Umwelt 29.10.1999, 17:23 Uhr

„Die Ozonschicht kommt nur langsam zurück“

Seit Montag verhandeln rund 160 Nationen in Bonn über Maßnahmen zum Klimaschutz. Der Treibhauseffekt bringt nicht nur das Weltklima aus der Balance, er bremst auch die Regeneration der Ozonschicht. In Nordeuropa droht daher ein verstärkter Ozonschwund, warnt Prof. Reinhard Zellner, Koordinator der deutschen Ozonforschung.

VDI nachrichten: Das Ozonloch über dem Südpol wurde 1985 entdeckt. Wie groß ist es in diesem Jahr?
Zellner: Seit seiner Entdeckung wurde das Ozonloch mit jedem Jahr größer. In diesem Herbst hat es eine Größe von 25 Mio. Quadratkilometer, ist also etwa so groß wie die USA. Viel größer kann es nicht mehr werden, weil es bereits die gesamte Fläche des südpolaren Wirbels einnimmt.
VDI nachrichten: Es kann also nicht mehr schlimmer werden?
Zellner: Das Maximum in der Ausdehnung ist erreicht. Sorgen bereitet mir, dass der Ozonabbau immer früher beginnt und sich das Loch immer später schließt. Im vergangenen Winter war das Ozon in der Stratosphäre über der Antarktis in einer Höhe von 20 km stellenweise bereits Ende September völlig verschwunden.
VDI nachrichten: Das Bundesforschungsministerium hat 1989 das Deutsche Ozonforschungsprogramm ins Leben gerufen. Zu welchen Erkenntnissen kamen die beteiligten Wissenschaftler in den vergangenen zehn Jahren?
Zellner: Mit dem Programm, an dem übrigens 130 Forschergruppen beteiligt waren, sollte im Wesentlichen der Ozonabbau über der Nordhalbkugel untersucht werden. Dabei haben wir Folgendes festgestellt: Die Chemie ist in der nördlichen Stratosphäre so aktiv wie im Süden, die Prozesse, die zum Ozonabbau führen, sind also im Prinzip die gleichen.
VDI nachrichten: Trifft der Ozonschwund alle nördlichen Länder in gleichem Ausmaß?
Zellner: Nein. Kanada beispielsweise wird vom Ozonabbau lediglich gestreift. Der Ozonverlust über der nördlichen Hemisphäre hat die stärksten Auswirkungen auf Nordeuropa. Wir haben hier, wenn Sie so wollen, also die schlechtesten Karten.
VDI nachrichten: Was bedeutet der Ozonschwund für die gefährliche UV-Strahlung?
Zellner: In erster Näherung steigt die Strahlung um den Prozentsatz, um den das Ozon verloren geht, also im Maximum um bis zu 30 %. Wir schätzen heute, dass die UV-B-Strahlung durchschnittlich um rund 5 % pro Dekade zunimmt. Da der Ozonabbau im Norden im Januar und Februar am stärksten ist, steigt die UV-B-Strahlung im Winter stärker als im Sommer. Es trifft also besonders Skiurlauber und Schneewanderer.
VDI nachrichten: Ist der Zusammenhang zwischen stärkerer UV-B-Einstrahlung und steigender Hautkrebsrate wissenschaftlich bewiesen?
Zellner: So einfach ist das nicht zu sagen. Dass die Hautkrebsfälle zunehmen, hat sicher damit zu tun, dass heute viel mehr medizinische Untersuchungen stattfinden, und auch damit, dass die Menschen im Urlaub sich oft ungeschützt und zu lange der Sonne aussetzen, obwohl unsere Haut dafür nicht gemacht ist. Ich glaube nicht, dass der zunehmende Hautkrebs so viel mit dem Ozonabbau zu tun hat. Man weiß beispielsweise auch, dass stärkere UV-B-Strahlung Saatgut schädigt, damit zusammenhängende Ernteverluste konnte man bisher allerdings nicht nachweisen.
VDI nachrichten: Seit 1989 werden FCKW von den westlichen Industrienationen in ihrer Anwendung eingeschränkt und verboten. Zeigt das Verbot Wirkung?
Zellner: Eigentlich müsste seit Jahren der Gesamtchlorgehalt in der Stratosphäre messbar zurückgehen. Tatsache aber ist, dass der Chloreintrag durch das wichtigste FCKW, das Kältemittel R 12, pro Jahr um 1,1 % ansteigt. Beim besonders aggressiven Brom messen wir sogar einen jährlichen Anstieg von 3 %.
