Umwelt 16.06.2000, 17:25 Uhr

Elektronik-Schrott soll künftig nicht mehr nutzlos auf die Deponie

Für Rasierapparat, Toaster oder PC soll nach dem Willen der EU-Kommission künftig ein EU-weites Recyclingsystem aufgebaut werden.

Die Computer- und Elektroindustrie wird innerhalb von fünf Jahren nach Annahme der „Elektroschrott-Richtlinie“ zur kostenlosen Rücknahme und umweltfreundlichen Entsorgung von Altgeräten aus Haushalt und Büro verpflichtet. Dies beschloss die EU-Kommission am vergangenen Dienstag in Straßburg.
Der private Verbraucher soll für die Entsorgungsauflagen nicht zur Kasse gebeten werden. Doch hat die Industrie bereits entsorgungsbedingte Preiserhöhungen für Elektro- und Elektronik-Geräte von 1 % bis 3 % angekündigt. „Unser Hauptziel ist es, von den fast 90 % Elektroschrott, der heutzutage ohne Vorsortierung auf Deponien landet, möglichst viel zu vermeiden“, umriss die für Umwelt zuständige EU-Kommissarin Margot Wallström die Marschrichtung der Brüsseler Behörde. Durch ein „neues Industrie-Design“ solle bereits bei der Entwicklung von Haushalts- und Büromaschinen Augenmerk auf die spätere Recyclierbarkeit gelegt werden. Besonders im Blick hat die Kommissarin dabei Problemstoffe wie Blei, Cadmium, sechswertiges Chrom und Fluorchlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) sowie die bei der Verbrennung von PVC und PCB entstehenden Dioxine und Furane.
„Die Rücknahme von Alt- und Fremdgeräten stellt ein gravierendes Problem dar und ist verfassungsrechtlich bedenklich,“ führt Gotthard Graß gegen den Brüsseler Vorstoß ins Feld. Zwar sei die nunmehr von zwei auf fünf Jahre ausgedehnte Übergangsregelung „durchaus akzeptabel,“ so der Sprecher des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), Frankfurt/Main, doch führe die Rücknahmeverpflichtung auch für Fremdgeräte aus Übersee oder Fernost zu einer Wettbewerbsverschärfung auf dem ohnehin heiß umkämpften Elektronikmarkt. Die von der EU-Kommission festgeschriebenen Recyclingziele von 70 % bis 90 % je nach Gerätekategorie stößt bei dem Branchenverband auf große Skepsis. Derart hohe Quoten seien „flächendeckend kaum realisierbar. Eigene Sammelsysteme will die Branche laut den ZVEI-Angaben nicht aufbauen. Vielmehr obliege es nach dem Kommissions-Entwurf allein den Kommunen, auf eigene Kosten in den rund 40 Mio. deutschen Haushalten ausgediente Büro- und Haushaltsgeräte einzusammeln. Dies bedeutet nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Berlin, für die Elektrohersteller eine Verringerung der Rücknahmekosten „um etwa die Hälfte“.
Die Elektronikbranche nehme ihre Umweltverantwortung ernst und wolle „pragmatische kooperative Lösungen“ erreichen, betonte Graß gegenüber den VDI nachrichten. So werde heute bereits beim Industriedesign auf den Verzicht von kritischen Inhaltsstoffen, erhöhtem Flammschutz und einem fortschrittlichem modularen Aufbau hingearbeitet. Das Projekt des „grünen Fernsehers“ aus dem Jahre 1995 stehe vor der Markteinführung.
Nach jahrelangem Tauziehen um die umstrittene Elektroschrott-Richtlinie lenkte die EU-Kommission in verschiedenen Punkten ein. Das Verbot von Schwermetallen und Halogenverbindungen im Abfall wurde von 2004 auf das Jahr 2008 gestreckt. Und die Hersteller können die Rücknahmekosten beim Verkauf von Neugeräten beim Kaufpreis getrennt ausweisen. Damit setzte sich in Brüssel ein ZVEI-Vorschlag auf europäischer Ebene durch, der jedoch mit deutschem Wettbewerbs- und Preisauszeichnungsrecht noch nicht kompatibel ist.
Eine Elektronikschrott-Regelung scheint europaweit überfällig. Häufen sich doch Berge von Computern, Monitoren und Druckern durch zunehmend kürzer werdende Produktzyklen. 1998 türmte sich der EU-Elektronikschrott nach den Kommissions-Berechnungen auf 6 Mio. t – Tendenz steigend. Welches Wiederverwertungspotential sich eröffnet, führen die Niederlande – einem von sechs EU-Staaten mit gesetzlichen Regelungen zum E-Schrott – vor: 600 000 t recycelter Kunststoff wurden im Jahre 1995 von Autofahrern unter die Räder genommen – als Bodenbelag auf den Straßen. Thomas A. Friedrich/Si
Durch Recycling will die EU-Kommission künftig möglichst viel Elektroschrott von den Deponien fern halten.

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