Umwelttechnik 21.04.2000, 17:25 Uhr

Altauto: Eine Sorge weniger

Das größte Sorgenkind des Altautorecyclings ist der Schredderleichtmüll. Eine neue Anlage trennt das wilde Gemisch aus Metall, Kunststoffen, Textilien und Glas in verwertbare Stoffe – die Autoindustrie hofft, damit ein Entsorgungsproblem gelöst zu haben.

Rund 500 kg Metall-Schrott, fünf Reifen, etwa 30 kg Betriebsflüssigkeit, Stoßdämpfer, Batterie, Glasscheiben – und rund 130 kg „Schredderleichtfraktion“: Das bleibt übrig von einem ausgeschlachteten Schrottauto, das, wie in diesemBeispiel, einmal ein VW-Golf war.
Bezogen auf das Gesamtgewicht lassen sich heute drei Viertel der in einem Auto verarbeiteten Materialien, vor allem Metalle, erneut verwerten. Der Rest ist „Abfall zur Beseitigung“ und muss entsorgt werden, landet auf Hausmülldeponien oder in Müllverbrennungsanlagen.
Das gilt auch für jene Fraktion, die in den Schredderanlagen der Verwerter anfällt und die Material der Sicherheitsgurte über die eingebaute Elektronik bis hin zum Straßenstaub enthält. Dabei ließen sich Rohstoffe und Energie dieser Schredderleichtfraktion (SLF) nutzen. Doch bislang gab es indes keinen akzeptablen Weg, um das Gemisch aus Metallen, vor allem Kupfer und Aluminium, organischen Bestandteilen wie Kunststoffen und Textilien, Glas und anderen Mineralien sauber und wirtschaftlich aufzutrennen.
Ein neues Verfahren soll dies ändern. Vergangene Woche stellte die in Eppingen bei Heilbronn ansässige R-plus Recycling GmbH (ein Unternehmen der Ettlinger U-plus-Umweltservice AG) ihre Pilotanlage zur SLF-Aufbereitung der Öffentlichkeit vor. In der Eppinger Pilotanlage mit ihrer Kapazität von rund 12 000 t wird pro Jahr die SLF von etwa 60 000 Mittelklassewagen aufbereitet. Entwickelt und gebaut wurde die R-plus Wertstoff-Sortieranlage – in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Ingenieurbüro Fichtner – von der Hanauer Firma LSD Umwelt- und Recyclingtechnologie. Die rund 4 Mio. DM teure Pilotanlage wird von der Arbeitsgemeinschaft Altauto im Verband der deutschen Automobilindustrie finanziell gefördert.
Die Verfahrenstechnik basiert auf bewährten Maschinensystemen der Zerkleinerungs-, Trocknungs-, Sieb- und Sortiertechnik, die an das Materialgemisch der SLF und an die geforderten Sortierergebnisse angepaßt wurden.
Die Wertstoff-Sortieranlage ist in einer rund 1000 m2 großen Halle untergebracht. Sie läuft vollautomatisch im Zweischichtbetrieb, für die Überwachung genügen zwei Mann. Pro Stunde werden 4 t SLF verarbeitet. Ein Bagger belädt den Aufgabebunker mit Material. Es gelangt per Förderband in ein Vorsieb, um die Feinfraktion mit Partikeln, die kleiner sind als 6 mm, auszusieben, und direkt in den Trockner zu leiten. Die verbleibende Grobfraktion wird in einem Vorzerkleinerer von Rotorscheren weiter zerkleinert, ein Überbandmagnet sondert die Eisenanteile aus. Im Hauptzerkleinerer erreicht die SLF eine Korngröße von rund 2,5 mm. So lassen sich auch die Metall-Kunststoff-Verbunde feiner Kabellitzen aufschließen.
