Regenwaldschutz per Smartphone 08.07.2014, 10:20 Uhr

Alte Telefone machen illegalen Holzfällern das Leben schwer

Der Regenwald ruft per Telefon um Hilfe – und er wird gehört. Was sich anhört wie eine skurrile Zukunftsvision, ist bereits Realität: Eine Gruppe junger Naturschützer hat ein System auf Basis ausgedienter Smartphones entwickelt, das illegale Holzfäller entdeckt und verrät. Nach erfolgreichen Tests in Indonesien soll das Projekt jetzt auf weitere Landstriche ausgedehnt werden.

Die Regenwälder gelten als grüne Lunge der Erde, und für unendlich viele Tier- und Pflanzenarten sind sie der Lebensraum. Allerdings verschwinden täglich große Flächen dieser Wälder unwiederbringlich, weil sie gerodet werden – wegen des Holzes, oder um Flächen für Ackerbau zu erhalten. 50 bis 90 Prozent dieser Abholzungen, schätzen Experten, sind illegal. Bisher hatten heimliche Holzfäller leichtes Spiel: Viele Rodungen werden erst nach Wochen oder Monaten entdeckt, zum Beispiel auf Satellitenbildern, bei Routinechecks oder durch Zufall. Wie auch immer: In der Regel ist es dann zu spät.

Abhörstationen lauschen auf Geräusche aus dem Regenwald

Das junge, gemeinnützige Unternehmen Rainforest Connection aus San Francisco will das jetzt ändern und baut ein Frühwarnsystem auf, das illegale Holzfäller auf frischer Tat ertappen hilft. Dafür setzen der 31-jährigen Physiker und Software-Entwickler Topher White und sein sechsköpfiges Team auf ausgediente Smartphones. Diese stecken sie in wasserdichte Hüllen, statten sie mit einem Audioüberwachungsprogramm aus und installieren sie in regelmäßigen Abständen nahezu unsichtbar in den Baumkronen des zu überwachenden Gebiets. Ein Gerät hat dabei eine Reichweite von etwa 1000 Metern, Strom kommt über ein Solarladegerät.

In regelmäßigen Abständen übermitteln die Smartphones Geräusche aus der Umgebung an einen Zentralserver, wofür sie das lokale Mobilfunknetz nutzen. Per Computer werden die Kurvenverläufe der Sounds dann analysiert. Sobald die Software den Klang einer Kettensäge entdeckt, berechnet sie anhand der Infos von weiteren Abhöranlagen den Tatort und schlägt per SMS Alarm bei den zuständigen Behörden, die die Holzfäller noch auf frischer Tat ertappt. Auch Wilderer können so aufgrund von Schüssen und Angstlauten ihrer Beute entdeckt werden.

Tests in Indonesien zeigten direkt Erfolg

Rainforest Connection hat das System jetzt im Kalaweit-Supayang-Naturschutzgebiet, einem Reservat für Gibbons im Westen der indonesischen Insel Sumatra, getestet. Im vergangenen Sommer montierten Topher White und seine Mitstreiter die ersten Smartphone-Abhöranlagen in den Bäumen des 135 Hektar großen Gebiets. Der Erfolg kann sich sehen lassen:  Innerhalb weniger Stunden hatten die Geräte illegale Holzfäller entdeckt und gemeldet. Es dauerte kaum zwei Wochen, bis kein Holzfäller mehr unerlaubt das Reservat betrat. Der Effekt halte bis heute an, so White. Die Auswirkung auf die weltweite CO2-Bilanz lasse sich sogar beziffern, rechnet er vor: „Jedes ausgediente Smartphone, das hilft, Rodungen zu verhindern, wiegt den Verzicht auf 3000 Autos auf.“

Jetzt soll das System auf ein 200.000 Hektar großes Regenwald-Areal in Kamerun übertragen werden. Dabei handelt es sich um den Lebensraum von bedrohten Tierarten, darunter Elefanten, Flachlandgorillas und Schimpansen. Direkt ab Start sollen 30 Abhöreinrichtungen ein rund 10.000 Hektar großes Gebiet abdecken. Weitere sollen auch in den Randbereichen des Waldes sowie an Straßen und Trampelpfaden angebracht werden, die Wilderer und illegale Holzfäller gern nutzen. So wollen die Initiatoren auch Bewegungen von Fahrzeugen, mit denen gefällte Bäume abtransportiert werden, überwachen. Dabei müssen sie illegale Aktionen von genehmigten Holzarbeiten unterscheiden: In dem zu überwachenden Gebiet gibt es auch offiziell beglaubigte Abholzungslizenzen, die eine Bauholzernte nach bestimmten, bestanderhaltenden Zeitplänen erlauben.

Weitere Regionen sollen mit Hilfe von Kickstarter folgen

Unterstützt wird dieses Projekt unter anderem von der Zoological Society of London (ZSL) sowie von der deutschen Förderbank KfW. Zusätzliche finanzielle Mittel für dieses Projekt und ein weiteres in Brasilien wollen die Naturschützer über Kickstarter auftreiben. Die Crowdfunding-Aktion soll 100.000 Dollar einbringen und läuft noch bis Ende Juli. Gut die Hälfte ist bereits geschafft. Auf Dauer will Rainforest Connection noch weitere Regionen mit dem Alarmsystem ausstatten.

Auf einen Faktor, der für den Erfolg der Überwachungsaktionen unbedingt notwendig ist, haben die Naturschützer jedoch keinen Einfluss, wie Lauren Redmore vom ZSL für den Fall einer Ausdehnung der Überwachungen zu bedenken gibt: „Das Handy-Datennetz könnte in abgelegenen Regionen ein limitierender Faktor sein.“

 

Von Judith Bexten

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