Lärm 27.02.2009, 19:39 Uhr

Der Kampf um die Ruhe geht in die nächste Runde  

Still ist es geworden um den Lärm, seit Feinstaub und Klimaschutz die Öko-Schlagzeilen beherrschen. Doch die Ruhe täuscht. Hinter den Kulissen wird eifrig kartiert, Schutzmaß-nahmen geplant. Lärmexperten suchen nach Möglichkeiten, die Datenflut in geordnete Bahnen zu lenken. Denn in drei Jahren sollen die Länder zum zweiten Mal festgelegte Maßnahmen gegen den Lärm nach der EU-Umgebungslärmrichtlinie ergriffen haben. VDI nachrichten, Karlsruhe, 27. 2. 09, swe

Auch auf dem Land gibt es Lärmbrennpunkte – an Autobahnen oder in unmittelbarer Nähe von Windrädern, zum Beispiel. Ein bayerisches Messteam hat an einer 1-MW-Anlage gelauscht: Im Mittel gab es jede vierte Nacht mindestens 1 h eine Überschreitung des Richtwertes von 45 dB(A).

In Karlsruhe berieten am „Runden Tisch Lärm“ vor zwei Wochen Fachleute ihre neuesten Erhebungen. Sie stellten fest, dass z. B. Straßenbahnen einen deutlich höheren Lärmpegel haben als angenommen. Thomas Przybilla vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen spricht von einer Verlärmung der Landschaft: Rund 8 % der NRW-Landesfläche seien mit mehr als 55 dB(A) belastet.

„Wir krempeln jetzt die Ärmel hoch“, kündigte Rolf-Dieter Mummenthey an. Der Experte des Gewerbeaufsichtsamts Hildesheim für Modellberechnung der Luftqualität und des Umgebungslärms nahm als Vertreter Niedersachsens am Treffen der Lärm-Verantwortlichen aus fünf Bundesländern, der Bahn und des Umweltbundesamtes teil.

Grund für die Aktivitäten ist die europäische Umgebungslärmrichtlinie aus dem Jahr 2002, kurz ULR. Jeder Mitgliedstaat muss eine Vielzahl von Informationen zu Lärmkarten und Aktionsplänen an die Kommission übermitteln. Hierzulande ist das Aufgabe der Kommunen und der betroffenen Gemeinden, die teilweise von den Landesregierungen kräftig unterstützt werden, weil sie alleine überfordert wären.

Bereits Mitte 2007 sollte die erste Phase der Umgebungslärmrichtlinie abgeschlossen sein. Die reale Lärmsituation für große Ballungsräume mit mehr als 250 000 Einwohnern, für Großflughäfen, die am stärksten befahrenen Straßen und Gleise sollte abgebildet werden. Dazu wurden in Phase eins Autos und Hausbewohner gezählt, die Höhe von Gebäuden vermessen, Straßenbeläge angeschaut, Lage und Höhe der Schallquellen aufgenommen. Gelände wurde mit GPS und Laserscannern vermessen.

Phase zwei geht mehr ins Detail: Bis Mitte 2012 müssen auch alle Ballungsräume ab 100 000 Einwohnern und sämtliche Hauptverkehrsstraßen aufgenommen sein. Außerdem muss das Eisenbahn-Bundesamt Lärmkarten für alle Haupteisenbahnstrecken zeichnen. Wenn das getan ist, steht alle fünf Jahre eine Aktualisierung an.

Straßenbahnen haben einen deutlich höheren Lärmpegel, als Experten bisher dachten

„Phase eins war zum Aufwärmen“, meint Mummenthey vom Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim etwas spöttisch. Denn angesichts der Berge von Daten, die jetzt zusätzlich gesammelt und in den nächsten drei Jahren verarbeitet werden müssen, sind bei manch einem Bundesland die Grenzen der Lärmkartierung erreicht. Viele sehen sich der Datenflut nicht gewachsen.

Schon bei der Datenbeschaffung ist Erfindungsreichtum gefragt: „Viele Daten gibt es noch gar nicht in der Form, in der wir sie brauchen“, so der norddeutsche Lärmexperte.

Das Gros der Daten kommt von der Vermessungs- und Katasterverwaltung. Digitale Geländemodelle mit Rasterdaten haben die Landesverwaltungen in der Regel vorrätig. Gebäudemodelle in exakter Auflösung, wie man sie für die Modellrechnungen braucht, kann man bei Netzbetreibern kaufen. Niedersachsen geht sogar bei Teleatlas Daten über Pkw-Geschwindigkeiten einkaufen.

Brücken, über die der Verkehr wegen der holprigen Oberfläche noch lauter rumpelt, müssen ins Lärmmodell eingespeist werden. Diese sind oft gar nicht in Straßenkarten verzeichnet, daher fahren die Lärmkartierer selbst los, um Daten zu erheben.

Sind alle Daten erfasst, müssen die Ärmel noch weiter hochgekrempelt werden: Die Länder selbst haben in der Datenverarbeitung unterschiedliche Ansätze gewählt. Nordrhein-Westfalen etwa hat bereits eine eigene Lärmdatenbank, die sie auch für Phase zwei nutzen wollen. Die anderen sind an neuen Lösungsvorschlägen interessiert.

Informatiker der Karlsruher Softwarefirma Disy haben einen ausgeklügelten Datentopf entwickelt, der sämtliche Sach- und Geodaten verknüpft, homogenisiert und mit dem alle Bundesländer bedient werden könnten.

Viele Daten für die Lärmkartierung gibt es noch nicht in der Form, in der man sie braucht

Die Disy-Methode ermöglicht gezielte Abfragen: wie viele Bewohner im bayerischen Feucht mit mehr als 50 dB(A) leben oder welche Gemeinden Lärmpegel von mehr als 60 dB(A) an einer Bahntrasse haben usw. Genauso kann nach der lautesten Fassade gefragt werden. Mit den vielfältigen Abfragemöglichkeiten könnten auch die geforderten Aktionspläne sinnvoll gestaltet werden.

Vor allem soll man mit der Disy-Methode auf die Fragen der Bevölkerung zu ihrem Lärmumfeld präzise antworten können. Das jedenfalls versprechen sich Bayern und Baden-Württemberg, die das System bereits nutzen. Niedersachsen hat Interesse bekundet und es gibt weitere Anfragen.

Eine Lösung nach dem Motto „Ein Konzept für alle“ würde sich nach Auffassung vieler Ländervertreter wirtschaftlich auszahlen. Auch würde es die Kooperation über die Landesgrenzen hinaus erleichtern. Verhandlungen zur breiten Nutzung des Systems laufen an.

Kritik an der EU-Umgebungslärmrichtlinie wurde trotz der Probleme in der praktischen Umsetzung unter den rund 20 Teilnehmern des „Runden Tisches Lärm“ kaum laut. Außer, dass es Grenzwerte geben müsste, wie man sie für Feinstaub hat. „Das würde den Druck erhöhen, tatsächlich Maßnahmen zu ergreifen“, so Mummenthey.

KATHLEEN SPILOK

Von Kathleen Spilok
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