Ernährung 09.02.2001, 17:28 Uhr

Boom im Schatten des Rinderwahnsinns

Die BSE-Krise verstärkt zwar den Trend, aber schon seit Jahren entwickeln sich die Essgewohnheiten der Westeuropäer deutlich in Richtung Tiefkühlkost. Und um deren Herstellung herum hat sich eine komplexe technische Infrastruktur entwickelt.

Bei dem Job muss man eigentlich ins Schwitzen kommen. 20 Kilo-Säcke Reis von der Palette wuchten, aufschneiden und auf“s Förderband kippen. Dann die Kartons mit den Fischwürfeln und den Shrimps, jeweils fünf Kilogramm schwer, dazu tütenweise Gemüse. Schließlich das Ganze auch noch im Akkord,7,5 Stunden am Tag.
Doch wenn seine Schicht beginnt, zieht sich Andreas Jankus besonders warm an, Thermokleidung und einen weißen Kittel drüber. Denn der 32-Jährige hat einen der kältesten Arbeitsplätze in Deutschland: 20º unter Null.
Es ist eine trockene Kälte in der Produktionsstraße der Bremerhavener Frosta AG, das macht sie erträglicher. In kleinen Wölkchen steigt der Atem aus Jankus Mund, während er einen Shrimps-Karton nach dem anderen auf das Band kippt. Denn seitdem die BSE-Krise Deutschland erschüttert, geht es bei Frosta besonders heiß her – die Nachfrage nach Tiefkühlkost aus Meeresprodukten steigt rasant.
„Ein Glück, dass wir unsere Fertigung gerade modernisiert haben“, freut sich Betriebsleiter Bernd Heise. Rund 40 Mio. DM hat Frosta als einer der führenden deutschen Hersteller für Tiefkühlkost gerade in den Standort Bremerhaven investiert. Herausgekommen ist ein Superlativ: der größte Kühlschrank Deutschlands.
Schon von weiten ist der weiße Klotz im Fischereihafen zu sehen. Rund 100 000 m3 Lebensmittel-Rohware fasst dieses neue Tiefkühl-Lager, in dem es noch ein bisschen kälter ist als an Jankus“ Arbeitsplatz : -280
Die Kühlung des Lagers erfolgt über Standluftverdampfer mit je 287 kW Kälteleistung, einer Kühlfläche von 1992 m2 und einem Luftvolumen von 141 250 m3/h. Das Kältemittel (Ammoniak) gelangt mit einer Temperatur von –380 in die Verdampfer, die Raumluft wird dabei im Wärmeaustausch auf –28o abgekühlt.
Überwacht wird die Anlage nicht nur aus dem zentralen Leitstand, sie kann auch per Modem aus der Ferne kontrolliert und gesteuert werden.
Menschen kommen in dem Tiefkühllager kaum noch vor. Der Computer regelt alles. Punktgenau steuert er vier gut 35 Meter hohe Regalbediengeräte mit einer Geschwindigkeit von 3 m/s horizontal durch die Fußballfeld große Halle genauso schnell flitzen die Transportgeräte senkrecht die blauen Säulen hinauf, greifen sich eine Palette.
Über eine geschlossene Brücke wandern die Zutaten aus ihren eisigen Regalen dann auf einem Transportband in die Produktionshalle. Hier werden sie von Jankus und seine Kollegen übernommen. Bis zu 40 sind das pro Schicht, verteilt auf 15 Produktionslinien.
Ob er selbst noch Paella mag, obwohl er sie Tag für Tag tonnenweise zusammen mixt? „Na klar“, lacht Jankus, „ich rieche und schmecke ja nicht, was ich hier mache.“
Wegen der klirrenden Kälte sind Reis, Fischwürfel und Shrimps mit einem dünnen Rauhreif überzogen auch die Paprikastücke glänzen nicht so schön wie auf dem Markt. Dafür ist die schockgefrorene Ware absolut frisch.
Vom Fließband, auf dem Jankus die Zutaten verteilt, fallen sie in eine Art überdimensionale Betonmischmaschine aus Edelstahl. „Vorsicht, nicht anfassen“, warnt Jankus – an dem eisigen Metall kleben ungeschützte Finger sofort fest.
