Umwelt 18.12.2009, 19:44 Uhr

Computer und das Lied vom „Smong“ warnen vor Tsunamis  

Fünf Jahre nach dem Tsunami in Indonesien entstehen erste Strukturen eines Frühwarnsystems vor Ort – nicht zuletzt dank deutscher Hilfe. Doch die Integration vieler Regionen in das Warnsystem zieht sich hin. Die Menschen müssen sich deshalb auf ihre Erfahrung verlassen. VDI nachrichten, Aceh/Potsdam, 18. 12. 09, moc

Ein Traumstrand wie aus dem Bilderbuch: Hohe Palmen wiegen sich im Wind, Wasserbüffel stehen rechts und links der schmalen Straße im Schlamm, dahinter dicht bewaldete Hügel – die Insel Simeulue im indischen Ozean.

Doch die Idylle trügt. Am 26. 12. 04 rollt eine tödliche Welle auf Indonesien zu. An den Küsten des Indischen Ozeans kostet sie mehr als 230 000 Menschen das Leben.

Eine der ersten Inseln, die sie erreicht, ist Simeulue in der Provinz Aceh. Jasman hat die Riesenwelle überlebt. Nur zwei der insgesamt 78 000 Bewohner ertranken hier in den Fluten – der Grund war neben ihrem Glück auch der, dass sie sich auf die Erfahrung von Generationen verließen.

Keine 150 km entfernt hingegen, an der Küste Acehs, der am stärksten betroffenen Provinz Indonesiens, kamen wenige Minuten später mehr als 100 000 Menschen um.

Auch auf Simeulue hat der Tsunami Angst und Zerstörung hinterlassen. Ein Teil von Jasmans Hütte wurde von der Welle weggerissen, heute lebt er in einem Verhau aus Brettern, Bambus und Wellblech. Doch seine Familie und die unter den Bananenstauden herumtollenden Nachbarkinder sind wohlauf.

„Es war 8.15 Uhr, als das Erdbeben passierte“, erinnert sich der junge Vater, der seitdem die Pick-ups der Deutschen Welthungerhilfe fährt. „Ich war mit meiner Mutter und Schwester daheim. Wir haben im Brunnen nachgeschaut und gesehen, dass kein Wasser mehr drin war. Und meine Hühner sind wie wild herumgerannt.“

Jasman deutete die Zeichen richtig, raste mit Frau und Mutter auf dem Motorrad in die Berge. „Als wir gerade auf halbem Weg den Hügel rauf waren, haben wir gesehen, wie das Wasser unsere Hütte erreichte.“

Politiker weltweit, so auch die damalige deutsche Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, waren sich schnell einig: Die Region braucht ein Tsunami-Warnsystem, wie es das für den Pazifik schon seit über 50 Jahren gibt. Und Deutschland sollte dabei ganz vorn mitspielen.

2008 ging das System in Betrieb, entwickelt vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ), gemeinsam mit acht weiteren Institutionen, unter anderem der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Die Fäden des Projekts laufen zusammen bei Jörn Lauterjung vom GFZ. Der Geologe arbeitet auf dem Telegrafenberg, dem malerischen Forschungscampus oberhalb von Potsdam. Seit 1874 erforschen hier Wissenschaftler Erde und Atmosphäre, bis heute in Backsteinbauten aus dieser Zeit in einem parkartigen Gelände.

Wenn irgendwo in der Region des Indischen Ozeans die Erde bebt, wissen Lauterjung und seine Kollegen in Potsdam innerhalb von zwei, drei Minuten, wo sich das Beben ereignet hat und wie stark es war.

Die Software, die das leistet, ist eine Entwicklung des GFZ und steckt auch in den Rechnern der Tsunami-Warnzentrale in Jakarta (siehe Kasten). Bei starken Beben löst sie vorsorglich eine Tsunamimeldung aus – um gegebenenfalls nach weiteren Messungen Entwarnung zu geben.

„Um die Menschen an den Küsten zu warnen, nutzen wir die verschiedensten Wege: Radio, Fernsehen, SMS, fest geschaltete Telefonleitungen zu Polizeistationen, in manchen Gegenden sind Satellitentelefone extra für diesen Zweck installiert worden“, erklärt Lauterjung. Die Meldung landet dann in einer Polizeistation, beim Gouverneur oder Bürgermeister, der sie an die Bevölkerung weitergibt.

Doch das ist der Idealfall. In einigen indonesischen Küstendörfern gibt es aber nicht einmal eine verlässliche Stromversorgung und die Menschen sind damit beschäftigt, sich um ihren Lebensunterhalt zu kümmern – nicht um eine große Welle, die sie eventuell irgendwann bedrohen könnte.

