Umwelt 11.10.2002, 18:22 Uhr

„Die Dürre reicht bis Berlin“

In der Lausitz müssen die Landkarten neu gezeichnet werden. Durch die Flutung ehemaliger Braunkohletagebaue entsteht dort eine Seenplatte. Die künstlichen Seen sollen Berlin und das Umland vor der Wassernot bewahren.

Zum Segeln in die Lausitz: Was Wassersportler wohl nie für möglich gehalten hätten, wird in einigen Jahren Realität. Dann nämlich werden 26 ehemalige Tagebaue vollständig mit Wasser gefüllt sein und eine Fläche von 135 km2 unter Wasser stehen.
Der Braunkohletagebau hat im Osten große Wunden geschlagen. Die sichtbaren Schäden können durch Rekultivierung schnell behoben werden. Schwerer wiegt der gestörte Wasserhaushalt. In diesem Jahr war die Wassernot in Brandenburg so groß, dass das Land beim Nachbarn Sachsen Wasser kaufen musste. „Bis Berlin muss die Region vor dem Wassermangel bewahrt werden“, erklärt Uwe Steinhuber, Pressesprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Die Gesellschaft hat die Sanierung des Wasserhaushalts übernommen, die nach eigenen Schätzungen 9 Mrd. € verschlingen wird.
Braunkohle war der wichtigste Energieträger der DDR: Sie deckte 70 % des Energiebedarfs. Nach der Wende wurde die Produktion von 300 Mio. t auf
75 Mio. t pro Jahr zurückgefahren und man stand vor einer Ödfläche von 600 km2.
Gravierender als an der Oberfläche machen sich die Wirkungen im Untergrund bemerkbar. Ständig muss das zuströmende Grundwasser durch einen Ring von Pumpen abgesaugt werden – in der Lausitz waren das zuletzt
1,2 Mrd. m³ Wasser für eine Jahresförderung von 200 Mio. t Kohle. Die Folge: In der Region entstand ein 1350 km² großer Dürre-Trichter mit einem Grundwasserdefizit von 7 Mrd. m³.
Das abgepumpte Wasser floss in Spree und Schwarze Elster. Dadurch erhöhte sich die mittlere Wasserführung der Spree zwischen 1950 und 1990 von 14 m³/s auf 40 m³/s – ein Wassersegen, auf den Städte und Regionen noch heute eingerichtet sind. Ernste Probleme begannen, als mit dem Rückgang der Braunkohleförderung die Flüsse abschwollen. So verschlechterte sich in den Dürrejahren 1999 und 2000 die Qualität in den Berliner Wasserläufen, dass massenhaft toxische Blaualgen wucherten.
Ohne Gegenmaßnahmen würde sich die Situation weiter verschärfen. Um 2015 wäre im Sommer das ökologisch erforderliche Wasserminimum für Berlin nur noch zu 50 % garantiert – in jedem zweiten Jahr wäre mit einer Wasserkrise zu rechnen.
Ein ausgefeiltes Wassermanagement soll die Lage retten. Dreh- und Angelpunkt dabei ist eine schnelle Flutung der Tagebaulöcher in die – zusätzlich zum einströmenden Grundwasser – Wasser aus Spree und Schwarzer Elster geleitet und für Trockenzeiten gebunkert wird. So sollte sich die Sicherheit für den Mindestwasserzufluss nach Berlin auf 90 % anheben lassen.
Gesteuert wird das Wassermanagement von der Flutungszentrale Lausitz, die seit zwei Jahren in Brieske bei Senftenberg in Betrieb ist. Von dort aus wird aus Daten über Zu- und Abflüsse, Speicherinhalten und Wettervorhersagender Wasserstand der Region ermittelt. Dann wird entschieden, wie viel Wasser für die Flutung der Tagebaue abgezweigt werden kann, ohne dass es an anderer Stelle fehlt. „Jeder Kubikmeter, der ungenutzt vorbeifließt, ist auf Ewigkeit für die Sanierung verloren“, sagt Eckhard Scholz, Leiter der Flutungszentrale. Während der jüngsten Regenfluten hat er einen Gewinn von 5,8 Mio. m³ Wasser verbucht.
Die Wassermanager kämpfen nicht nur gegen die Dürre. Würden die Tagebaulöcher nicht schleunigst mit Flusswasser gefüllt, würden sie hoffnungslos versauern. Denn das einfließende Grundwasser spült Pyrit aus den Abraumhalden. Das Mineral, chemisch gesehen Schwefelsulfid (FeS2), oxidiert an der Luft und über mehrere Zwischenstufen bildet sich unter Beteiligung von Bakterien Schwefelsäure. „Die neuen Gewässer werden noch längere Zeit einen Zustrom von Flusswasser brauchen, um den Säureeintrag von den Kippen zu kompensieren“, erklärt Uwe Grünewald, Leiter des Lehrstuhls für Hydrologie und Wasserwirtschaft der Universität Cottbus.
Das Mammutprojekt der Flutungszentrale Lausitz sprengt nicht nur in technischer Hinsicht den Rahmen sämtlicher deutscher Landschaftsbauprojekte. Auch politisch begibt man sich auf Neuland: Zum ersten Mal werden deutsche Gewässer länderübergreifend erfasst – sowohl von Sachsen als auch von Brandenburg. Normalerweise ist Wasserwirtschaft Sache der Länder und deren Behörden kooperieren nicht. In der Lausitz ist nun zumindest zwischen zwei Bundesländern verwirklicht, was die EU generell für Flussgebiete fordert: sie unabhängig von Verwaltungsgrenzen als Einheit zu betrachten. HANS DIETER SAUER

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