Ein Haus als politisches Statement 10.03.2000, 17:24 Uhr

„Die einen hielten mich für irre, die Mehrheit war schlicht dagegen“

Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell hat den Beweis geliefert, dass sich allein aus Sonnenenergie der Bedarf an Wärme, Strom und Mobilität decken lässt.

Von vorn sieht es aus, als rolle ein überdimensioniertes Osterei die Straße hoch. Das Ei kommt näher, entpuppt sich als so etwas wie die Frucht einer unglücklichen Liaison von Smart und Liegerad – das Elektroauto Twike, mit Pedalen zur Unterstützung des Elektromotors.
Das kleine Gefährt verschwindet in einer Garage aus Holz, die Glaskuppel des Autos klappt auf, und Hans-Josef Fell steigt aus, zieht lässig ein Kabel aus dem Auto und steckt es in die Steckdose neben der Garageneinfahrt. „Früher“, sagt er mit freundlichem Lächeln, „galt ich hier als Spinner“.
Man sieht sich um und ist geneigt, ihm zu glauben. Mittelklassewagen am Straßenrand, Einfamilienhäuser, klassisch geklinkert oder verputzt, rote Ziegeln auf dem Dach – schmuck war früher mal das Wort.
Und dann das. Denn Fells Elektroauto ist nur die Spitze eines ökologischen Eisbergs. Am Hang etwas unterhalb der Straße in diesem Vorort des bayrischen Hammelburg ein Holzhaus, mit Knöterich umwuchert, das Dach aus Gras mit einer solaren Warmwasseranlage und einer Photovoltaikanlage. Zur Südseite hin ein prächtiger Wintergarten voller Pflanzen und Kakteen.
Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell ist Überzeugungstäter. Einer, der nicht nur grün redet, sondern auch grün lebt.
„Das ist kein Hobby, das ist meine Lebensphilosophie“, erklärt Fell im gemütlichen Wohnbereich seines Hauses, „ich wollte immer den Beweis liefern, dass es geht, Wärme- und Energiebedarf zu fast 100 % aus Sonnenenergie zu decken.“
Der Beweis ist sein Haus, für ihn mehr als ein Haus, ein politisches Statement: „Man muss es schon wollen“.
Das Gras auf dem Dach sieht an diesem nasskalte Märzmorgen etwas mickrig aus nach dem Winter. Aber hinter dem Haus ziehen sich die Weinberge in die Höhe, Sonne muss es hier genug geben. Fell zeigt auf seinen Wintergarten. „Sobald sich die Sonne zeigt, hat man da drin auch im Winter Karibikgefühle.“
Doch um in Hammelburg Karibikgefühle aufkommen zu lassen, ist Fell einen langen Weg gegangen, so gut wie jeder Schritt ging über eine Hürde. Sein Haus ist genau nach Süden ausgerichtet, dem ging ein schier „endloser Kampf“ mit der örtlichen Bürokratie voraus, die es an der Straße ausgerichtet haben wollte. Noch härter war der Kampf ums Gras auf dem Dach, dafür ging er bis zum Petitionsausschuss des Bayrischen Landtags. Auch diesen Kampf hat er gewonnen.
Als Fell 1985 anfing, zusammen mit seiner Frau Annemarie das Haus zu bauen, hielten ihn „die einen für irre, die große Mehrheit war schlicht dagegen“, erinnert er sich und die Baustoffhändler rieten ihm von allem ab, was er vorhatte.
Der Keller seines Hauses ist aus Ziegeln gemauert, darauf eine Lage Beton als Fundament, der einzige baubiogische Wermutstropfen im ganzen Haus. „So ganz kommt man da nicht dran vorbei“, räumt er mit leichtem Bedauern ein. Aber der Beton hat keine durchgehende Stahlarmierung, um die Induktionsströme zu vermeiden.
Die Wände sind aus Holz, „wintergeschlagen und ein Jahr abgelagert“, ebenso die Decke, mit einer hölzernen Dämmplatte zwischen Innen- und Außenwand. Die Böden sind mit Sand zugefüllt, ein „idealer Wärmespeicher“.
In der Mitte des Hauses, zugleich sein tragendes Element, ein riesiger Kamin aus Ziegelstein, in dem an diesem trüben Morgen ein paar Holzscheite glimmen. Obwohl das Thermometer nur gut 20° C anzeigt, empfindet man die Raumtemperatur als wesentlich höher. „Die Materialien machen es.“
Doch in diesen kalten, dunklen Wintertagen schaffen Kamin und Solaranlage auf dem Dach das nicht allein. Die Lösung für diese Tage steht in Fells Keller. Der unterscheidet sich auf den ersten Blick nur unwesentlich von ähnlichen Kellern einer Familie mit drei Kindern, in einer Ecke ein Schlagzeug, gegenüber Regale mit Marmeladegläsern, Gartengeräte.
Was diesen Keller aber von andern unterscheidet sind zwei große Tanks, der eine für 1000 l kaltgepresstes Sonnenblumenöl, der andere ein Pufferspeicher für 800 l heißes Wasser. Hinter einer Ecke dann das Energiezentrum des Hauses für die kalten Tage: ein bauchhoher grüner Kasten, ein kleines Blockheizkraftwerk mit einer Leistung von 5 kW, ein Dieselmotor, der für Sonnenblumenöl umgerüstet wurde.
