Umwelt 12.04.2002, 17:33 Uhr

Abholzung der letzten Urwälder

Die Abholzung ist in manchen Regionen noch dramatischer als bisher angenommen.

Die Familie hat es sich gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht, als ein dumpfes Grollen das Unheil ankündigt. Dann geht es los: Wie in einem Horrorschocker dringt plötzlich eine Motorsäge durch die Wand des Einfamilienhauses und zerschneidet diese wie Butter. Völlig verängstigt suchen Eltern und Kinder Schutz unter dem Esstisch. Ein riesiger Bagger dringt durch die Tür und beginnt, ihr Zuhause niederzureißen. Verzweifelt versucht der Vater, die Maschinen mit einem Stuhl aufzuhalten – aber vergeblich.

Schnitt. Die Szene wiederholt sich in einem Urwald. Betroffen diesmal: Menschenaffen. Zu dem Bild eines traurigen kleinen Schimpansen sagt der Sprecher: „Ihr Haus kann wieder aufgebaut werden, seines ist für immer verloren.“

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Starker Tobak, der keinen unberührt lässt. Greenpeace hatte letzten Freitag zu einem Presseseminar geladen, um ein Kartierungsprojekt der letzten Urwälder vorzustellen. Durchgeführt wurde es von „Global Forest Watch“ (GFW), einer Initiative des Washingtoner World Resources Institute (WRI).

Die Fakten: Etwa 80 % der Urwälder sind abgeholzt, ein großer Teil der verbliebenen Flächen zum Einschlag freigegeben. Alle zwei Sekunden verschwindet Urwald von der Größe eines Fußballfeldes, z.B. im afrikanischen Regenwald, den vor allem französische, holländische, aber auch deutsche Konzessionsfirmen abholzen.

„Es ist uns nicht gelungen, die Urwaldvernichtung zu stoppen“, so Greenpeace-Waldexpertin Sandra Pfotenhauer. Die wenigen geschützten Wälder bezeichnete sie als „Paperparks“. Denn der Schutz bestehe zumeist nur auf dem Papier. Nicht einmal die genaue Ausdehnung der verbliebenen Urwälder sei bisher bekannt gewesen. „Obwohl wir den Mond kartiert haben, ist uns das bei den Urwäldern bisher nicht gelungen“, sagte WRI-Direktor Dirk Bryant aus Washington. In Hamburg präsentierte Greenpeace nun erstmals präzise Karten aus einem vierjährigen Projekt, an dem 90 Forscher arbeiteten. Möglich wurde es durch Sponsoren wie den schwedischen Möbelkonzern Ikea und die holländische Bank ABN Amro.

„Im ersten Schritt haben wir topographische und thematische Karten ausgewertet“, erläutert GFW-Experte Alexey Morosov aus Moskau. Gebiete mit Infrastruktur wie etwa Straßen wurden ausgeschlossen, um potenziell intakte Wälder zu finden. Dabei sei klar geworden, dass viele bisher als Urwälder eingestufte Gebiete bereits erschlossen sind. Danach werteten die Wissenschaftler Daten von mehreren Erdbeobachtungs-Satelliten aus. Die genauen Grenzen der letzten Urwälder erfassten sie mit hoch aufgelösten Daten, etwa vom Nasa-Satelliten Aster, bei denen ein Pixel eine Fläche von 15 mal 15 m darstellt. Alle Daten wurden – soweit möglich – im Feld überprüft.

Die Ergebnisse der Kartierung bestätigten die schlimmsten Befürchtungen: Während es in West- und Mitteleuropa keinen Urwald mehr gibt, macht dieser im europäischen Teil Russlands nur noch 14 % der Waldfläche aus. Ein intakter Urwald muss laut Greenpeace mindestens 500 km2 groß sein, um alle ursprünglichen Tier- und Pflanzenarten zu erhalten. Solche Flächen würden auch in Russland rar, da die industrielle Abholzung Einzug halte.

Nicht mal Naturschutzgebiete seien sicher: Obwohl weltweit weniger als 10 % der Urwälder geschützt sind, werden auch diese illegal abgeholzt, wie Bryant betonte. Besonders krass zeige sich dies in Brasilien, wo über 80 % des Einschlags illegal sei. In Indonesien liege diese Quote bei 50 % bis 70 %, obwohl dort der Flachland-Urwald schon weitgehend verschwunden sei. „Das, was dort noch vorhanden ist, liegt in unzugänglichen Gebirgsregionen“, so Bryant. Besonders überrascht war er davon, dass in den USA nur noch 6 % intakte Urwälder vorhanden sind. „Bisher waren wir von 20 % ausgegangen.“

Greenpeace hofft, die letzten Urwälder mit den nun vorgelegten Karten besser schützen zu können. Sie seien eine gute Entscheidungsgrundlage für Firmen, die Holz aus ökologisch bewirtschaftetem Wald beziehen wollen. Pfotenhauer: „Nur wenn ich weiß, wo die letzten Urwälder liegen, kann ich sagen, wo nicht eingeschlagen werden darf.“ GÜVEN PURTUL

 

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