Umwelttechnik 01.10.2004, 18:33 Uhr

Abfall wird Nutzenergie

VDI nachrichten, Bremen, 1. 10. 04 -Hausmüll darf ab dem 1. Juni 2005 nicht mehr einfach nur deponiert oder verbrannt werden. Doch bis Abfall im großen Stil als Sekundärbrennstoff für die Stromerzeugung genutzt werden kann, ist es noch ein langer Weg.

Gerd Mehler blickt optimistisch in die Zukunft. „Das Auslaufmodell Abfalldeponie wird künftig zum High-Tech-Gewerbestandort“, lautet die Vision des Geschäftsführers der Main-Taunus-Recycling GmbH in Flörsheim. Besonders Biogas-Kraftwerke könnten dort künftig ihren Platz finden, so Mehler auf dem Kongress „Waste to Energy“ (Energie aus Abfall) vorige Woche in der Messe Bremen. Der Hintergrund: Ab 1. Juni 2005 darf Hausmüll nach der neuen Technischen Anleitung Siedlungsabfall (Tasi) nicht mehr einfach nur auf die Deponie gekippt werden.
Rund 30 Mio. t Hausmüll pro Jahr müssen vor der Endablagerung zum Beispiel thermisch vorbehandelt werden. „Vor zehn Jahren hätten sich die Grünen beim Stichwort Müllverbrennung noch mit Grausen abgewandt“, sagt Dr. Helmut Schnurer, im Bundesumweltministerium für Grundsatzfragen der Abfallwirtschaft zuständig, jetzt gelte die Devise: „Alles, was einen hohen Heizwert hat, kann und muss verbrannt werden.“
Die Erwartungen an den neuen Weg in der Abfallwirtschaft sind hoch. Experten rechneten in Bremen vor: Wenn statt Kohle oder Öl die gesamte Hausmüllmenge als Kraftwerk-Brennstoff für die Stromerzeugung verfeuert würde, könnten jährlich rund 5 Mio. t Kohlendioxid-Ausstoß eingespart werden. Würde der durchschnittliche Wirkungsgrad von Müllkraftwerken von zurzeit 17 % auf den Wert moderner Anlagen (65 %) gesteigert, ließen sich sogar 20 Mio. t Kohlendioxid vermeiden. „Das sind 5 % unserer Reduktionsverpflichtungen im Rahmen des Klimaschutzabkommens“, sagt Schnurer.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Ersatzbrennstoff aus Siedlungsabfällen ist immer noch Abfall“, sagt Dr. Thomas Grommes, Projektleiter Unternehmensentwicklung beim Bremer Energieversorger swb. Wegen seiner unkalkulierbaren Zusammensetzung ließe sich Hausmüll in herkömmlichen Kraftwerken nicht direkt mitverbrennen, zu hoch sei das Risiko von Anlagenausfällen: „Ein einziger Stillstandstag eines Kraftwerkes kostet unter Umständen 100 000 €. Da ist der wirtschaftliche Vorteil, dass die Entsorgungsunternehmen für die Verbrennung noch zahlen, ganz schnell aufgebraucht.“
Die Bremer konzentrieren sich deswegen in ihrem Bemühen, Abfall als Ersatzbrennstoff einzusetzen, zunächst auf eine ausgewählte Müllfraktion und auf ein spezielles, selbst entwickeltes Verfahren. Aus Gewerbeabfällen wollen sie künftig heizwertreiche Folien, Kunststoffe, Holz und Papier aussortieren und für den Einsatz im Kohlekraftwerk aufbereiten. In zwei 28 m langen Drehrohröfen soll dieser Ersatzbrennstoff eine Stunde lang bei 550 °C verschwelt werden, das dabei entstehende Pyrolysegas kann direkt in den Kessel des Kraftwerkes eingeblasen werden.
„Auf lange Sicht lassen sich so 100 000 t Ersatzbrennstoff an einem unserer Kraftwerksstandorte verwerten und damit ca. 17 % des bisherigen Kohlebedarfs ersetzen“, rechnet Grommes vor. Den beim Verschwelen entstehenden Pyrolysekoks will die swb außerdem in einer Wirbelschichtverbrennung zur Dampferzeugung für das Kraftwerk verwerten. Mitte 2006 soll die Anlage zur Thermischen Ersatzbrennstoff-Konditionierung (Therko) in Betrieb gehen.
Darüber hinaus im großen Stil Hausmüll zu verbrennen, könne nur in Anlagen „mit einer robusten Technik“ interessant sein, meint Grommes. Der Projektleiter denkt dabei an Müllheizwerke wie jenes in Bremen, das seit mehr als 20 Jahren weite Teile der Stadt mit Wärme und im geringen Umfang mit Strom versorgt. Doch Standorte mit einem hohen Wärme- oder Dampfbedarf für die Industrie, die Stromerzeugung oder die Fernwärmeversorgung sind in Deutschland rar gesät.
„Um diese Orte gibt es einen spannenden Wettbewerb“, meint Grommes. Den chancenreichsten Markt sieht er dabei in der indirekten Nutzung des Mülls für die Stromerzeugung. „Unsere Überlegung ist es zu prüfen, ob eine Müllverbrennung mit robuster Technik z. B. Dampf für Kraftwerke liefern kann.“ Dennoch bleibt Grommes gegenüber Abfall als direktem, nicht vorbehandeltem Brennstoff für Kraftwerke skeptisch: „Es ist Abfall, und es bleibt Abfall.“WOLFGANG HEUMER

  • Wolfgang Heumer

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