Erneuerbare Energien 27.03.2009, 20:40 Uhr

Alte Müllhalden wandeln sich zu Energieparks  

In stillgelegten Deponien schlummern nicht nur Gefahren für Mensch und Umwelt. Aufgrund der Lage fernab von Ansiedlungen bieten sie Potenzial für regenerative Konzepte. Die kommunale Abfallwirtschaft sucht aktiv den Zweitnutzen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 27. 3. 09, swe

In Hamburg-Georgswerder ragt Europas größte Industriemüllhalde um 40 m aus der Elbmarsch heraus. Bis zur Internationalen Bauausstellung (IBA) im Jahr 2013 soll sich die Deponie in einen Energieberg verwandelt haben. Ein Berg aus 7 Mio. t Haus- und Industriemüll, abgelagert zwischen 1948 und 1979.

Die Georgswerder Altdeponie hat ihre Tücken: Da der hermetisch abgeschlossene Giftcocktail, der unter anderem Dioxin enthält, so ziemlich alles zerfrisst, muss das Sickerwasser in Edelstahlbehältern aufgefangen und in Hochtemperaturöfen verbrannt werden. Das Deponiegas geht seit 1986 direkt in die Hochöfen der benachbarten Norddeutschen Affinerie AG.

Trotz des schwierigen Baugrundes ließ sich die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) auf ein Experiment ein. Schon vor 16 Jahren drehte sich auf Georgswerder das erste Windrad. „Wir hatten damals ein Gutachten eingeholt, das uns den wirtschaftlichen Betrieb von Windkraft bescheinigte“, erinnert sich Maren Otte von der BSU. Zwischen 1992 und 1996 wurden eine An-Bonus (150 kW) und zwei Tacke (500 kW) errichtet, von denen eine Vattenfall gehört. 2004 baute Repower am Fuß des Berges eine Anlage mit 1,5 MW Leistungsvermögen auf.

„Wir hatten damals Bauchschmerzen, dass die Turbinen umkippen. Da die Abdeckungen wegen der Gifte nicht durchbohrt werden durften, musste eine flache Lösung her“, sagt sie. Die Wahl fiel auf großflächige Fundamentplatten mit achteckiger Struktur und geringer Bodenpressung.

Um mögliche Schieflagen der Windtürme durch verrottungsbedingte Senkungen auszugleichen, wurden zwischen Stahlturm und Fundamentanschluss angekeilte Zwischenringe eingebaut. So hätten Hydraulikstempel Schieflagen von bis zu 3 % ausgleichen können. Zusätzlich wurden Messpegel und Pendel installiert, an denen sich Setzungen ablesen lassen. „Mit dem Konzept haben wir nachgewiesen, das Windkraft grundsätzlich auf Deponien funktioniert. Die Türme sind auf 20 m Höhe lediglich 2 cm aus dem Lot gegangen“, macht Maren Otto deutlich.

Seit den 90er-Jahren ist nachgewiesen, dass Windkraft auf Deponien grundsätzlich funktioniert

Ob das so bleibt, ist offen. Die Macher der Internationalen Bauausstellung (IBA) haben auf Georgswerder einiges vor. So sollen die alten Anlagen abgebaut und durch eine 3-MW-Turbine mit Aussichtsplattform in luftiger Höhe ersetzt werden. Der exponierte Südteil mit einer Hanglage von 40° ist für 10 000 m2 Photovoltaik reserviert. „Wir werden die Ausschreibungen und Baugrunduntersuchungen für den Energieberg abwarten und dann klären, ob die Behörde ihren Teil finanzieren kann“, sagt Otto.

Der Verband der kommunalen Abfallwirtschaft (VKS) hat in einer Publikation Beispiele für erneuerbare Energien auf Altdeponien zusammengefasst. Laut VKS sind 40 Photovoltaikanlagen mit 22 000 kW Spitzenleistung fertig oder in der Planung. „Abfallwirtschaftsbetriebe setzen sich aktiv für Klima- und Ressourcenschutz ein. Neben dem Deponiegas werden verstärkt Sonne, Wind oder Biomasse genutzt“, bestätigt der VKS-Vorstandsvorsitzende Rüdiger Siechau.

Die Rhein-Main-Deponie GmbH (RMD) verknüpft das Potenzial von stillgelegten Deponien mit dem Abfallgeschäft auf Recyclinghöfen oder an Annahmestellen. Drehscheibe ist die Altdeponie Wicker, auf der 11 Mio. m2 Hausmüll abgelagert wurden.

Eine Altdeponie wird zum größten Ökostromproduzenten im Rhein-Main-Gebiet

In einem Biogaskraftwerk werden 45 000 t organische Abfälle und in einem Biomasseheizkraftwerk 90 000 t Alt- hölzer in Strom und Wärme umgewandelt, Deponiegase genutzt oder Strom aus einer Freiflächen-Photovoltaikanlage eingespeist. „Wir sind inzwischen der größte Ökostromproduzent im Rhein-Main-Gebiet. Die Deponie in Wicker wird zudem ständig von unten befeuchtet, um den Verrottungsprozess für die Methangasnutzung konstant zu halten“, erläutert Andreas Saal, bei RDM zuständig für die Nachsorge.

Das i-Tüpfelchen auf dem Energieberg in Wicker soll ab Mai die Nutzung der Abgase aus den Gasmotoren durch eine Organic-Rankine-Cycle-Anlage sein. Bei dieser Technik wird über einen Wärmetauscher ein organisches Medium mit geringem Siedepunkt verdampft. „Damit lässt sich die Effizienz um 10 % bis 15 % erhöhen“, erklärt Saal.

Werde der Abfall im Sinne einer Kreislaufwirtschaft effizient für die Gewinnung von Wärme oder Energie genutzt, ergebe sich eine ganz andere Wertschöpfungskette, erläutert Nachsorgeexperte Saal. „Darauf sollten sich die ohnehin vorhandenen Entsorgungstechniken stärker ausrichten“, sagt er.

Diese Maxime gilt bei RDM auch für die Altdeponie in Brandholz. Das Deponiegaskraftwerk wurde um ein Agrogaskraftwerk erweitert, das landwirtschaftliche Abfälle verarbeitet. In Planung ist zudem eine Photovoltaik-Freiflächenanlage.

Für Andreas Saal haben alte Deponiestandorte einen deutlichen Vorteil: „Sie sind häufig an die technische Infrastruktur angebunden und weit weg von Siedlungen. Das macht Genehmigungen einfacher“, sagt er. TORSTEN THOMAS

Von Torsten Thomas
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