Umwelt 02.07.1999, 17:22 Uhr

Altautos bleiben stecken

Auf Druck der deutschen Automobilindustrie ist die Verabschiedung der seit zwei Jahren heiß diskutierten EU-Altautorichtlinie vorläufig gescheitert. Die Entsorger sind aus dem Häuschen.

Hanskarl Willms ist sauer. „Mit Horrorzahlen hat VW-Chef Piëch die Politik getäuscht“, so der Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) in Köln.
Im Vorfeld der Tagung der EU-Umweltminister am 24. Juni in Luxemburg hatte der Wolfsburger Manager bei Kanzler Gerhard Schröder interveniert und gegen die geplante Verabschiedung der EU-Altautorichtlinie Druck gemacht. Die Richtlinie sieht vor, daß die europäische Kfz-Industrie ab 2003 ausgediente Autos ohne Kosten für den letzten Halter verwerten muß. Genau dafür fehle der Branche das Geld. „Für die Verwertung nach dem geplanten Muster müßten die Hersteller zwischen 15 Mrd. und 20 Mrd. DM Rückstellungen bilden, allein Volkswagen träfe es mit 8 Mrd. DM“, so Ferdinand Piëch. Die Milliardenbeträge des VW-Managers wurden vom Kanzler ungeprüft übernommen. Er setzte Bundesumweltminister Jürgen Trittin unter Druck, und der wiederum ließ die Richtlinie – unterstützt von Großbritannien und Spanien – scheitern.
Wie der VW-Boß auf diese Zahlen kommt, ist ein Rätsel. Eine Erklärung: Die rund 160 Mio. Pkw, die über Europas Straßen rollen, landen bei Piëchs Szenario von heute auf morgen in der Schrottpresse. „Ein absolut unwahrscheinlicher Fall“, meint Hans-Günter Fischer, Geschäftsführer beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) in Bonn. Würde man als durchschnittliche Kostenpauschale einheitlich 100 DM für die Demontage eines Pkw annehmen, dann käme man auf 16 Mrd. DM – und auch nur unter der Voraussetzung, daß sämtliche Alt-Karossen innerhalb eines Jahres entsorgt werden müssen.

Das Rechenexempel von Piëch ist den Verwertern ein Rätsel

Bei VW ist zu hören, daß die Recyclingexperten in Wolfsburg die Entsorgungskosten auf durchschnittlich 340 DM je Auto in Europa beziffern, moderne Fahrzeuge (nach Baujahr 1993) schlügen noch mit 150 DM bis 300 DM zu Buche. „Wie die an diese Zahlen kommen, ist uns ein Rätsel“, meint bvse-Chef Fischer. Erkundigt man sich bei der Arbeitsgemeinschaft Altauto (Arge-Altauto) in Frankfurt nach den Demontagepreisen, dann wird die Verwirrung noch größer. „Wir veranschlagen zwischen Null und 180 DM pro Altauto“, meint der Leiter der Geschäftsstelle, Dr. Martin Schenk. Und der ADAC geht davon aus, daß die zu entsorgenden Fahrzeuge keineswegs nur lästiger Schrott sind. „Die Kisten haben in den allermeisten Fällen noch einen respektablen Restwert“, so ADAC-Sprecher Thomas Franke. Motoren, Getriebe und Lichtmaschinen lassen sich oft noch zu einem guten Preis unters Volk bringen.
„Im Grunde weiß niemand so genau, was die Verwertung kostet“, so Schenk. Unter Insidern ist unbestritten, daß die von Piëch genannten Milliardenbeträge nicht stimmen können. Von den etwa 3,25 Mio. abgemeldeten Fahrzeugen landeten im vorigen Jahr in Deutschland rund 1,5 Millionen bei den Verwertern, der Rest wurde als Gebrauchtwagen exportiert. Geht man von einer Entsorgungspauschale von 200 DM aus, errechnen sich die Entsorgungskosten für alle 1998 verschrotteten Pkw auf rund 300 Mio. DM – von Milliardenbelastungen kann also keine Rede sein. Und auch wenn alle abgemeldeten Pkw entsorgt würden, wären bei einer Pauschale von 200 DM pro Wrack nur 650 Mio. DM fällig. Und diese Kosten könnten möglicherweise auf die Autokäufer abgeschoben werden: So leistet in den Niederlanden seit 1996 der Erstkäufer eines Autos einen Entsorgungsbeitrag von rund 180 DM, der für die Verwertung von Altautos verwendet wird. Bei jährlich 7 Mio. Neuzulassungen in Deutschland käme man nach diesem Vorbild rein rechnerisch auf einen Beitrag von knapp 93 DM pro Neu-Pkw. Willms: „Ein Entsorgungspaß wäre also billiger als die erste Tankfüllung.“
Das Rechenexempel aus Wolfsburg sollte, so BDE und bvse, nur einer Sache dienen: Die Autohersteller spielen auf Zeit, sie wollen das Geschäft mit der Verschrottung und der Vermarktung der Ersatzteile unter ihre Kontrolle bringen, heißt es in Köln und Bonn. „Den Automanagern paßt es nicht, daß über 1000 Verwerter mit den gebrauchten Kfz-Teilen Geschäfte machen und original verpackte Lichtmaschinen aus Wolfsburg in den Regalen verstauben“, schimpft bvse-Geschäftsführer Fischer. Wenn Autobauer wie VW und auch Ford den Recyclingmarkt ins Visier nehmen, „wird das die mittelständischen Verwerter hart treffen“, so Willms. Die Arge Altauto rechnet damit, daß die EU-Kommission „schnellstmöglich“ Gespräche mit den Branchen führen wird, um bis zur Sitzung des Umweltrats im Oktober „zu einem tragfähigen Kompromiß“ zu kommen.
MICHAEL FRANKEN
Wer zahlt für die Entsorgung von Altautos? Um diese Frage drehte sich die Diskussion der vergangenen Monate, an dieser Frage scheiterte letztendlich auch der vorliegende Entwurf.

Von Michael Franken
Von Michael Franken

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