Umwelttechnik 08.01.1999, 17:20 Uhr

Bald Autowracks im Hochofen?

Am ehemaligen Krupp-Standort Duisburg-Rheinhausen soll aus den Wracks wieder Stahl gewonnen werden.

Es ist kalt an diesem Wintermorgen in Rheinhausen. Bitterkalt. Der Wind pfeift durch die offenen Tore des Stahlwerks, das schon seit 1993 keinen Stahl mehr produziert. Er knickt die Gräser, die selbst an diesem kargen Standort noch genügend Krume finden. Und er tobt um die schwarzen Hochöfen, um deretwillen Arbeiter 1987 einen beispiellosen Arbeitskampf führten, der den Krupp-Standort Rheinhausen bundesweit bekannt machte. Wolfgang Mudersbach scheint die Kälte nichts auszumachen. Er kennt sich hier aus, ist fast schon vertraut mit der düsteren Stimmung, die von den gewaltigen Industrieruinen ausgeht. „Ich war ja auch bei Krupp, damals.“ Vielleicht ist der studierte Eisenhüttenkundler aus Rheinberg ja deshalb so von der Vorstellung begeistert, daß man Rheinhausen wiederbeleben könnte, daß hier in zwei bis drei Jahren wieder Stahl produziert wird. Und zwar aus Autowracks. Über 3 Mio. Autos werden jährlich in Deutschland verschrottet. Für deren Entsorgung gibt es keine gesetzliche Regelung, die Selbstverpflichtung der Hersteller zur Rücknahme von Altautos erfaßt erst Modelle ab Baujahr 1997. So werden die Wagen üblicherweise ausgeschlachtet und nichtverwertbare Anteile durch den Schredder gejagt. Was übrigbleibt, ist der sogenannte Schredderleichtmüll, und den will niemand gerne haben. Problematisch bei dessen Entsorgung sind vor allem enthaltene Schwermetalle und organische Schadstoffe, daneben die Vielzahl der Kunststoffe. Moderne Demontageanlagen können zwar die Recyclingquote erhöhen – „da aber alles von Hand gemacht wird, rechnet sich das nicht“, so Dr. Dirk Textor, Leiter Entwicklung bei der Abfallentsorgungsgesellschaft Ruhrgebiet (AGR), Essen, die im Ruhrgebiet mehrere Demontage-Anlagen betreibt. Das wissen auch die Hersteller. „Wenn bis 2015 95 % eines Pkw wiederverwertet werden sollen, wie das die EU plant, müssen neue Lösungen gefunden werden“, heißt es bei Daimler-Benz. Bis auf das Brausen des Windes ist es still in Rheinhausen. Die wenigen Abbruchkräfte, die am Standort über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt sind, verlieren sich auf dem 210 ha großen Gelände, das seit Oktober vergangenen Jahres der Duisburger Hafengesellschaft gehört. Unerwartet biegen zwei Chinesen um die Ecke und neigen höflich ihre Köpfe beim Vorbeigehen. „Die wollen die Kohlemühle kaufen“, weiß Mudersbach. Daß Anlagen aus Rheinhausen nach der endgültigen Stillegung des Werks vor fünf Jahren in andere Länder verkauft wurden, war aber eher die Ausnahme. Krupp wollte zuviel Geld dafür, heißt es. So ist fast alles noch da, was man zur Stahlerzeugung braucht: Lagerhallen, Maschinen, Anlagen, nicht zuletzt die perfekte Infrastruktur mit Anschlüssen an Gleis, Straße und Rhein. Die will Wolfgang Mudersbach wieder nutzen. Gemeinsam mit neun anderen freiberuflichen Ingenieuren, die sich unter dem Namen „Human Engineering Environmental Products & Production“ (Heepp) zusammengeschlossen haben, entwickelte er eine Alternative: das „metallurgische Automobilrecycling“. Damit lassen sich Schrottautos vollständig verwerten, nichts landet auf der Sondermülldeponie. Schreddern wird überflüssig. Der Recyclingprozeß umfaßt drei Schritte. Zunächst werden die ausgemusterten Wagen auf brauchbare Ersatzteile durchforstet und kupferhaltige Teile entfernt, da Kupfer die Elastizität des Stahls stark mindert. Das Wrack wird einschließlich aller organischen Kunststoff- und Gummiteile zu einem Paket