VDI nachrichten: Warum?
Zellner: Die Erklärung dafür ist einfach: Große Mengen an FCKW stecken immer noch beispielsweise in Kühl- und Kälteanlagen und entweichen eben langsam über Jahre und Jahrzehnte. Man muss sich vor Augen führen, dass seit 1950 weltweit 20 Mio. t FCKW produziert und emittiert wurden. Da die Stoffe chemisch sehr stabil sind, wird die ganze Menge früher oder später in der Stratosphäre ankommen. Außerdem gehen wir davon aus, dass weltweit jährlich ungefähr 20 000 t Frischware produziert und über die Grenzen geschmuggelt wird, um bestehende Anlagen aufzufüllen. Außerdem dürfen Schwellenländer wie China und Indien FCKW bis 2005 noch einsetzen. All das gibt keinen Anlass zum Optimismus, die Ozonschicht kommt nur langsam zurück. Modellrechnungen zeigen, dass sich der Chlorgehalt in der Stratosphäre zwar in den kommenden Jahren stabilisieren wird, die Erholung der Ozonschicht aber noch viele Jahrzehnte dauert.
VDI nachrichten: Wie hängen Ozonloch und Treibhauseffekt zusammen?
Zellner: Man ging lange Zeit davon aus, dass die Erwärmung der unteren Atmosphäre mit dem Ozonabbau in der Stratosphäre nur wenig zusammenhängt. Mittlerweile wissen wir mehr: Stark vereinfacht gesagt, führt eine Erwärmung der Luftschichten der Troposphäre zu einer Abkühlung der unteren Stratosphäre. Bekannt ist heute auch, dass Troposphäre und Stratosphäre nicht voneinander isoliert sind, sondern die unterschiedlichen Luftmassen über Schlupflöcher ausgetauscht werden. Das ist bedeutsam, weil durch eine kältere Stratosphäre sich leichter bestimmte polare Wolken bilden können, die beim Ozonabbau eine zentrale Rolle spielen. Durch den Treibhauseffekt erhöhen wir also das Risiko eines Ozonlochs in der Nordhemisphäre.
VDI nachrichten: Seit Montag beraten Politiker und Wissenschaftler aus über 160 Nationen auf dem Klimagipfel in Bonn über Klimapolitik. Welche Empfehlungen würden Sie denen an die Hand geben?
Zellner: Wir müssen bei Politikern das Bewusstsein dafür schärfen, dass Treibhauseffekt und Ozonloch zusammenhängen. Steigt die globale Durchschnittstemperatur weiter an, besteht das Risiko, dass sich das Ozonloch trotz langfristig sinkendem Chloreintrag nicht erholt, sondern der Ozonabbau weitergeht und sich vor allem über Nordeuropa verstärkt.
VDI nachrichten: Welche Fragen brennen den Wissenschaftlern auf den Nägeln.?
Zellner: Es gibt sehr viele offene Fragen, ich halte drei für besonders wichtig: Wie funktioniert der Spurenstoffaustausch zwischen Troposphäre und Stratosphäre? Wir müssen auch die heterogene Chemie besser verstehen lernen, denn sowohl für das Ozonloch als auch für das Klima sind chemische Prozesse an festen und flüssigen Aerosolteilchen der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Außerdem glaube ich, dass die Auswirkungen eines stark steigenden Flugverkehrs noch längst nicht ausreichend untersucht sind. Vor allem vor dem Hintergrund, dass der Trend zu besonders großen, hoch fliegenden Maschinen ungebrochen ist. Ich denke, wir werden einige der Fragen im Rahmen des neuen „Atmosphärenforschungsprogramm 2000“ des Bundesforschungsministeriums klären können.
Mit Reinhard Zellner sprach Christa Friedl
„Wir müssen bei Politikern das Bewusstsein dafür schärfen, dass Treibhauseffekt und Ozonloch zusammenhängen“, mahnt Reinhard Zellner. Dadurch droht stärkerer Ozonschwund auch über Nordeuropa.

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