Umwelttechnik 28.03.2008, 20:33 Uhr

Deponiepark mit Bio-Faktor  

Wie Phönix aus der Asche entstand europaweit einer der vielfältigsten Standorte für umweltfreundliche und wirtschaftliche Abfallbehandlung. Abfälle werden zum einen in wertvolle Rohstoffe verwandelt, zum anderen auch zur Energieerzeugung genutzt. Und die Deponie wird der Natur zurückgegeben.

Weinrebenhänge als Bote des nahen Rheingaus, Felder und Wiesen: Über 30 Jahre Müllablagerung haben diese Landschaft schwer verwundet. Rund 11 Mio. m3 Hausmüll, Klärschlamm und Gewerbemüll türmen sich zu einer unwirtlichen Mondlandschaft. An deren Modellierung wird kräftig gearbeitet.

Hie und da lugen noch Abfallreste aus den Müllbergen der Rhein-Main-Deponie Wicker. Nicht mehr allzu lange. Bis 2015 soll die einst wichtigste Entsorgungsanlage des Rhein-Main-Gebietes zwischen Frankfurt und Wiesbaden saniert und rekultiviert sein.

Das Aus für stinkende Müllkippen 2005 läutete eine Wende der Abfallwirtschaft ein. Bundesweit darf seitdem kein unbehandelter Müll mehr deponiert werden. Zwar karren Müllfahrzeuge nach wie vor Hausmüll zur Rhein-Main-Deponie in Flörsheim-Wicker, wo er jedoch in große Lkw verladen zu Müllverbrennungsanlagen benachbarter Kommunen gefahren wird.

Zurück kehrt der verbrannte Müll in Form von Rohschlacke, die auf dem Deponiegelände aufbereitet wird. Der aussortierte Metallschrott wandert wieder in Hüttenwerke. Die mausgraue recycelte mineralische Schlacke wird neben Erdaushub und Baureststoffen dringend zum Verfüllen der Deponie gebraucht. Insgesamt 6 Mio. t Material verschlingt die Verwandlung der Müllkippe in einen wohl geformten, abgedichteten Hügel.

Ressourcen schonen, Abfälle verwerten, so die Grundsätze der Rhein-Main-Deponie GmbH, die gemeinsam mit der Main-Taunus-Recycling GmbH (MTR) und der Rhein-Main Deponienachsorge GmbH (RMN) das Entsorgungsprojekt stemmt. Neue Technologien ermöglichten die Entwicklung der Deponie zu einem modernen, der Umwelt verpflichteten Recycling- und Energiepark mit ca. 150 Beschäftigten.

RMD-Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Jürgen Hielscher stellt fest, „dass die Deponie in Flörsheim-Wicker zu einem internationalen Vorzeigeprojekt geworden ist.“ Landwirtschaftliche Flächen und 3000 neu gepflanzte Obstbäume, deren Früchte von Bioherstellern versaftet werden, sollen für Ausgleich zur eigentlichen 84 ha großen Deponie sorgen.

Am Deponiestandort arbeiten heute 14 Spezialfirmen der Abfallbranche, ohne deren Know-how die breite Palette an Anlagen gar nicht abzudecken wäre. Bis zu 3 Mio. t Abfälle, Wertstoffe und Baumaterialien werden jährlich bewegt und zu etwa 85 % wieder verwertet.

Anlagen zur Wertstoffsortierung, Schlacke- und Altholzaufbereitung sowie Bodenbehandlung wuchsen aus dem Müll. Bauschutt bereitet demnächst eine mobile Brecheranlage auf.

Allein das biologische Bodenbehandlungszentrum für die Reinigung von jährlich 200 000 t Erdreich gründet auf einer 10 m dicken Restmüllschicht. Damit die Fundamente sich nicht in die Asphaltabdichtung bohren, ruht das Gebäude auf nur lose aufgestellten Betonklötzen. Diese lassen sich hydraulisch nachjustieren, wenn der Müll sich setzt.

Unter den Zeltdächern des Industriebaus betreiben drei mittelständische Betriebe drei Anlagen: Bei der biologischen Bodenreinigung vernichten Mikroorganismen die Schadstoffe kontaminierten Erdreichs. Im Inertstoffelager bleibt Baustellenaushub so lange zwischengelagert, bis dessen Entsorgung geklärt ist. Und bei der Immobilisierung werden pastöse Abfälle, z. B. aus Gießereien, mit Asche und Zement derart stabilisiert, dass sie ebenfalls für Deponieeinbau zu verwenden sind.

Üble Geruchsbelästigungen, Proteste in umliegenden Gemeinden – das war einmal. Seit Längerem wird das Deponiegas, hauptsächlich CO2 und das besonders umweltschädliche Methangas (CH4), im Deponiegaskraftwerk zur Stromerzeugung genutzt. 50 % bis 70 % der im Deponiekörper entstehenden Gase können erfasst werden. „Wir sind ziemlich gut. Die Emissionen sind gering“, berichtet Andreas Saal, Abteilungsleiter Deponienachsorge.

In den letzten Jahren kam neben dem Recycling ein neues wirtschaftliches Standbein hinzu: der Ausbau erneuerbarer Energien. Abfall zu Strom machen – das brachte 2007 den Solarpreis der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien Eurosolar.

Außer der hochmodernen Aufbereitung von Ersatzbrennstoffen für Kohlekraftwerke und Zementindustrie werden im Biomassekraftwerk jährlich rund 90 000 t Altholz in Ökostrom umgewandelt. Auch Sonnenenergie wird genutzt. Den bereits rekultivierten Deponiehügel überspannt eine rund 20 000 m² große Photovoltaikanlage. Die Modulständer sind so hoch, dass Schafe darunter weiden können.

Die nächste Innovation steht schon in den Startlöchern. Demnächst geht eines der größten und modernsten Biogaskraftwerke Europas in Betrieb, das 45 000 t organischer Abfälle im Jahr in Strom und Kompostdünger verwandeln wird.

Während die Energieerzeugung eine immer größere Rolle spielt, sieht die Deponie zwar ihrem Ende entgegen. Doch auch nach Abschluss der technisch aufwendigen Sanierung und Rekultivierung wird die Nachsorge mindestens bis 2047 dauern. Steinschmätzer, Ödlandschreck und andere bedrohte Tierarten warten so lange nicht. Sie haben die karge Deponie längst für sich entdeckt. Auch Störche brüten schon im Feuchtgebiet.

CARLA REGGE

6 Mio. t Material verwandeln die Müllkippe in einen wohl geformten Hügel

Ein Beitrag von:

  • Carla Regge

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