Ernährung 11.01.2008, 19:32 Uhr

Die Mär vom rülpsarmen Viehfutter  

Weinbauern, deren Weinreben nicht mehr wachsen werden; Maisproduzenten, die gezwungen sein werden, auf dürrerobustes Getreide umzustellen. Aber die Bauern sind keineswegs nur Opfer, sondern auch Täter. Ihre Betriebe verursachen weltweit bis zu einem Drittel der Treibhausgase.

Das Institut für Agrarökologie an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig berechnet alljährlich die Emissionen der Gehöfte in Deutschland. 64 Mio. t Treibhausgase werden aus Ställen, von Äckern und Wiesen freigesetzt. Im internationalen Vergleich schneidet die hiesige Landwirtschaft mit Platz vier nach Frankreich vergleichsweise schlecht ab. Und das, obwohl der Sektor für die Gesamtwirtschaft nur eine geringe Bedeutung hat.

Bezogen auf die gesamten deutschen Emissionen verursacht die Landwirtschaft zwar weitaus weniger Emissionen als die Energieerzeuger, aber schlägt immerhin noch mit einem Anteil von gut 10 % in den Inventaren zu Buche.

Die Treibhausgase entweichen vor allem in Form von Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Kohlendioxid (CO2) spielt kaum eine Rolle. „Für die Klimaberichte wird aber nur der landwirtschaftliche Produktionsprozess betrachtet. Dass Erntemaschinen und Traktoren auch Energie verbrauchen und Kohlenstoffdioxid freisetzen, wird nicht dazu gerechnet“, erläutert Ulrich Dämmgen, Leiter des Instituts für Agrarökologie an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft. Würde man strengere Berechnungsgrundlagen heranziehen, würden die Bauern noch schlechter wegkommen.

Etwa die Hälfte der Treibhausgase rührt von der mechanischen Bearbeitung der Äcker. „Wenn Hochmoore trockengelegt und bewirtschaftet werden und der Wasserspiegel abgesenkt wird, dann gehen im Laufe der Zeit erhebliche Mengen organischer Substanz verloren. Auch das Pflügen mineralischer Böden setzt Kohlenstoffdioxid frei“, hebt Dämmgen hervor. Bakterien veratmen das organische Material zu dem Treibhausgas.

Karl Stahr vom Institut für Bodenkunde und Standortlehre der Universität Hohenheim ermittelte, dass die deutschen Landwirte mehr als 1 Mio. t CO2/Jahr einsparen könnten, wenn sie auf das Pflügen verzichten würden. Der Pflug ließe sich problemlos durch Direktsämaschinen ersetzen, die die Samen ohne Ackerfurchen in die Pflanzenreste aus dem Vorjahr einsäen, erklärte der Experte.

Eine weitere Klimafalle ist das Düngen der Felder. Negativ schlagen deshalb vor allem düngemittelintensive Kulturen wie Mais zu Buche.

Die deutschen Bauern bringen mancherorts doppelt so viele stickstoffhaltige Dünger aus, wie notwendig wäre, moniert Dämmgen. Die Stickstoffüberschüsse im Boden werden von Bakterien teilweise zu Lachgas abgebaut, einem potenten Treibhausgas.

„Der verringerte Düngemitteleinsatz ist ein wichtiger Hebel für den Klimaschutz in der Landwirtschaft“, weiß Barbara Köllner vom Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen in Essen. Sie weist darauf hin, dass den Landwirten allerdings schon heute bekannt sei, wie viel Dünger ihre Felder benötigen.

Dennoch bestellen viele ihren Acker offenbar nach dem Motto „Viel hilft viel“. Es ist noch Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Vermutlich käme man früher oder später an einer Rationierung der Düngermengen nicht vorbei, meint Dämmgen.

Der Biolandbau ist in dieser Hinsicht Vorreiter beim Klimaschutz. Hier werden keine Mineraldünger ausgebracht. Dadurch entsteht weniger Lachgas. Zudem sind die Böden in der Regel humusreicher, binden also mehr Kohlendioxid. „Da gibt es Methoden, die sehr gut sind. Aber man sollte sicher nicht nur auf diese eine Karte setzen“, kommentiert Köllner.

Der überwiegende Teil des Methans, mehr als 90 %, stammt nämlich ungeachtet der Wirtschaftsweise aus den Mägen von Rindern. Die Zahl der Tiere ist zwar seit 1990 kontinuierlich gesunken, weil die Milchleistung der einzelnen Kuh im gleichen Zeitraum stieg. Aber verglichen mit Schweinen, Ziegen und Hühnern ist das Rind nach wie vor der größte Methanproduzent.

Hin und wieder wurde in Medienberichten propagiert, ein rülpsarmes Futter zu entwickeln. Dieses sollte möglichst wenig Cellulose enthalten, da der Ballaststoff bei der Verdauung klimaschädliche Gase verursacht. Dämmgen hält das für eine windige Diskussion: „Das Potenzial bei der Futteroptimierung ist weitgehend ausgeschöpft“, sagt er. Andere Möglichkeiten wie Stallabsaugungen sind in seinen Augen bei Rindern graue Theorie. „Der Trend geht zum offenen Stall. Das hat verschiedene Gründe, unter anderem fühlen sich die Tiere an der frischen Luft wohler und sind gesünder“, führt er aus.

Einzig sinnvoll und noch dazu ausbaufähig findet er die Verwertung der Gülle in Biogasanlagen. Dabei werde das hoch klimawirksame Methan als Rohstoff für Energie genutzt und in weniger klimawirksames Kohlenstoffdioxid umgewandelt, erkennt der Agrarökologe an.

Trotzdem lassen sich die Emissionen aus der Rinderhaltung laut Dämmgen kaum noch reduzieren. Daher möchte er die Verbraucher in die Verantwortung nehmen. „Was der Kunde kauft, steuert den Markt“, sagt er.

Damit der Klimaschutz in das Bewusstsein der Konsumenten rückt, erwäge das Verbraucherministerium derzeit eine Kennzeichnung aller Lebensmittel mit deren Treibhausgasbilanz. Eine Idee, die auch auf internationaler Ebene diskutiert wird. So genannte „food miles“ sollen die Klimabilanz von Brot, Pizza und Gemüse transparent machen.

„Es ist nicht ganz einfach, die Treibhausgasemissionen eines Produkts über den gesamten Lebenszyklus zu erfassen“, gibt Dämmgen zu bedenken. „Ich wage nicht zu sagen, ob und wann es das geben wird.“

SUSANNE DONNER

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u.a für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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