Ernährung 25.03.2005, 18:37 Uhr

Bio-Karotte schlägt T-Bone-Steak  

Die Biobranche legt gewaltig zu. „Öko“ war einst ein hoffnungslos ideologisch überfrachtetes Thema. Doch aus dem freudlosen Häufchen Weltverbesserer, das schrumplige Äpfelchen aß und die Körnermühle in die Küche stellte, ist heute ein Megatrend der Gesellschaft geworden.

Hand aufs Herz: Wer hat das letzte Mal unter der Woche mittags im Kreise der Familie gegessen? Und wer hat noch Zeit, tagsüber in der Küche zu stehen? Ganz abgesehen davon: Wer kocht heutzutage noch den halben Morgen gut bürgerlich mit handgeschabten Spätzle und geschmorten Rouladen? Zu schwer für Schreibtischtäter, zu aufwändig für Berufstätige, zu ungesund für die Forever-Young-Fraktion. Außerdem: Zur echten Hausmannskost gehört die echte Hausfrau. Und die ist eine seltene Spezies geworden. Viele junge Frauen kriegen mit Ach und Krach ein Spiegelei zu Wege, dafür aber bringen sie ihre männlichen Altersgenossen dank besserer Bildung und beruflicher Qualifikation ins Schwitzen.

Die Biobranche profitiert von vielen Lebensstil- und Konsumenten-Trends, die die Gesellschaft laut Zukunftsinstitut in Kelkheim die nächsten Jahre verändern: „Gesunde Ernährung, eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Freizeit, ein Leben im Einklang mit der Natur – das sind heute die zentralen Sehnsüchte der Menschen“, so Trendpapst Matthias Horx. „Und Bio hat für diese Wünsche jede Menge zu bieten.“

Neue Arbeitsrhythmen, unregelmäßige Lebensführung, eine steigende Zahl an Single-Haushalten, die Notwendigkeit individueller Gesundheitsprävention und mehr berufstätige Frauen führen zur Veränderung der Essgewohnheiten. Die „gut bürgerliche Dreifaltigkeit“ auf deutschen Tellern – Fleisch, Grünzeug, Sättigungsbeilage – wird langsam kalt.

„Ernährung bedeutet einfach mehr als das Steak auf dem Teller oder der Apfel am Baum.“ Dies unterstreicht die Wiener Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler auf der BioFach in Nürnberg. Sie stellt in ihrem Buch „Was essen wir morgen?“ den Zusammenhang zwischen veränderten Essgewohnheiten und einem tief greifenden Wertewandel der Gesellschaft dar.

Zum Beispiel haben hierzulande regelmäßige Nine-to-five-Jobs nur noch gut die Hälfte aller Arbeitnehmer. Auf dem Vormarsch sind daher die so genannten „Quick-fine-dining-healthy-food-concepts“: Der Bedarf an schnellen, leckeren und gesunden Häppchen spiegelt genau die Werteverlagerung des Essers wider.

Die größte Veränderung überhaupt, so die Expertin, sei die Feminisierung der Esskultur – gegessen wird mehr und mehr, was Frauen bevorzugen. Zwar halten sie traditionell noch den Kochlöffel in der Hand, doch werden sie immer gebildeter. Sie wissen mehr über gesunde Ernährung und hohe Lebensmittelqualität, ebenso steigt ihr Einfluss auf das, was andere essen.

Auch wie man schlank bleibt oder wird, wissen Frauen besser als Männer, und dass die figurschonende ballaststoffreiche Faserkost von bester Qualität sein sollte. „Insbesondere in den höheren sozialen Schichten beobachten wir einen Mehrkonsum von Gemüse, Salaten, Obst und Fisch. Fleisch essen sie hingegen seltener“, so Rützler. Daran koppelt sich beispielsweise die Beliebtheit für farbenfroh-knackiges Asia-Food und verstärkt den Trend zu Bio-Lebensmitteln.

Viele Menschen haben genug von Lebensmittelskandalen, sie wünschen sich mehr Transparenz, um ohne Reue und ohne schlechtes Gewissen konsumieren zu können. Bio-Food symbolisiert daher eine Lebenshaltung einer kritischen Konsumentenschicht, die zunimmt.

In dieselbe Kerbe schlägt der sozialpolitische Sparkurs in Europa. Mittlerweile dämmert es vielen, dass sie in punkto Gesundheit selbst mehr Verantwortung übernehmen müssen, wenn sie ihre Lebensqualität in der „Silver Revolution“ erhalten wollen.

Heilende Kräfte der Natur, soziale und biologische Nachhaltigkeit und genüssliche Gaumenfreuden gehören inzwischen zusammen. Heute sind handgenähte Schuhe in den Bioläden dabei, die selbst gestrickten Pullis von einst zu verdrängen. Man gönnt sich das Besondere. In der globalisierten Welt erinnern sich dabei immer mehr Feinschmecker an das Unsterbliche des Einfachen und die kulinarischen Raffinessen aus der Region. Das Milchlamm vom Biohof, die alte Apfelsorte vom Wochenmarkt – kontrollierte Herkunft sorgt für Identität und Luxus pur. „Dieser moralische Hedonismus macht bereit, für ganzheitliche Lösungen mehr auszugeben“, so Rützler. Denn wer Essen als Stimmungsaufheller versteht, als Abenteuer für die Sinne, lässt sich nicht mit Billigprodukten abspeisen. ANGELIKA STEHLE

Die wichtigsten Food Trends

– Sensual oder Mood Food kommt der neuen Lust am Geschmack entgegen – Essen hilft beim Emotionsmanagement.

– Convenience Cooking bezeichnet die Art des ökonomischen Kochens mit vorgefertigten Produkten.

– Health Food bietet neue Strategien für bewusste Esser.

– Functional Food versteht Essen als Therapie im wachsenden Gesundheitsmarkt.

– DOC Food und Slow Food markieren die Sehnsucht nach „authentischen“, in handwerklicher Tradition hergestellter Lebensmittel.

– Hand Held Food bietet Häppchen für Eilige in einer sich weiter dynamisierenden Arbeits(zeit)kultur.

– Clean Food antwortet auf wachsende Ernährungsprobleme von Allergikern ebenso wie zunehmende neurotische Essmarotten.

– Cheap Basics bringen das Auseinanderdriften des Marktes in billige und Luxusprodukte zum Ausdruck.

– Ethic Food und Nature Food entsteht aus dem wachsenden Bewusstsein über die sozialen und ökologischen Folgen der westlichen Konsumgesellschaft.

Quelle: Hanni Rützler, Was essen wir morgen? 2004

Von Angelika Stehle
Von Angelika Stehle

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