Umwelt 03.08.2001, 17:30 Uhr

Der berechenbare Ätna

Seine Eruptionen sind, verglichen beispielsweise mit denen des Vesuvs, eher zahm. Die Ursache dafür liegt in der unterschiedlichen Chemie am Entstehungsort der Gesteinsschmelzen in 100 km Tiefe.

Ich segne diesen Berg und rufe die Barmherzigkeit Gottes an, auf dass sich die Krater schließen.“ Ob es an der Predigt von Erzbischof Luigi Bommarito von Catania am vergangenen Sonntag bei einer Messe am Fuße des Ätna gelegen hat, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass sich die Lage rund um den Vulkan in den letzten Tagen weitgehend entspannt hat. Zuvor waren 70 m hohe Lavafontänen in den Himmel gestiegen, hatten sich bis 400 m breite Lavaströme die Hänge hinab auf die Ortschaften Nicolosi und Belpasso zugewälzt.

„Dennoch ist der Ätna ein sehr berechenbarer Vulkan“, sagt der Vulkanologe Boris Behncke von der Universität Catania. Durch ihre chemische Zusammensetzung fließt die Lava so langsam an den Kraterrändern abwärts, dass sich die Menschen stets retten können. Behncke kennt sein Studienobjekt, denn der Ätna gilt neben dem Kilauea auf Hawaii und dem Mount St. Helens in den USA als best­untersuchter Vulkan der Welt.

Unter den mehr als 500 Vulkanen der Erde zählt der Ätna, Europas größter tätiger Vulkan, zu den aktivsten Feuerbergen. Seine jüngste Eruptionsphase begann am 17. Juli mit einem seitlichen Ausbruch, dem ersten seit knapp zehn Jahren. In den folgenden zwei Tagen flossen mehrere Lavaströme aus Seitenspalten talwärts. Da die Lavaströme vor den angrenzenden Ortschaften zum Stillstand gekommen und abgekühlt sind, gilt nunmehr die größte Sorge einer Gruppe von Gebäuden, die als Ausgangspunkt für Ausflüge dienen. Am schlimmsten traf es die Skiliftanlage und die Seilbahn, die teils von der Lava umflossen wurden, teils völlig im Strom der Gesteinsschmelze untergingen.

Die derzeitige Aktivität des Ätna ist ein Indiz dafür, dass er gerade erst den erdgeschichtlichen Kinderschuhen entwachsen ist. Möglicherweise haben Generationen steinzeitlicher Menschen das Werden des sizilianischen Wahrzeichens vom Festland aus verfolgen können. Vor etwa 600 000 Jahren regte sich der Feuerberg erstmals in einem flachen Meeresgebiet. Damals flossen die Lavamassen noch direkt ins Mittelmeer. Erst vor rund 100 000 Jahren entwickelte sich durch wiederholte Ausbrüche von Aschen und Lava die stattliche Figur des Feuerbergs. Nacheinander entstanden so fünf große Schichtvulkane nebeneinander, von denen der heute aktive Ätna gerade einmal 3000 Jahre alt ist.

Der Ätna ist ein Grenzgänger. „In unmittelbarer Nachbarschaft verläuft quer durch Sizilien die Grenze zwischen der Eurasischen und der Afrikanischen Platte“, erläutert Dr. Mauro Coltelli vom Internationalen Vulkanologischen Institut in Catania. Beide Platten gleiten dort, angetrieben durch heiße Materialströme im Erdinneren, wie Eisschollen seitlich aneinander vorbei. Doch diese Bewegung geht nicht ohne Störungen ab: Die Platten verhaken sich so lange ineinander, bis sich die Spannung plötzlich in Erdbeben entlädt und beide Kontinentalschollen ihre Reise fortsetzen können. Mehr noch: Rund um die Grenze zwischen Afrikanischer und Eurasischer Platte haben Geologen eine ganze Schar weiterer Erdkrustenbruchstücke ausfindig machen können, die in vier Hauptrichtungen von den Platten regelrecht abgebröckelt sind.

Am Schnittpunkt mehrerer solcher Linien hat sich im Laufe der Zeit der Ätna aufgetürmt. Aus den kilometertiefen Dehnungsfugen entweichen selbst in Ruhephasen des Vulkans ununterbrochen Gase aus dem Erdinneren. Das ist ein großer Vorteil für die Lebewesen rund um den Vulkan, weiß Coltelli: „Wie in einem leicht geöffneten Kochtopf bleibt dadurch der Dampfdruck so niedrig, dass es zu keinen katastrophalen Aufsprengungen des Vulkans kommen kann.“

Die Berechenbarkeit der vulkanischen Aktivität führen Forscher wie Behncke und Coltelli aber nicht nur auf die Entgasung zurück. Die eigentliche Ursache liegt in 70 km bis 120 km Tiefe. Dort bilden sich aus dem festen Gestein des Erdmantels basaltische Schmelzen mit einer Temperatur von mehr als 1500 °C. Da diese Magmen leichter sind als das umgebende Gestein, kommt es in zahllosen kleinen Hohlräumen zum Auftrieb. Das besondere an der Gesteinsschmelze des Ätna ist ihre Gasarmut, weil der Erdmantel in dieser Region an solchen Bestandteilen verarmt ist.

Völlig anders ist die Situation unter dem nur 300 km entfernten Vesuv: Dort fließt nur selten Lava aus, weil der hohe Gasanteil des Magmas wie beim Entkorken einer durchgeschüttelten Sektflasche die Schmelze bei der Eruption explosionsartig aufschäumen lässt. Das Ergebnis sind katastrophale Vulkanausbrüche wie im Jahr 79, als Pompeji durch einen Aschestrom vom Vesuv völlig verwüstet wurde.

Wann dem vergleichsweise friedliebenden Ätna der Nachschub für seine Lavaströme ausgeht, vermögen die Experten noch nicht zu sagen. Erst wenn der Feuerberg seinen 2 km unter dem Vulkangipfel gelegenen See aus Gesteinsschmelze über seine zwei Hauptkanäle zum Schlot einigermaßen leergepumpt habe, werde auch die Eruptionstätigkeit versiegen.

HOLGER WÜSTEFELD

Schwefeldioxid-Wolke so groß wie Deutschland

Saure Luft nach Afrika

Seit Mitte Juli richten sich nicht nur die Augen der Öffentlichkeit auf den Ätna, sondern auch die Messinstrumente an Bord des europäischen Umweltsatelliten ERS-2. Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen untersuchen mit dem 1995 gestarteten und in 800 km Höhe kreisenden „European Remote Sensing Satellite“ die Umweltauswirkungen der Ätna-Ausbrüche. Bei seinen massiven Eruptionen schleuderte der Ätna neben Lava und Asche auch Gase bis in eine Höhe von 5 km. Die DLR-Experten haben mit einem Spurengas-Messgerät über einem Gebiet von rund 350 000 km2 die annähernd zehnfache Menge an Schwefeldioxid (SO2) als üblich in der Luft nachgewiesen. Damit erreicht die Abgasfahne des Vulkans annähernd die Größe der Bundesrepublik Deutschland (Bild links). Die Wolke mit der giftigen Schwefelverbindung, die für den sauren Regen mitverantwortlich ist, liegt derzeit südöstlich von Sizilien und driftet durch die seit Tagen vorherrschenden Winde nach Nordostafrika. Dort wurde sie von den Forschern bereits in der rund 1000 km entfernten Libyschen Wüste nachgewiesen. HW

Von Harald Weiss
Von Harald Weiss

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