Über dem kleinen Kraftwerk ein Gewirr von Kästen, Solarsteueranlage, Solarpumpen und die Heizungsmischanlage. Das Öl kommt von einem Bauern, der 20 km entfernt wohnt, „das hält die Umweltbelastung durch den Transport gering.“ Und Sonnenblumenöl braucht weniger Düngung als Raps, also weniger CO2-Eintrag… Hier gibt es nichts, was sich nicht baubiologisch oder umweltpolitisch verteidigen ließe.
Doch so ein Haus ist nicht nur ein politisches Statement, sondern auch Teil der Biografie und sicher nicht der unwichtigste. Fell, Vater von drei Kindern, war Gymnasiallehrer für Physik in Schweinfurt, ist seit 1992 Mitglied von Bündnis 90/die Grüne und seit 1998 Bundestagsabgeordner und forschungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Fells Vater war fast 15 Jahre CSU-Bürgermeister in Hammelburg, die Frage nach den Spannungen zwischen schwarzem Vater und grünem Sohn kommentiert er mit einem mühsamen Grinsen. Aber er anfing sein Haus zu bauen, hat das aber auch Vater und Sohn einander „wieder näher gebracht“.
Mit dem typischen Rumpeln eines gut gedämpften Turbo-Diesels springt der Motor jetzt an, „normalerweise geht das automatisch, wärme- und spitzenlastgeführt“, heizt das Wasser in dem Wärmespeicher und liefert Strom für sein Auto. Außerdem ist das kleine Heizkraftwerk an das Stadtwerk angeschlossen, wenn hier in Spitzenzeiten Bedarf entsteht, springt in Fells Haus der Pflanzenölmotor an und liefert Strom. Störend ist das nicht. Selbst neben dem Generator kann man sich unterhalten, ohne die Stimme zu heben.
Gut 1 l Öl braucht das Kraftwerk alle zwei Stunden, der Literpreis liegt bei 1 DM. 1300 l im Jahr braucht Fell.
In einer kleine Kellernische wird dann endgültig klar, dass das nicht irgendein Kelller ist: hier hängen die Zähler – einer für den Solarstrom, ein Einspeisezähler, ein Rückspeisezähler und einer, auf den Fell besonders stolz ist, ein elektronischer Zähler für sein Blockheizkraftwerk, „das Beste, was derzeit zu haben ist.“
Damit hat Fells Haus fünf Quellen für Wärme und Strom, mit denen auch sein Auto versorgt wird: seinen Wintergarten, die solare Warmwasseranlage und die Photovoltaikanlage mit einer Spitzenleistung von 1,8 kW auf dem Dach, den holzgeheizten Kachelofen und, wenn es kalt wird, das pflanzenölgetriebene Blockheizkraftwerk. Und um im Haus den Verbrauch niedrig zu halten, jede Menge Stromspareinrichtungen.
„Meine Idee war, tradierte Erfahrungen wie dem Einsatz von Holz und Ziegeln mit moderner Technik zu verbinden“, erzählt Fell und blickt in die wuchernde Pracht seines Wintergartens. „Viele moderne Konzepte setzen nur auf Technik, senken zwar den Wärmebedarf, treiben aber den Pumpenstrom nach oben.“ Einige Preise hat er schon für seine Ideen bekommen, auch einen von Eurosolar. In diesen Tagen holt er sich einen weiteren auf der Umweltmesse in Linz ab.
Fell ist zuversichtlich, dass Vorkämpfer wie er nicht mehr lange Einzelkämpfer bleiben. In der Ökosteuer und dem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht er die Chance, dass mehr Menschen einen ähnlichen Weg gehen wie er. „Neue Technologien haben immer Kinderkrankheiten und sind teuer. Pioniere sind eben die Leidtragenden“, sagt er ohne Selbstmitleid. Doch schon heute ist er auch in Hammelburg nicht mehr allein, es gibt sogar einen Solarstammtisch im Ort.
Dabei ist die Subventionierung solcher Technologien durch den Staat für ihn nur eine Übergangsphase. Wichtiger sind vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen für den Einsatz umweltschonender Technologien: „Und wenn es uns gelingt, die Massenfertigung anzuschieben, dann wird der Strom aus Kernenergie rein wirtschaftlich durch den aus alternativen Energien ersetzt.“ Für Fell ist das ein realistischerer Weg als der im erzwungenen Konsens verordnete Atomausstieg.
Dann würde sein Traum so langsam Wirklichkeit: „Strom, Wärme und Mobilität, alles aus Sonnenenergie“. Spricht“s, steigt in sein Elektromobil und verschwindet zum nächsten Termin. W. MOCK
Man glaubt kaum, dass er reinpasst: Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell mit Twike, seinem Elektroauto.
Der aus Ziegelstein gebaute und mit Holz beheizte Kamin ist eine der wichtigsten Wärmequellen im Haus, zugleich das zentrale, tragende Element. Holz und Glas, soweit das Auge reicht. Für das Grasdach ist Fell bis vor den Petitionsausschuss des Bayrischen Landtages gezogen. Mit Sonnenblumenöl angetrieben: Das Blockheizkraftwerk für die kalten Tage des Jahres. Hans-Josef Fell und das Konzept seines Traums: „Strom, Wärme und Mobilität, alles aus Sonnenenergie“.

