Umwelt 09.09.2005, 18:40 Uhr

Die Naturkatastrophe war vorausberechnet – nicht aber das Missmanagement  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 9. 9. 05 – Schon in den 90er Jahren zeigten Computersimulationen, wie bedrohlich die Situation an New Orleans Deichen ist. Die damaligen Berechnungen decken sich fast exakt mit den gegenwärtigen Auswirkungen von Hurrikan Katrina – allerdings ohne die katastrophalen Folgeschäden eines inkompetenten Krisenmanagements mit einzukalkulieren.

Die Deiche sind größtenteils geschlossen, die Pumpen laufen auf Hochtouren und mithilfe der Sonne wird New Orleans in einigen Wochen wieder trocken sein. „Wenn das ganze Wasser aus der Stadt ist, wird man 10 000 Tote finden“, – das ist keine aktuelle Einschätzung der Situation, sondern entstammt einem Artikel von Mark Fischetti aus der Oktober-2001-Ausgabe von Scientific American. Im Beitrag „Der Untergang von New Orleans“ beschreibt er, wie gefährdet die Stadt bei einem starken Hurrikan ist. Schon Ende der 90er Jahre haben die University of Louisina und die University of New Orleans mit Computersimulationen die Schwachstellen herausgefunden: Zwei bis drei Deichbrüche am Pontchartrain See können 80 % der Stadt bis zu 4 m unter Wasser setzen und 10 000 Tote kosten. Ein einziger Deichbruch am Mississippi überflutet mehr als die ganze Stadt bis zu 7 m. Dann ist eine Evakuierung unmöglich und es sind 100 000 bis 200 000 Todesopfer zu erwarten. „Die Verwüstung von New Orleans ist keine Frage des ¿ob¿, sondern nur eine des ¿wann¿“, schrieb Fischetti damals.

Nachdem diese Daten bekannt waren, schaffte es der Küstenschutzbeauftragte von Louisina, Len Bahr, 1998 alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Er hatte sich zuvor in den Niederlanden und anderen flutgefährdeten Regionen informiert und den Plan „Coast 2050“ ausgearbeitet. Bis 2050 wollte er damit die gesamte Golf-Küste auf das bestmögliche Sicherheitsniveau angehoben haben. Doch unterschiedliche Interessen bei der Ölindustrie, der Hafenverwaltung, der Fischindustrie und der staatlichen Baubehörde ACE führten dazu, dass diese Pläne niemals realisiert wurden. Rund 14 Mrd. $, verteilt auf 60 Jahre, hätte das alles gekostet also nur 3,5 Mrd. $ mehr als die jetzt vom US-Kongress gebilligte Soforthilfe von 10,5 Mrd. $ für die Flutopfer.

Die ACE ist für die Deiche in New Orleans verantwortlich und dort wusste man schon seit Jahrzehnten, dass die Dämme bestenfalls einem Hurrikan der Kategorie 2 bis 3 standhalten – Katrina war bis kurz vor dem Landfall auf Kategorie 5 eingestuft. Bei der letzten Inspektion der Deiche durch die ACE in den 70er Jahren zeigten diese überdies bereits gefährliche Absenkungen und überalterte Sperrtore.

Trotzdem wurde nichts unternommen. Während normalerweise die Anwohner in Küstenländern hoch sensibel sind, wenn es um ihre Deiche geht, hat es dieses Abhängigkeitsgefühl in New Orleans nie gegeben. Statt die Wirtschaftszuschüsse aus Washington für bessere Deiche und Sperrwerke zu verwenden, baute man für 500 Mio. $ eines der größten Kongresszentren der Welt und für weitere 165 Mio. $ ein überdachtes Football-Stadion, den Superdome. Ironischerweise wurde dessen Bau schon 1975 unter anderem damit begründet, dass man ihn als Auffangeinrichtung bei einer Überflutung nutzen kann. Dass dieser Superdome aber nur für 24 Stunden Schutz bieten kann, steht schon in den Konstruktionsunterlagen. Wobei diese von funktionierenden Klimaanlagen und Toiletten ausgingen – beides fiel nach Katrina bereits in der ersten Nacht aus.