Danach wird das Material in einem Bandtrockner auf weniger als 2 % relative Feuchte getrocknet, um Verklebungen der Partikel zu vermeiden, und so eine saubere Trennung von NE-Metallen, Mineralien und organischen Bestandteilen zu ermöglichen. Es folgt ein Vorsichter zur Sortierung in eine kupferhaltige, mineralische und organische Fraktion, wobei zur Auftrennung die Dichteunterschiede dieser Materialien genutzt werden. Ein Windsichter saugt die Leichtfraktion aus Schaumstoff- und Textilanteilen ab, und führt diese direkt der Organik-Fraktion zu. Die Schwerfraktion wird in einer Mehrdecksiebmaschine in drei Kornklassen aufgespalten. Schließlich folgt die Feinsortierung durch Schwerkrafttrennung in drei Zick-Zack-Sichtern.
Am Ende werden neben einer Eisenfraktion drei weitere Stoffströme gewonnen: Kupferhäcksel, der vor allem wieder in der Kupfergewinnung eingesetzt wird, zweitens eine mineralisch-metallische Fraktion mit einem hohen, durch einen zusätzlichen Sortiervorgang verwertbaren Aluminium- und Kupfergehalt, außerdem die mineralischen Bestandteile, schließlich eine gut lager- und handhabbare, trockene organische Fraktion, die mit ihrem Energiepotential von rund 23 MJ/kg einen höheren Heizwert besitzt als brikettierte Braunkohle.
Schredderleichtmüll ist kein einfacher Ausgangsstoff für eine Sortieranlage. Denn seine Zusammensetzung variiert stark. SLF enthält 50 % bis 60 % organisches Material, 10 % bis 20 % Mineralien, 4 % bis 7 % Eisen, 2 % bis 4 % NE-Metalle und 10 % bis 15 % Feuchtigkeit. „Diese Werte variieren, je nachdem, ob wir Schreddermaterial ausschließlich von Pkw nutzen oder SLF aus Konsumgüterschrott beimengen“, erläutert R-plus Geschäftsführer Dr. Rolf Hengerer. Das Projekt wird deshalb von Prof. Ewald Pruckner vom Steinbeis-Transferzentrum in Heilbronn wissenschaftlich begleitet. Ein Monitoring während der dreijährigen Versuchsphase soll exakte Zahlen über die SLF-Zusammensetzung und Eigenschaften der Organik-Fraktion liefern.
Durch entsprechende Variation des Inputs sollen Ersatzbrennstoffe erzeugt werden, die für das Schadstofffenster der jeweiligen Kunden „maßgeschneidert“ sind. Potentielle Abnehmer für die energiereiche Organik-Fraktion der SLF sind Zementwerke, Müllverbrennungsanlagen, Hochöfen und Kupol-Öfen. Derzeit verhandelt R-plusmit der EKO-Stahl in Eisenhüttenstadt und der Firma Heidelberger Zement. Gesichert ist die Abnahme der organischen Fraktion zunächst nur während der Pilotphase: Im Sekundär-Rohstoff-Verwertungszentrum (SVZ) im sächsischen Schwarze Pumpe wird daraus Methanol gewonnen. B. JUNGHANSS
Während die Karosserien von Altautos schon seit langem wieder in die Stahlherstellung wandern, fehlte bislang ein Verwertungsweg für die Nicht-Metall-Anteile.
Eine von der Industrie mitfinanzierte Anlage trennt Kunststoffe und Textilien, NE-Metalle und Mineralien aus dem Schredderleichtmüll in verwertbare Fraktionen auf. Foto: Junghanß

Schredderleichtmüll – Verwertung oder nicht?

Nach dem Europäischen Abfallkatalog ist die unverarbeitete Schredderleichtfraktion (SLF) aus dem Altautorecycling „Abfall zur Beseitigung“ und muß verbrannt oder deponiert werden. Aber auch die aufbereitete und in verwertbare Stoffe separierte SLF wird in die gleiche Kategorie eingeordnet. Die Genehmigung für die Verwertung ist damit mehr oder weniger von der Auslegung der Behörden der Bundesländer abhängig. „Ein unhaltbarer Zustand“, konstatiert Dr. Martin Schenk, Leiter der Geschäftsstelle der ARGE-Altauto. Schenk fordert eine neue Einstufung für die aufbereiteten Wertstoffe der SLF. Sonst mache die Verwertung keinen Sinn, da der Weg für die Nutzung der SLF verbaut ist. bj

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