Umwelttechnik 27.10.2000, 17:27 Uhr

Der Kampf mit dem Schraubenzieher

Elektro- und Elektronikgeräte sind Stiefkinder der Kreislaufwirtschaft. Bislang kümmert es viele Hersteller nicht, ob sich ihre Produkte wieder verwerten lassen. Die Umsetzung der geplanten EU-Richtlinie allerdings fordert innovative Ansätze bei Konstruktion und Recycling.

Ioan Revnic ist ein geduldiger Mensch. Das ist auch gut so, denn sonst hätte er wahrscheinlich schon manches Mal zum Hammer gegriffen, wo eigentlich ein Schraubenzieher notwendig ist. Gerade hat der Maschinenbauer an der Technischen Universität Braunschweig den vierten Schraubenschlüssel getestet, um eine Leiterplatte aus einem Fernseher zu lösen: „Wir haben in diesem Gerät sechs verschiedene Schraubverbindungen, so dass wir ständig andere Werkzeuge brauchen.“ Hinzu kommen Klammern, die der Wissenschaftler mit Gewalt lösen muss, Klebeverbindungen, die verschiedene Teile untrennbar verbinden. Acht Leiterplatten sind im Gerät verteilt, ein oder zwei große hätten es auch getan. Von den Kunststoffen ist kein einziger gekennzeichnet. „Die können nur noch auf die Deponie oder in die Müllverbrennungsanlage“, weiß Revnic.
Die Braunschweiger Arbeitsgruppe legt von jeder Demontage ein Protokoll an. Die gewonnenen Daten sind Grundlage für eine Software, die das Team gemeinsam mit der südkoreanischen Firma LG Electronics entwickelt hat. ATROiD (Assessment Tool for Recycling Oriented Design) hilft dem Hersteller, recyclingfreundliche Produkte zu konstruieren. „Es gibt drei Ebenen“, erläutert Revnics Kollege Karsten von Westernhagen, „einmal die Bewertung eines Produktentwurfes, dann die Analyse der Schwachstellen und schließlich die Frage, wie ich mein Produkt gezielt verbessern kann.“ Die Braunschweiger haben zum Beispiel einen Staubsauger gecheckt. 49 Bauteile, Verbindungstechniken und Aufbau des Gerätes sind genau beschrieben. Von Westernhagen klickt Symbole an, flugs berechnet die Software die gesamte Zerlegedauer, die Demontagezeit pro Bauteil und die optimale Demontagetiefe.
Auf der Analyseebene ist jedem Bauteil ein einfacher Farbcode von rot bis grün zugeordnet. „Grün bedeutet, eine neue Konstruktion ist nicht notwendig, rot heißt, hier sollte unbedingt etwas geändert werden“, erklärt von Westernhagen. ATROiD schlägt für jedes gewünschte Bauteil Verbesserungen vor, z. B. besser recyclierbare Kunststoffe, leichter lösbare Verbindungen, Kennzeichnungsregeln.
Obwohl seit vielen Jahren über das E-Schrott-Recycling diskutiert wird, hat sich wenig getan. „Die meisten Hersteller sind im Moment nur daran interessiert, ihre Produkte möglichst preisgünstig und ohne Geschrei zu entsorgen“, meint Peter Didszun, Geschäftsführer der RDE-Reichart Dienstleistungen und Elektronik Schrott GmbH in Pulheim. Doch es gibt auch positive Beispiele. So betreibt die Fujitsu-Siemens Computer GmbH seit zehn Jahren in Paderborn ein eigenes Wiederverwertungs- und Recyclingwerk. Siemens ist neben IBM der einzige Hersteller in Deutschland, der werkseigene Elektrogeräte recycliert. Ungefähr 15 % der Siemens-Altgeräte werden wieder verkauft oder als Baugruppen wie Netzteil, Rechner oder Chip wieder verwendet. Rund zwei Drittel werden zerlegt und stofflich verwertet. „Das ist leider die größte Fraktion“, bedauert Werksleiter Peter Burgdorf.
Allerdings erreicht er insgesamt einen Verwertungsgrad von über 80 % (bei jährlich 5000 t bis 7000 t), gut 15 % mehr, als die EU-Kommission fordert, der Rest wandert auf die Deponie. Die hohe Quote wird erreicht, weil rund die Hälfte der Kunststoffe und die Bildröhren wieder verwertet werden. Bis vor kurzem wurde das bleihaltige Bildröhrenglas ausschließlich in Bleihütten eingeschmolzen. Doch neuerdings setzen es zwei Hersteller wieder zur Bildröhrenproduktion ein. Kunststoffe werden durch eine europaweit einmalige Maschine automatisch erkannt und sortiert. Rentabel ist das nur bedingt. Burgdorf: „Bei einigen Kunststoffen sind die Kosten zur Herstellung des Mahlguts teurer als der Erlös.“ F. POTT

Von F. Pott
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