In der aktuellen Situation kam zu diesen Versäumnissen der Vergangenheit ein nahezu unvorstellbares Missmanagement. Es begann am Vortag des Hurrikan-Eintreffens. Die „Zwangsevakuierung“ bestand lediglich aus einem medienwirksamen Auftritt des Bürgermeisters C. Ray Nagin. Es gab keine Lautsprecherdurchsagen in den Straßen der tiefer gelegenen Gebiete, keine Polizeikontrollen der bedrohten Häuser. Stattdessen wurde das Krisenkommando in die 130 km entfernte Staatshauptstadt Baton Rouge verlegt. Dort hatte man Strom und Klimaanlage – aber keine Telefonverbindung nach New Orleans. Man war auf die Informationen im Fernsehen angewiesen.

Trotzdem verkündete Nagin ein paar Tage später stolz, dass 80 % der Einwohner evakuiert wurden. Die restlichen 20 % – immerhin noch rund 200 000 Menschen – waren in den Fluten eingeschlossen. Unter ihnen sind jetzt die meisten Opfer zu beklagen. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen. 40 % der Bevölkerung in dieser Region leben an oder unterhalb der Armutsgrenze und 80 % davon sind schwarz, was eine Reihe von Rassenvorurteilen auf den Plan rief. Zu einem AP-Foto mit einem Schwarzen mit einem Paket Cola unter dem Arm, hieß es: „Er plünderte gerade ein Lebensmittelgeschäft“ bei einem Getty-Image-Foto mit einem weißen Paar, die Lebensmittel unter dem Arm hatten, stand dagegen: „Sie hatten Glück bei der Suche nach Lebensmitteln!“

Inzwischen haben sich die Emotionen gelegt und und nun gehen die Anschuldigungen hin und her. Die Demokratin und Gouverneurin von Louisina, Kathleen Blanco, und der ebenfalls den Demokraten angehörige Bürgermeister Nagin geben dem republikanischen Präsidenten George W. Bush und seinen Bundesbehörden die Schuld. Diese wiederum verweisen auf organisatorische Blockaden: „Wir hatten keine Autorität über die lokalen Polizeieinheiten und über Louisianas Nationalgarde“, sagte später Michael Chertoff, Chef des Heimatschutzministeriums. „Es ist nicht Katrina, die für alle Toten hier verantwortlich ist, es ist die Bürokratie, die hier zum bestialischen Mörder wurde“, klagte Aaron Broussard, Chef eines besonders schwer getroffenen Bezirks am Stadtrand von New Orleans unter Tränen.

Auch die Medien im Süden schießen sich auf den Präsidenten ein. In einem offenen Brief forderten die Redakteure der Regionalzeitung „Times Pecayun“ inzwischen Präsident Bush auf, alle Manager der Katastrophenschutzbehörde FEMA unverzüglich zu entlassen. „FEMA-Direktor Michael Brown hat versagt und gelogen“, heißt es darin. Brown hatte immer wieder die Überflutung als Grund dafür angegeben, dass man nicht helfen könne. „Es scheint, dass die Reporter überall hinkamen, nicht aber die Helfer“, wurde ihm in einer Diskussion vorgeworfen.

Das Schicksal der gesamten Stadt hängt nun an einem seidenen Faden. Die vielen Armen, die inzwischen bis nach Utah evakuiert sind, haben ihr bisschen Besitz bei sich. „Wenn die dort Arbeit finden, werden sie niemals hierher zurückkehren“, sagte Paul Matthew, Priester in New Orleans. Und die Wohlhabenden treiben bereits den Immobilienmarkt in Baton Rouge nach oben. „Es ist nur noch eine Frage von Wochen, bis hier neue Wohngebiete aus dem Boden schießen werden“, freut sich bereits die Maklerin Carol Fields. HARALD WEISS

Von Harald Weiss
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