Von W. Mock
Von W. Mock

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Borsig Service GmbH-Firmenlogo
Borsig Service GmbH Projektleiter E- und Leittechnik (m/w/d) Berlin
Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Vertriebsingenieur (m/w/d) im Bereich Energie- oder Versorgungstechnik / TGA / Energiewirtschaft Mörfelden-Walldorf
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Bauingenieur*in / Umweltingenieur*in als Betriebshofleitung (m/w/d) München
Abfallwirtschaft GmbH Halle-Lochau-Firmenlogo
Abfallwirtschaft GmbH Halle-Lochau Ingenieurtechnischen Projektmanager (m/w/d) in der Abteilung Umwelt- und Sicherheitscontrolling Schkopau
Abfallwirtschaft GmbH Halle-Lochau-Firmenlogo
Abfallwirtschaft GmbH Halle-Lochau Projektmanager Vertragsmanagement und Maßnahmenüberwachung (m/w/d) in der Abteilung Umwelt- und Sicherheitscontrolling Schkopau
Stuttgarter Straßenbahnen AG-Firmenlogo
Stuttgarter Straßenbahnen AG Ingenieur Elektrotechnik (m/w/d) für Betriebsanlagen der Stromversorgung Stuttgart
A. Eberle GmbH & Co. KG-Firmenlogo
A. Eberle GmbH & Co. KG Technischer Support Spezialist (w/m/d) – Spannungsregelungs- / Kommunikations- / Fernwirktechnik für Energieversorger Nürnberg
ATP Planungs- und Beteiligungs AG-Firmenlogo
ATP Planungs- und Beteiligungs AG Projektleitung (m/w/d) HKLS Hamburg
Bayernwerk AG-Firmenlogo
Bayernwerk AG Leiter Arbeitssicherheit, Gesundheit und Umwelt (HSE) (w/m/d) Regensburg, München
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG HSE Ingenieur (m/w/d) Stuttgart

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Umwelt

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.