Klima 15.06.2007, 19:28 Uhr

Ablasshandel mit Klimawandel  

VDI nachrichten, Berlin, 15. 6. 07, swe – Erste Unternehmen beginnen freiwillig, ihre CO2-Emissionen zu bilanzieren, zu reduzieren und den Rest in Klimaschutzprojekten zu kompensieren. „Klimaneutral“ nennt sich das. Auch Privatleute können Emissionen bei diversen Anbietern neutralisieren. Doch sind Firmen und Prozesse wirklich klimaneutral? In der Branche beginnt die Diskussion um die Standardisierung des Begriffes.

Peter Schrum, Präsident des Bundesverbandes Biogene und Regenerative Kraft- und Treibstoffe, nennt Biokraftstoffe gern „unsere CO2-neutralen Kraftstoffe“. Er sollte es besser wissen. Zwar setzt der Sprit vom Acker beim Verbrennen nur so viel CO2 frei, wie beim Pflanzenwachstum gebunden wurde, doch Energieaufwand bei Anbau und Erzeugung kommen hinzu. So setzt das Umweltbundesamt das CO2-Minderungspotenzial von Biodiesel gegenüber Diesel je nach Verfahren und Reststoffverwertung zwischen 20 % und 80 % an.

„Eine Aussage zur Klimaneutralität lässt sich natürlich nur treffen, wenn auch die Bereitstellungsketten berücksichtigt werden“, stellt Wolfgang Berger vom Münchner DFGE Institut für Energie, Ökologie und Ökonomie klar. Sonst verkomme „Klimaneutralität“ zu einem Schlagwort ohne Aussagegehalt.

In der Autoindustrie sind komplette well-to-wheel(von der Ölquelle bis zum Rad)-Analysen längst Usus. „Solche Analysen stehen und fallen natürlich mit den Eingangsdaten“, sagt Berger. Doch bisher sei nicht verbindlich geregelt, welche Daten tatsächlich einfließen. Als Kritik an der Autoindustrie will er das aber nicht verstanden wissen. Denn die Autohersteller erstellen die Bilanzen intern und freiwillig und sind anderen Branchen weit voraus.

Berger geht es um Standards für die Berechnung von „Klimaneutralität“. Inzwischen bekennen sich immer mehr Firmen und Privatleute zu ihrer Verantwortung fürs Klima und versuchen, Emissionen einzelner Prozesse, Produkte, Veranstaltungen oder Reisen durch den Erwerb von Emissionszertifikaten zu neutralisieren. Ökobilanzierer Berger warnt vor unseriösen Anbietern: „Mangelhafte Online- berechnungen und zweifelhafter Ablasshandel schaden der grundsätzlich positiven Idee einer Klimaneutralität mehr, als sie nützen“, sagt er.

Mit dem Ruf nach der Standardisierung der Neutralisierungsberechnung ist die DFGE, die in Kooperation mit dem Tüv Süd ein „Klimaneutral-Qualitätssiegel“ anbietet, nicht allein. In Großbritannien, wo die Idee freiwilliger Emissionskompensation viele Anhänger hat, bemühen sich führende Anbieter um Standards.

Die Climate Group und die Carbonneutral Company haben zusammen mit einigen Partnern einen Carbon Stewardship Council ins Leben gerufen, um einen ihrer Ansicht nach „dringend nötigen internationalen Standard für CO2-Neutralität“ zu erarbeiten. Workshops in Europa, den USA und Australien sind geplant.

Mit an Bord des Councils ist die 3C Holding, Bad Vilbel. Sie berät Betriebe und Privatleute und bietet Emissionszertifikate an, die sie selbst in zertifizierten Klimaschutzprojekten ankauft. 3C hat mit Unterstützung des Hessischen Umweltministeriums das Projekt „Klima-Partner“ initiiert, in dem Unternehmen wie die KfW, die Deutsche Bank, Neckermann oder T-Com die Emissionen einzelner Geschäftsprozesse und Projekte neutralisieren.

Doch welchen Kriterien folgen die 3C-Berater? „Wir halten uns an die Methodologie des Greenhouse-Gas-Protocol“, erklärt Projektmanagerin Mara Zimen. Diesen Leitfaden haben das World Ressources Institute (WRI) und der World Business Council for Sustainable Development erarbeitet.

„Ein umfassender CO2-Fußabdruck für ein ganzes Unternehmen, der all das berücksichtigt, ist natürlich sehr aufwändig“, berichten Zimen und Berger unisono. Es bedürfe intensiver Vor- überlegung, um etwa Doppelzählungen zu vermeiden und sich nicht in Marginalien zu verlieren.

„Wie und wo man die Grenzen jeweils zieht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich“, erklärt Berger. Prozesse einer Großbank seien nicht mit der global verteilten Produktion eines Autoherstellers vergleichbar. Damit die Bilanzen dennoch vergleichbar bleiben, sei es von zentraler Bedeutung, die Berechnungsmethoden offenzulegen.

„Unternehmen sollten unbedingt erst Einsparpotenziale im eigenen Betrieb ermitteln und heben, bevor sie ihren CO2-Ausstoß mit Zertifikaten neutralisieren.“ Einerseits wirkten Einsparungen langfristig und hätten für die Unternehmen selbst den Vorteil sinkender Kosten. Andererseits sei Engagement im eigenen Haus ein wichtiger Indikator dafür, ob es ein Unternehmen mit dem Klimaschutz ernst meine, oder sich vor allem aus Marketingerwägungen mit dem Begriff „klimaneutral“ schmücken wolle. PETER TRECHOW

  • Peter Trechow

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