An die 200 kg Zutaten fasst die gewaltige Trommel, vier Tonnen Paella können hier pro Stunde zusammengerührt und anschließend in 750-Gramm-Beuteln verpackt werden.
Um das Fertiggericht zu würzen, hat Frosta ein eigenes Verfahren entwickelt. „Normalerweise wird einfach ein Klumpen gewürztes Fett hinzugefügt“, weiß Bernd Heise. Nicht so in Bremerhaven. Frosta lässt das Fett mit Stickstoff aus Düsen in die Trommel sprühen: „So wird der Geschmacksträger garantiert gleichmäßig verteilt“, verspricht Heise.
Ein paar Minuten rumpelt der Mischer vor sich hin, dann fällt die Masse ein Stockwerk tiefer in die vollautomatische Portionierungsanlage, wird aufs Gramm genau in Beutel gefüllt.
Trotz der Unmengen Zutaten die hier verarbeitet werden, ist alles blitzsauber. Die Wände sind weiß gekachelt, alle Maschinenteile blank polierter Edelstahl, auf dem kein noch so kleiner Fleck zu entdecken ist – und schon gar kein Eis. „Eis, so Heise, „wäre ein Hinweis auf Schmutz und den gibt es bei uns nicht.“
Bis zu 600 t Fertiggerichte produziert Frosta am Tag in zwei Schichten, alle 15 Produktionslinien in der Halle neben dem neuen Tiefkühlturm zusammen stoßen im Jahr 80 000t bis 90 000 t aus
Andreas Jankus legt eine kurze Teepause ein. Viel gesprochen wird in den Pausen nicht, jeder wartet darauf, dass ihm wieder warm wird. „Wir sind froh, wenn wir ins Warme kommen“, sagt Jankus, „auch wenn man sich an die Kälte schnell gewöhnt.“ Nur im Sommer wird es hart, dann kann der Temperatursprung vom Arbeitsplatz in den Feierabend schon mal 500 betragen.
Doch die Wärme, von der manche Mitarbeiter träumen, wäre für die Paellazutaten eine Katastrophe. „Die Kühlkette“ so Heise, „darf nicht unterbrochen werden.“ Vom Rohwaren-Lager bis zum Tiefkühlregal beim Händler dürfen die Produkte maximal 15 Minuten ungekühlt bleiben. Sonst droht ihnen ein heißes Ende in der Müllverbrennung.
Um das gilt es zu verhindern. „Der gnadenlose Kampf im Lebensmitteleinzelhandel wird allein über die Preise ausgetragen“, sagt Frosta-Vorstand Dr. Thomas Braumann. Als Hersteller kann man dem nur auf zwei Wegen begegnen: „Sparen, sparen, sparen. Oder Visionen für die Zukunft entwickeln, massiv investieren und Maßstäbe für die Produkte setzen.“
Für Andreas Jankus ist die Teepause vorbei. Für ihn heißt es wieder: Rein in die Kälte, ran an die Arbeit. WOLFGANG HEUMER

Frostige Mahlzeiten

Tiefkühlkost im Trend

VDI nachrichten, 9. 2. 01 – Die Verbraucher in Europa kaufen immer mehr Tiefkühlkost – auch unabhängig von der BSE-Krise. Der Gesamtabsatz kletterte nach Angaben des Deutschen Tiefkühlinstitutes 1999 europaweit um 2,6 % auf insgesamt 10,3 Mio. t. Die höchsten Zuwächse verzeichneten Spanien (6 %), Belgien (5 %) und Deutschland (4, %). Bezogen auf den Pro-Kopf-Verbrauch behauptete Dänemark seine Spitzenposition mit 40,8 Kg, gefolgt von Großbritannien mit 38,7 Kg. Deutschland belegte mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 26,6 Kg eine Position im Mittelfeld. heu

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Heumer

    Der Autor hat mehr als zehn Jahre als Redakteur und Redaktionsleiter für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet. Seit 1998 ist er freiberuflich mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Technik und Wissenschaft für Magazine, Agenturen, Tageszeitungen und fachlich geprägte Medien tätig.

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