Ernährung 01.03.2002, 17:33 Uhr

Der Öko-Butt

Immer wieder geraten Fische und andere Meerestiere wegen hoher Antibiotika- oder Schadstoffbelastung in die Schlagzeilen. In Büsum hat nun eine kleine Firma Deutschlands erste ökologische Zucht von Meeresfischen in Betrieb genommen.

Es herrschen gemütliche 20 0C in der über 2000 m2 großen Halle, während draußen ein eisiger Nordseewind um das unscheinbare Gebäude am Hafen des Nordseeheilbades Büsum in Schleswig-Holstein braust. Nicht nur für die vier Mitarbeiter der Ecomares GmbH ist das Klima in der Halle angenehm, auch der Steinbutt fühlt sich hier wohl. Und das ist das Wichtigste für die Geschäftsführer Dr. Dirk Kuhlmann, Gerrit Quantz und Heino Kock: Die drei betreiben die erste kommerzielle Rezirkulationsanlage zur Zucht von Steinbutt in Deutschland. Um die steigende Nachfrage nach Fisch zu decken, gewinnt diese Produktionsmethode immer mehr an Bedeutung.

Bereits 1999 gründeten sechs Gesellschafter Ecomares und investierten rund 2 Mio. ! in die Fischzuchtanlage. Für die Pilotphase erhielten sie von der Europäischen Union und dem Land einen Zuschuss von 35 %. Der Betrieb soll sich jedoch ohne Subventionen rechnen und Profit abwerfen. Die Geschäftsführer sind davon überzeugt, dass dies gelingen wird. Bereits in diesem Jahr werden die ersten 50 t Steinbutt in Norddeutschland, hauptsächlich an die Gastronomie, verkauft. In fünf Jahren wollen die Geschäftsführer schon 500 t des hochpreisigen Fisches jährlich in ganz Europa absetzen.

Einfach ist die Zucht von Meeresfischen in einer geschlossenen Kreislaufanlage nicht. Zum einen können aufgrund des aggressiven Salzwassers nur hochwertige Materialien verwendet werden. Zum anderen sind die Fische äußert empfindlich. Sie benötigen nicht nur eine konstante Wasserqualität, sondern es müssen auch Krankheitserreger und Parasiten vermieden werden, damit sie sich gut entwickeln.

Der Einsatz von Chemikalien ist bei Quantz und Kuhlmann tabu. Über Antibiotika verseuchte Schrimps aus Asien, die in Deutschland zu Fischmehl verarbeitet werden sollten, können die Fischereibiologen nur den Kopf schütteln. Sie lehnen die Massentierhaltung in Netzkäfigen ab. Für Kuhlmann ist es unverständlich, dass in Italien und Griechenland diese Form der Massentierhaltung erlaubt ist. Da sich die auf engstem Raum gehaltenen Fische leicht infizieren, ist eine medikamentöse Behandlung der Fische unabdingbar. Kuhlmann: „Dies ist eine ökologisch bedenkliche Entwicklung.“

Die Fische schwimmen im Nordseewasser. Kuhlmann und Quantz haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, um das Wasser keimfrei zu halten. Zunächst werden Schwebepartikel und Sandkörner herausgefiltert, bevor das Wasser mittels eines Ozonabschäumers entkeimt und gereinigt wird. Der Bedarf an Frischwasser ist aufgrund der Kreislaufanlage zudem sehr gering – nur rund 30 m3 werden täglich benötigt.

Wesentlich aufwändiger ist dagegen die halbstündige Reinigung der 600 m3 Wasser, in denen zur Zeit etwa 60 000 unterschiedlich große Fische schwimmen. Futterreste, Kot, Ammoniak und Kohlendioxid müssen ständig entfernt und das Wasser mit zusätzlichem Sauerstoff angereichert werden. Neben der mechanischen Reinigung mit einem Trommelfilter, der einen Großteil der nicht gebundenen Stoffe aus dem Wasser holt, spielen vor allem Biofilter eine entscheidende Rolle.

Dabei wird das Wasser durch ein feinkörniges Granulat gepumpt, dessen Oberfläche mit Bakterien besetzt ist, die toxisches Ammoniak in Nitrit und Nitrat umwandeln. Zudem wird das Wasser über Tropfkörper „entgast“ und dadurch vom Kohlendioxid befreit, bevor es mit zusätzlichem Sauerstoff angereichert wird.

Am Ende bleiben Schlamm und etwa 5 m3 bis 10 m3 Abwasser am Tag zurück, das in der örtlichen Kläranlage entsorgt wird. Auch der Energieverbrauch ist günstig. Mit der Abwärme eines Blockheizkraftwerkes werden die Hallenluft und gleichzeitig das Beckenwasser erwärmt.

Ganz zufrieden sind die Geschäftsführer damit noch nicht. Sie testen, ob das hoch nährstoffreiche Abwasser für die Zucht von Mikroalgen genutzt werden kann, um diese anschließend als Futtermittel oder für Algenbäder zu vermarkten. In einem weiteren Versuch soll in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven die Zucht von Großalgen getestet werden, die als Futter von hochpreisigen Meeresschnecken dienen. Erst wenn das gelingt, ist aus Sicht von Kuhlmann das Kreislaufsystem perfekt. „Die Abstimmung der Komponenten aufeinander und das Wissen über Grenzwerte sind das Wichtige,“ so Kuhlmann. Zudem würde ohne eine gute Software gar nichts laufen. „Die Steuerung der Gesamtanlage ist das Herzstück.“

Die Geschäftsführer wollen aber nicht nur ihre Fische verkaufen, sondern auch die Technik. Das Interesse an dem Know-how aus Büsum ist groß. Vor allem asiatische Länder wie Thailand, China, Korea und Taiwan sind daran interessiert. Kuhlmann ist überzeugt: „Der Markt für Rezirkulationsanlagen in Asien boomt.“ ANGELA SCHMID

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