Umwelt 19.09.2008, 19:37 Uhr

Der Wald stirbt langsamer als gedacht  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 9. 08, swe – Vor 25 Jahren untersuchten Förster zum ersten Mal im Auftrag der Bundesländer den Zustand der deutschen Forste. Es galt, das „Waldsterben“ zu verstehen, um es in letzter Sekunde zu verhindern. Heute ist das kaum noch ein Thema. Zwar weisen die Wälder teils erhebliche Schäden auf, doch das Bild vom gesunden Wald hat sich aus wissenschaftlicher Sicht als irreführend erwiesen.

Ein Vierteljahrhundert später scheint nicht den Wald, sondern vielmehr sein Sterben ein leiser Tod ereilt zu haben. Die Medien wettern eher gegen das Abholzen ferner Regenwälder. Aus dem Waldschadens- ist ein viel netter klingender Waldzustandsbericht geworden. Der Wald wächst durchaus kräftig.

Die Waldschützer möchten dennoch weiter vom Waldsterben sprechen. Es gehe dem Wald „heute deutlich schlechter als vor 25 Jahren“, so der Biologe Rudolf Fenner, Waldexperte bei Robin Wood. Wenn der Trend bei den Laubbäumen anhalte, dann lasse sich hochrechnen, „dass bereits in wenigen Jahren wohl keine völlig ungeschädigte Buche oder Eiche mehr zu finden sein wird“.

Der Begriff des Waldsterbens sei „aktueller denn je“, sagt Helmut Klein, waldpolitischer Sprecher des Umweltverbandes BUND. Bloß treffe der Begriff in den Medien „auf wenig Resonanz, denn eine schleichende Katastrophe ist scheinbar keine“, beklagt der Biologe.

Die Umweltverbände haben allerdings ein Problem: Vermeintlich Sterbenden, deren Siechtum sich über Jahrzehnte hinzieht, nimmt man ihr Leiden irgendwann nicht mehr ab. Simuliert der Patient etwa?

Vor nunmehr 25 Jahren rang sich die frisch gebackene Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) dazu durch, den Waldzustand jährlich aufwändig erheben zu lassen. Noch im selben Jahr, 1983, stapften erstmals Förster durch die Forste, um die Baumkronen nach Verlichtungen, also Blatt- und Nadelverlusten, abzusuchen. Ihre Ergebnisse standen 1984 im ersten Waldschadensbericht der Bundesrepublik.

Die Öffentlichkeit war entsetzt. Würden bald alle Wälder hierzulande aussehen wie die verheerten Bergrücken des Erzgebirges, wo es vielerorts aussah, als steckten keine Bäume mehr im Boden, sondern abgeknickte Streichhölzer? Verursacht von Luftschadstoffen wie Schwefeldioxid, drohten die Wälder tödlich zu versauern.

„Wir sprechen nicht mehr von Waldsterben, weil das dem Zustand unserer Wälder absolut nicht gerecht würde“, sagt Forstwissenschaftler Eberhard Aldinger, Leiter der Abteilung Waldökologie bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Das Absterben einzelner Bäume sei „bis zu einem gewissen Grad ein natürlicher Vorgang, der den Bestand des Ökosystems Wald nicht beeinträchtigt“.

Der Wald werde auch künftig nicht sterben. „Es ist keine Gefahr im Verzuge“, urteilt Aldinger. „In Hinsicht auf sein Laub- oder Nadelkleid kann ein Wald nie zu 100 % gesund sein.“ Dazu unterliege er zu vielen äußeren Einflüssen, die noch dazu häufig wechseln. „Mit den jährlichen und periodischen Schwankungen müssen wir uns abfinden. Wir beobachten das, aber wir machen uns deswegen keine Sorgen.“

Doch warum schlugen vor 25 Jahren die Wogen derart hoch? „Die Bedeutung der Luftschadstoffe für den Zustand der Wälder wurde in der öffentlichen Diskussion der 1980er Jahre stark überbewertet“, sagt Aldinger. „Vielmehr ist ein ganzer Komplex aus Einflüssen verantwortlich zu machen – angefangen von Nähr- und Schadstoffeinträgen über die jeweilige Witterung und den Klimawandel bis hin zu Baumschäden, etwa durch Insekten oder Pilze.“

Die Kronenverlichtung bezeichnet der Forstfachmann zwar als einen „Indikator für den Waldzustand“, doch sie sei „ein so unscharfer, dass man daraus keinen Schluss auf die Ursache der Blatt- oder Nadelverluste ziehen kann.“

Das von Umweltverbänden gelegentlich vorgetragene Argument, Waldbäume würden durch ein Zuviel an Nährstoffeinträgen ähnlich fehlernährt wie ein Kind, das nur Schokolade zu essen bekommt, ist Aldinger zufolge nicht korrekt. „Aber genauso falsch ist, dass es Bäumen schon deshalb gut geht, weil sie stark wachsen.“ Der Jahreszuwachs sei „nur ein mäßiges Kriterium für die Baumgesundheit“.

Breitere Jahresringe könnten die Folge davon sein, dass es mehr als früher regnet und die Winter milder und kürzer geworden sind. „Durch das zeitiger einsetzende Frühjahr treiben die Bäume ihr Laub früher aus und produzieren deshalb länger Biomasse“, sagt Forstwissenschaftler Professor Jürgen Bauhus, Leiter des Instituts für Waldbau an der Universität Freiburg.

Eine Rolle könne aber auch spielen, dass der Nährstoffgehalt der Waldböden sich im Vergleich zu früheren Jahrhunderten erholt habe. „Seit die Wälder nicht mehr geplündert oder durch Waldweide ausgelaugt werden, kann sich organische Substanz in ihnen wieder ansammeln.“

Näher untersucht werden müsse noch, ob und wie sich die Einstrahlung der Sonne in den Wäldern verändert hat. „Kondensstreifen am Himmel oder Luftschadstoffe könnten den Anteil diffus gestreuten Lichts erhöht und den des direkt auf die Waldbäume treffenden Lichts verringert haben“, erklärt Bauhus einen denkbaren Faktor für den Biomassezuwachs. „Während direktes Sonnenlicht in den Baumkronen zu erheblicher Selbstbeschattung durch das Laub führt, trifft diffuses Licht aus vielen Richtungen auf – und ist damit in der Summe stärker.“

Sollte sich das Klima wie prognostiziert grundlegend ändern, „wird sich dies auch massiv auf die Baumartenzusammensetzung des Waldes auswirken“, prognostiziert Eberhard Aldinger. Die oft standortfremden Fichten in Deutschland werden seltener, während Laubbäume wie Eichen, Esche, Ahorn, Kirsche, Nuss und als Nadelholz auch Douglasie „die Gewinner sein können“.

Obwohl auch Jürgen Bauhus gegenüber seinen Studenten nur noch vom öffentlichen „Phänomen Waldsterben“ spricht, hatte der Rummel in den vergangenen Jahrzehnten aus seiner Sicht auch sein Gutes. So habe „die damals losgetretene Forschung unseren Kenntnisstand erheblich erweitert“.

Positiv – auch wegen der volkswirtschaftlich sinnvollen Effekte – seien zweitens die Verordnung zur Rauchgasentschwefelung von Großkraftwerken und die Kalkung der Wälder gewesen, so Bauhaus. Die vielen Medienberichte hätten „das Bewusstsein für den nötigen Umbau der Wälder geschaffen“. WALTER SCHMIDT

  • Walter Schmidt

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