutachten alte Tiefkühltruhen, Stereoanlagen, Baumaschinen, Computer oder Monitore.

Auf Hinterhöfen werden alte Autos und Container mit bunt gemischten Ladungen bepackt. Viele der Geräte sehen nicht unbedingt gebrauchsfähig aus. Auf die Frage, ob sie funktionieren, zieht einer der Händler die Schultern hoch: „Manche ja, manche nein.“

Die Frage nach der Funktionstüchtigkeit macht Wolfgang Drücker das Leben schwer. Der Abfallexperte der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) kontrolliert Schiffsladungen, die vom Zoll oder der Wasserschutzpolizei als verdächtig gemeldet wurden.

Zehn Mio. Container werden pro Jahr im Hamburger Hafen umgeschlagen. Übereinander gestapelt stehen sie in langen Reihen auf großflächigen Kaianlagen. Spezialfahrzeuge und Containerbrücken bewegen sie Tag und Nacht mit rasantem Tempo auf die Schiffe.

Die Ladung der Container lässt sich nur mit Stichproben kontrollieren, die Zoll und Polizei anhand von Frachtpapieren und Zollerklärungen vornehmen. „Schwierig ist vor allem, rechtsverbindlich in noch funktionstüchtige oder reparaturfähige Ware einerseits und in Abfall andererseits zu unterscheiden“, erklärt Drücker.

Eigentlich kann man mit den Leitlinien des Basler Übereinkommens über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihre Entsorgung eindeutig in Handelsware und Abfall unterschieden. „Fehlt etwa das Stromkabel am Gerät oder ist die Ladung nicht sachgemäß verpackt, handelt es sich eindeutig um Abfall“, sagt Knut Sander von dem Hamburger Institut Ökopol. „Nur sind die Leitlinien in Deutschland nicht rechtskräftig.“

Der Wissenschaftler schließt gerade eine Studie über den Export von Elektroschrott für das Umweltbundesamt ab. Die scheint dringend nötig. „Nach Nigeria werden z. B. viel zu große Mengen Bildschirme verschifft, als dass diese in dem Land wirklich zum Einsatz kommen könnten.“

Doch mit einer Verschärfung und Intensivierung von Kontrollen alleine wird man die Ausfuhr von Elektroschrott nicht in den Griff bekommen. „Behörden oder Unternehmen müssten mehr Verantwortung übernehmen und auf das fachgerechte Recycling ihrer ausrangierten Computer und Bildschirme bestehen“, findet Knut Sander.

Man kann das Problem aber auch weiter zurückführen. Warum lassen sich Computer nicht einfacher aufrüsten und somit länger nutzen? Und warum achten die Hersteller beim Design ihrer Produkte nicht stärker auf deren Recyclingfähigkeit? Eines steht fest: Der dunkle Hinterausgang des Hamburger Hafens ist nur ein Teil des Problems. K. SIEG

Von K. Sieg

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