Umwelt 20.08.1999, 17:22 Uhr

Bambuspilz wirbt für nachhaltiges Bauen

Die Umweltorganisation Zeri baut auf der Weltausstellung in Hannover einen emissionsfreien Bambus-Pavillon, der nach der Expo 2000 um die Welt reisen und nachhaltiges Bauen inspirieren soll.

Der Bau des Zeri-Pavillon gleicht der Reise zum Mond: bei beiden Vorhaben werden die technischen Möglichkeiten bis zum äußersten ausgereizt. So beschreibt Gunter Pauli, Gründer und Direktor der „Zero Emissions Research Initiative“ in Genf, was seine Organisation auf der hannoverschen Weltausstellung errichten wird: eine Null-Emissions-Konstruktion aus Bambus, Holz des in Kolumbien weit verbreiteten Arbolocobaumes, Kupfer aus alten Schlüsseln und Schlössern, Terracotta und Zement.
Wie ein Pilz mit einem breiten Dachvorsprung soll der offene Pavillon 14 m hoch und 40 m breit aus der Erde wachsen. Der kolumbianische Zeri-Architekt Simon Velez will damit „eine Metapher der Nachhaltigkeit schaffen, die einige der besten natürlichen Konstruktionsmaterialien zusammen mit ingeniösen menschlichen Erfindungen nutzt“.
Es lebt also, das Expo-Thema Mensch-Natur-Technik. Beinahe mythisch bezeichnet Velez seine Innovation als „Ehe zwischen organischen und anorganischen Materialien“. Die Pavillonwände bestehen aus Bambus, in den feiner Zement eingespritzt und mit Kupferbolzen befestigt wird. Dadurch erreicht das Material eine ähnliche Tragfähigkeit wie eine Stahl-Beton-Konstruktion, allerdings billiger, leichter und flexibler. Nur wenige Pfeiler aus Arboloco-Holz tragen das Gewicht des bis zu 9 m breiten Dachvorsprungs, der in dieser Größe mit einer Stahlkonstruktion nicht machbar wäre. Das Dach selbst besteht aus zementverstärktem Bambus.
Zur Jahrtausendwende will Zeri, die sich seit zwei Jahrzehnten mit der Wiederverwendung von Produktionsrückständen beschäftigt, der Öffentlichkeit demonstrieren, wie einzigartig die Stabilität von Bambus ist. Selbst Erdbeben soll die Bauweise standhalten. Während der großen Beben in Kolumbien im letzten Januar blieben fast alle Häuser unversehrt, die nach Velez“ Plänen gebaut worden waren. Das überzeugte offensichtlich die Kaffeefarmer der Region Quindio, die sich nun gemeinsam mit Velez im sozialen Wohnungsbau engagieren. Sie finanzieren ein 65 m2 großes Niedrigpreishaus nach Art des Expo-Pavillons. In nur drei Wochen wurde in diesem Frühling mit neuester japanischer Technologie für weniger als 5000 Dollar ein erstes Hausmodell errichtet, dem Zeri das Gütesiegel „ästhetisch, funktional, erdbebenresistent und umweltverträglich“ verlieh.
Das Expo-Vorbild dieses Preis-Leistungs-Wunders wird zwar aufwendiger insgesamt, soll aber trotzdem als billigster Pavillon in die Annalen der Weltausstellung 2000 eingehen. Die Hälfte seiner Gesamtkosten von rund 200 000 Dollar entstehen dadurch, daß die Konstruktion zerlegbar ist, ihre Einzelteile numeriert in 14 Containern um die Welt reisen und der Pavillon überall wieder aufgebaut werden kann. Denn ganz im Sinne der Nachhaltigkeit soll das Projekt über die Dauer der Expo hinaus die ökologische Phantasie der Architekten weltweit anregen.
Nur Japans Altpapier-Pavillon kann bislang ökonomisch und ökologisch mit dem Zeri-Haus konkurrieren (s. VDI-Nachrichten 42/98 vom 16. 10. 98). Und genauso wie Japan untermauert auch die Zeri ihren Entwurf mit einer ganzheitlichen Philosophie, die einer industriellen Revolution gleichkommen soll: Nicht mehr gegen, sondern mit den natürlichen Zyklen produzieren, heißt ihre Devise. Die Menschheit überlebe die nächsten Dekaden nur dann, wenn sie den kollektiven Willen zu ökologischem Verhalten aufbringe. Dazu gehöre primär die Einsicht, daß „Abfall“ nicht existiert, weil die Natur sinnlosen Abfall gar nicht kennt. Nachhaltigkeit müsse zum gesellschaftlichen Wert erhoben und von allen Schichten getragen werden. „Doch in der Wirtschaft muß die Revolution beginnen“, erklärt Pauli. „Denn sie produziert die meisten Umweltbelastungen, hat aber auch die größte soziale Macht.“
Das Zero-Emissions-Konzept will den Wandel von linearen zu integrativen Produktions-Modellen beschleunigen, Ökonomie und Ökologie versöhnen mit dem Ziel, den Produktions-Input zu verkleinern und den Output zu vergrößern. Diese Ökovision soll durch den Zusammenschluß industrieller Partner umgesetzt werden, die gegenseitig ihre jeweiligen Abfälle nutzen und vom Produktionsumfang her ungefähr identische Größe besitzen. Wo entsprechendes Recycling und industrielle Clusterbildung fehlen, sollen Forschung und technologisches Know-how die Räder dieser „Revolution“ antreiben.
Besucher des Zeri-Pavillons sollen erleben, daß es sich lohnt, aktiv zu werden. Sie können eigene Vorstellungen mit den Zeri-Engagierten entwickeln. Sie können den nachwachsenden Rohstoff Bambus, der von der Ernte bis zum fertigen Baumaterial fünf Bearbeitungsmonate benötigt, in einem Baukasten mit einem 1:100-Modell des Pavillons nach Hause mitnehmen. Sie können die nächste Generation mit der ökologischen Herausforderung vertraut machen: Ein Kinderbuch berichtet über alternative Baumaterialien, ihre Herkunft und ihre Eigenschaften.
Wer nicht nach Hannover kommen kann, zu dem wird der Pavillon reisen. In Paris und Tokio wird er seine ersten Comebacks nach Hannover erleben. Und im Internet wird er virtuell gegenwärtig sein. Digitale Chats sollen den Kontakt zum Zeri-Netzwerk vertiefen. „Im worlwide web können wir unsere Modelle vorstellen und die Welt einladen, einen kritischen Onlinedialog zu führen und Zero-Emissions ständig weiter zu optimieren“, hofft Zeri-Aktivist Anders Karlsson.
Wer mitmacht wird erfahren, daß Entscheidungen für umweltfreundliches Bauen quasi automatisch einen Positivtrend einleiten. So kann Bambusanbau im großen Stil die in tropischen Regionen fast allenthalben entstandene Rodungserosion eindämmen. Auch ökonomisch ist Zeri auf dem richtigen Weg, da sie aus weniger mehr machen will. Karlsson erklärt Zero-Emissions zum neuen Effektivitätsstandard: Nach den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital folge nun die Ära der intensiven Rohstoffnutzung, die neue Arbeitsplätze generiere.
Hoffentlich wird auf der Expo 2000 keiner der 150 Automaten für Cola in Dosen in unmittelbarer Nähe des Zeri-Pavillons aufgestellt. RUTH KUNTZ-BRUNNER/wip
Der Bambuspilz für die Expo 2000: Die Trägfähigkeit der Bambusstangen übertrifft sogar Stahl. Der Dachüberstand von 9 m wäre, so die Zeri, mit keinem anderen Material in dieser Form machbar.

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