Umwelt 28.07.2006, 19:23 Uhr

Das dümpelnde Sondermülldepot  

Hunderte von Tonnen Asbest sollen noch an Bord sein, und in Europa gibt es angeblich keine Möglichkeit, es ordnungsgemäß abzuwracken.

Admiral Alain Oudot de Dainville sprach Ende Mai von einem „Elektroschock“, der die Europäer ereilt habe der „Fall“ zwinge sie eine Lösung zu suchen. Der „Fall“, den der französische Admiral meinte, heißt „Clemenceau“, war als Flugzeugträger französisches Vorzeigeschiff und brachte es im Frühjahr während einer monatelangen Irrfahrt zu weltweiten Schlagzeilen.

Das Problem, der „Fall“: Wie entsorge ich riesige Schiffe – wie die Clemenceau – von mehr als 5000 t, die vollgestopft sind mit Asbest und anderen giftigen Materialien? Derzeit sei kein Land in Europa in der Lage ,Schiffe dieser Größenordnung zu entsorgen, hieß es auf einem Treffen elf europäischer Staaten in Paris. Es gibt noch mehr Clemenceaus. Admiral Hubert Jouot erklärte, in Frankreich würden bis 2015 rund 80 Schiffe das Ende der Dienstzeit erreichen, in Großbritannien seien es 30 Schiffe bis 2013.

Bislang landeten viele dieser Fälle in Indien auf dem berüchtigten Schiffsfriedhof von Alang, an dessen Stränden Männer und Frauen mit unzureichender Ausrüstung, Mitteln und Methoden alles abwracken, was dorthin gelangt.

Die Irrfahrt der Clemenceau begann am 31. Dezember 2005 im Mittelmeerhafen Toulon. Von dort aus sollte es nach Alang gehen, zwecks Verschrottung vor Ort bei Shree Ram Vessels Scrap Ltd. Doch die Umweltorganisation Greenpeace begleitete die Odyssee seitdem mit Protestaktionen: Es seien nicht 45 t Asbest an Bord, wie die französischen Offiziellen behaupteten, sondern zwischen 500 t und 1000 t.

Am 6. Januar befindet der Oberste Indische Gerichtshof ein Kommen der Clemenceau als negativ; das sei Giftmüll und kein Schiffsrumpf. Am 12. Januar blockierten die ägyptischen Behörden wegen Umweltbedenken die Einfahrt in den Kanal, am 21. Januar durfte die Clemenceau passieren, nachdem Frankreich an Ägypten nochmals 200 000 € bezahlte.

Am 13. Februar 2006 verweigerte der Oberste Gerichtshof Indiens dann dem Schiff wegen unklarer Gefahrenlage für Gesundheit und Umwelt die Einreise in indische Hoheitsgewässer. Daraufhin blies Präsident Jaques Chirac kurz vor einem anstehenden Indienbesuch zum Rückzug. Die Clemenceau kehrte am 15. Mai um, retour nach Brest, den Ort, wo sie 1957 vom Stapel lief.

Ein neues Gutachten soll klären, welche Mengen welcher Giftstoffe an Bord vorhanden sind. Mit dem Ende der Expertise wird nach Angaben von Greenpeace Frankreich noch in diesem Monat gerechnet. Dann kann der Verkauf eingeleitet werden, die französische Verteidigungsministerin Michelle Alliot-Marie trifft die Entscheidungen. Im Herbst sollen Ausschreibungen folgen.

Doch nicht nur das Schiff hat eine Odyssee hinter sich, der Fall Clemenceau ist eine Irrfahrt der Informationen. So wurde es am 14. April 2003 zur Verschrottung an das Konsortium Ship Decommissioning Industries (SDI) verkauft, das von der deutsche Eckhart Marine GmbH geführt wurde.

Der Asbest im Rumpf wurde noch in Toulon von Technopure, einem auf Industrieentgiftung spezialisierten Subunternehmen der SDI, abgebaut. Am 28. Juni 2003 beginnt geht der Abbau. Laut den Verantwortlichen soll diese Aktion das Schiff von einer erheblichen Menge gefährlichen Asbests befreien. Umweltschützer haben damals Zweifel an der Darstellung des Staates.

Pikanterweise erklärte am 12. Februar 2006 das Verteidigungsministerium in Paris, dass von den offiziell 115 t Asbestmüll, die während dieses ersten Abbaus aus der Clemenceau entfernt wurden, 30 t fehlen. Sie seien wohl auf dem Weg zwischen dem Abbauort, dem Hafen von Toulon, und dem Lager in Bellegard verloren gegangen. Inzwischen untersuchen sechs Spezialisten der Gendarmerie in Marseille den Fall.

Die Clemenceau ist nicht das einzige Wrack dieser Art. Als zweite, ehemalige Berühmtheit, liegt zurzeit das ehedem längste Passagierschiff der Welt, die „Le France“, später „Norway“ genannt, vor Alang zur Verschrottung. Rainder Steenblock, Schifffahrtsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, fordert, das asbestverseuchte Kreuzfahrtschiff wieder nach Deutschland zu holen.

Die Zeit dränge, da eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes Indiens über eine Abwrackung des Schiffes für Ende Juli anstehe, sagte Steenblock am Freitag letzter Woche in Berlin. Die Norway verließ im Mai am Haken eines Hochseeschleppers Bremerhaven in Richtung Asien.

Die Wahrnehmung des Problems ist durchaus selektiv. Als die Clemenceau Mitte Mai wieder in Brest eintraf ,versenkte die US-Marine ihren Flugzeugträger „USS Oriskany“ vor der Küste Floridas, wo er zu einem künstlichen Riff werden soll. Auch für die Clemenceau war dies einmal geplant, vor Frioul, unweit von Marseille.

CORDELIA CHATON

STEPHAN W. EDER

Von Cordelia Chaton Stephan W. Eder
Von Cordelia Chaton Stephan W. Eder

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