verpreßt, das im Herz der Anlage, dem Schachtofen, zusammen mit Koks und Kalk verfeuert wird. Dabei spielen die organischen Bestandteile eine Doppelrolle. Einerseits verkoken sie im oberen Teil des Ofens und liefern einen Teil der notwendigen Energie für die tieferliegende Heißzone, wo der Schrott bei über 2000 C schmilzt. Andererseits wirken die enthaltenen organischen Bestandteile wie ein chemisches Reduktionsmittel, das mit dem oxidierten Eisen reagiert. Im letzten Schritt gelangt die Stahlschmelze in einen unterhalb des Schachtofens liegenden Elektrolichtbogenofen. In diesem Ofen wird der flüssige Stahl für den folgenden Walz- und Gießprozeß kurzfristig auf rund 1600 C überhitzt. Da der Stahl bereits in flüssiger Form eingeleitet wird, liegt der Stromverbrauch bei rund einem Viertel dessen, was die Verarbeitung von festem Schrott verbraucht. Endprodukt sind bis zu 40 t Stahl pro Stunde, aus dem sich beispielsweise Stahlprofile für Strommasten, Betonstahl oder Leitplanken fertigen lassen. Die anfallende Schlacke kann im Straßenbau verwendet werden. Zink- und bleibelasteter Staub aus der Abgasreinigung werden zur Verhüttung genutzt. Mudersbachs Konzept könnte nicht nur drängende Entsorgungsprobleme lösen. Neben Altautos ließen sich auch Metallfraktionen aus der Abfallsortierung oder aus dem Elektronikschrottrecycling auf diese Weise entsorgen. „Es gäbe dem Stadtteil, in dem die Menschen jahrzehntelang von der Stahlerzeugung lebten, eine neue Perspektive im alten Wirtschaftsbereich“, betont Theo Steegmann, Geschäftsführer der Qualifizierungsgesellschaft Rheinhausen. Wie schwer es ist, die Leute in und um Rheinhausen wieder in Arbeit zu bekommen, weiß der ehemalige Krupp-Betriebsrat zur Genüge. Im Moment bekommt er gerade mal 220 Jobs als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme finanziert – ehemals beschäftigte der Standort 13 000 Kruppianer. Als nächsten Schritt planen die Heepp-Ingenieure die Bildung eines Arbeitskreises, der wesentliche Fragen klären soll: Lassen sich mit vertretbarem Aufwand genügend Schrottautos nach Rheinhausen bringen? Gibt es Stahlhändler und Stahlproduzenten in der Umgebung, die mitmachen? Wo sitzen mögliche Finanziers? Nach bisherigen Schätzungen würde die Realisierung des Konzeptes rund 67 Mio. DM kosten – davon rund die Hälfte für Stahlwerk, Stranggußanlage, Walzwerk und Werkstätten. Etwa 15 Mio. DM hat ein Unternehmer aus Kolumbien zugesagt. Denn die „Sideruurgica del norte industrias Colombia“ mit Sitz in Bogota betreibt seit rund einem Jahr einen ähnlichen Schachtofen und ist daran interessiert, auch im Ausland Fuß zu fassen. Eigentlich, so sagt sich Mudersbach, müßte dieses Konzept auch im eigenen Land Befürworter und Förderer finden: das Land Nordrhein-Westfalen, die Stadt Duisburg und das Arbeitsamt, schließlich entstünden 300 neue Arbeitsplätze. Oder all die Entsorgungsbetriebe, die spätestens, wenn die EU-Altautoverordnung in Kraft tritt, für den Berg von Altautos eine umweltverträgliche Lösung parat haben müssen. Nicht zuletzt die Stahl- und Baubranche als Abnehmer der Produkte. Bisher hat die AGR Interesse bekundet. „Das Konzept erscheint uns vielversprechend“, so Textor. Auch Ex-Betriebsrat Steegmann hat Unterstützung zugesagt. Bloß einer hat bereits abgewunken: die ehemaligen Besitzer, die heutige Thyssen-Krupp-Stahl AG. Für die ist Rheinhausen tot. Und das soll in deren Augen wohl auch so bleiben.
CHRISTA FRIEDL

Ein Beitrag von:

  • Christa Friedl

    Redakteurin VDI nachrichten. Fachgebiet: Umweltpolitik, Umwelttechnologien.

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