Auch Jasman hat von dem Frühwarnsystem gehört. Freundlich lächelnd hockt er im einzigen Zimmer seiner Hütte, die er mit seiner Frau, seiner Mutter und seiner Tochter teilt. Natürlich würde es ihn freuen, wenn die Insel angeschlossen würde.

Doch die Realität liegt nur eine Viertelstunde entfernt, in der großen Bürgermeisterei, mitten auf einem matschigen Platz in Sinabang, Simeulues Hauptstadt. Interesse hätten sie schon, so die Beamten, aber „bisher war noch nicht genug Geld da, um einen Anschluss an das Warnsystem zu finanzieren“.

Jörn Lauterjung weiß, dass darüber hinaus noch viel Arbeit geleistet werden muss: „Die Mitarbeiter des Projekts gehen in Schulen, um die Kinder zu informieren, weil dies nach wie vor die beste Form der Kommunikation ist. Sie tragen die Information dann in ihre Familien.“

Entscheidend, so Henny Dwi Vidiarina, leitende Beraterin dieses Mammutprojektes in der Zentrale in Jakarta, „sind die lokalen Regierungen: ob sie die Warnung aus Jakarta empfangen können, ob sie sie verstehen und in eine Anleitung für die Betroffenen umsetzen können“.

Auch welche Technik die Küstendörfer letztlich nutzen, um die Warnung aus Jakarta zu verbreiten, bleibt ihnen überlassen.

So hat die GTZ sich vorerst drei unterschiedliche Pilotgebiete ausgesucht, die als Vorbild dienen könnten: eine ländliche Region auf Java, Padang als bevölkerungsreiches, städtisches Gebiet und Bali als Touristendomizil. In einigen Orten wurden die Lautsprecher der Moscheen ans Warnsystem angeschlossen, andere setzen auf Sirenen. In Gegenden mit unsicherer Stromversorgung sollen Menschen laut rufend mit Bambustrommeln durchs Dorf laufen, wenn der Alarm aus Jakarta eintrifft.

Aber wer entscheidet im Ernstfall vor Ort, ob der Alarm ausgelöst wird? Traditionell wäre das die Aufgabe des Dorfoberhaupts – aber der kann nicht 24 Stunden am Tag bereitstehen. „Die meisten Distrikte in Indonesien haben keine offizielle Institution, die die Warnung aus Jakarta empfängt“, sagt Henny Dwi Vidiarina, „von der Weiterverbreitung ganz zu schweigen.“

Unter dem Diktator Suharto gab es kein Katastrophenmanagement, und als man vor zehn Jahren begann, eine Demokratie aufzubauen, drängten zuerst andere Probleme. Derzeit würde eine Warnung aus Jakarta bei einigen Dorfoberhäuptern oder Mitarbeitern von Hilfsorganisationen eintreffen, erläutert Vidiarina, aber keiner von ihnen wäre berechtigt, eine Evakuierung anzuordnen.

So sind die Küstenbewohner nach wie vor in vielen Regionen allein auf sich gestellt, auf ihre Fähigkeit, die Gefahr eines Tsunamis selbst zu erkennen, wie Jasman und seine Familie auf der Insel Simeulue.

Dort kennt jeder die Warnzeichen für einen „Smong“, den „Ozean-an-Land“, wie sie es nennen. Über Generationen haben die Menschen ihr Wissen weitergegeben. Beliebte Geschichten und traditionelle Lieder erinnern an das Jahr 1907, als ein Tsunami fast zwei Drittel der Bevölkerung ins Meer riss und die Überlebenden ohne Hilfe auf der zerstörten Insel zurückließ. „Wenn die Erde bebt, und das Wasser sinkt, suche einen hohen Ort“, heißt es in einem Lied.

Und jedes Kind, erzählt Jasman, weiß auf Simeulue, dass sich vor einem „Smong“ das Wasser vom Strand zurückzieht, oder aus dem Brunnen, wie hinter Jasmans Hütte. „Wenn die Leute hier nicht sofort losgefahren und losgelaufen wären“, sagt er, „dann hätten viele die Welle nicht überlebt.“ Noch heute erinnert er sich, wenn er zu den tiefgrünen Hügeln hinter seiner Hütte hinaufschaut, wie er vor fünf Jahren da oben gestanden hat, und zusehen musste, wie große Teile seines Dorf davonschwammen.

JENNY VON SPERBER/RENATE ELL

Von Jenny Von Sperber/Renate Ell
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