Fertigung 29.01.1999, 17:20 Uhr

Im Rekordtempo vom Schaf zum Anzug

In weniger als 94 Minuten wollen sie aus frisch geschorener Schafswolle einen kompletten Anzug fertigen.

Gleißendes Scheinwerferlicht, Kamerateams, Maschinenlärm, bebende Fußböden – unbeeindruckt von diesem Chaos arbeiten junge Leute konzentriert an Nähmaschinen, bügeln mit ruhiger Hand Nähte aus, fügen Ärmel ein und schneiden Knopflöcher. Für die „Guinness-Show der Rekorde“ wagen sich Studierende der Fachhochschulen (FH) Coburg und Niederrhein an einen aberwitzigen Rekord, aufgestellt 1982 von australischen Studenten in Sydney: In weniger als einer Stunde, 34 Minuten und 33 Sekunden wollen sie drei Schafe scheren und aus dieser Wolle einen dreiteiligen Hosenanzug – Jacke, Hose und Weste – produzieren.
Die ARD zeichnet ihren Wettlauf mit der Uhr auf. Die Fernsehleute mußten dafür allerdings aus dem Studio des Bayerischen Rundfunks in die Tuchfabrik Mehler umziehen. Denn die altehrwürdigen Maschinen der Gebrüder Mehler GmbH werden für den Rekordversuch ebenso benötigt wie zahlreiche hochmoderne Spezialmaschinen, die von den Herstellern kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. All diese Technik ließe sich in keinem Fernsehstudio unterbringen.
In Deutschland existieren nur noch zwei vollstufige Betriebe, die in der Lage sind, Schafwolle zu nach Kundenwunsch gefärbten und ausgerüsteten Tuchen und Stoffen zu verarbeiten, berichtet Geschäftsführer Ludwig Mehler. Das Unternehmen im fränkischen Tirschenreuth, 1644 gegründet, 65 Beschäftigte, hält Tradition und Qualität in Ehren: „Wir sind Tuchmacher in der zwölften Generation!“ Und die verstehen sich auf die Verarbeitung von Wolle, wie sich zeigen wird.
Doch zunächst werden drei Schafe zu den Scherständen getrieben – „Coburger Füchse“ nennt sich die Rasse, schmunzelt Dr. Reinhart Möckel, Professor an der Fachhochschule Coburg, Abteilung Münchberg, Fachbereich Textiltechnik und Gestaltung. Er war von der Rekord-Idee der Fernsehleute spontan begeistert und entschied: Wir versuchen“s. Denn die Textil-Ingenieure und ihre interessanten Aufgaben seien im Lande noch viel zu wenig bekannt. Möckel gelang es dann, auch Mönchengladbacher Bekleidungstechniker für das Projekt zu gewinnen. Und so warten nun 40 Studenten in der fränkischen Kleinstadt auf den Rohstoff für den Rekordversuch. Die Tiere sind bereits vorgewaschen, um Dreck und Wollfett zu entfernen. Ein Schaf liefert 3 kg Wolle, rechnet Möckel vor. Und lediglich 1,4 kg Wolle werden für die Anfertigung des Anzuges benötigt.
Die Uhr läuft. Was noch vor wenigen Sekunden die Tierchen wärmte, das wird nun zweimal durch den Krempelwolf gejagt. „Diese Maschine zerteilt das Flies zu Faserflocken. Dabei fällt Schmutz nach unten raus, und die Wolle wird durchgemischt“, erläutert Mehler. Ein Luftstrom transportiert die Wollflöckchen in einen Vorratsraum. Dort warten schon vier Studentinnen mit dem Besen. „Wir sind die Feger“, erklärt Carola Schulz (27), Studierende der Textiltechnik im dritten Semester an der Fachhochschule Münchberg, unter dem Gelächter der Mitstudenten.
Wie angehende Textil- und Bekleidungstechniker dazu kommen, sich in der Samstagabend-Familienunterhaltung der ARD zu präsentieren? „Da hing ein Zettel aus“, erinnert sich Schulz. Und das Projekt erwies sich als ebenso spannend wie lehrreich: „Wir haben gemeinsam die Firma besichtigt und überlegt, wo wieviel Leute benötigt werden. Die Vorbereitungen laufen seit dem Sommer, die erste Probe hat im Dezember stattgefunden.“ Die Kommilitonen nahmen an der Planung des Rekordversuches großen Anteil. „Wir wollten Leute zum Anfeuern mitnehmen“, sagt die Studentin. „Das durften wir aber nicht. Denn in der Tuchfabrik ist zu wenig Platz.“ Dennoch ist Carola Schulz von den Dreharbeiten hellauf begeistert: „Das macht man nur einmal im Leben.“
„Absolut genial“, schwärmt auch Caroline Gerauer (20) vom Rekord-Projekt. „Das schweißt die Truppe zusammen!“ Sie studiert Textildesign im dritten Semester und „füttert“ den Wolf mit dem Flies. „Diese Maschine kannte ich vorher noch nicht“, bestätigt Sabine Jahn (20), drittes Semester Textiltechnik, und freut sich „daß man das mal sieht, von der Wolle bis zum Anzug, wie es geht“.
Im Eilschritt wird die Wolle weiterbefördert. Auf der Kardiermaschine werden die Faserflocken wie mit gigantischen Bürsten zu Einzelfasern aufgelöst. Es entsteht eine Lage parallel ausgerichteter, in Länge und Breite vergleichmäßigter Wollfasern. Daraus wird dann das Vorgarn gebildet – „nur genitschelt, noch nicht verzwirnt“, sagt Mehlers, „und deshalb noch keiner mechanischen Belastung gewachsen“. Es wird vorsichtig auf Vorgarnwalzen abgelegt – acht Stück davon sind für die Herstellung des Anzuges erforderlich, hat Möckel ausgerechnet. Sie werden sofort von Läufern im Sprint zum Standspinner gebracht. Dort wird das Vorgarn gestreckt und verzwirnt – fertig ist der Faden. Er wird auf sogenannte Kopse aufgewickelt. „Wir erzeugen auch hier nur das Garn, das zum Weben tatsächlich benötigt wird“, meint Möckel. „So können wir Zeit sparen.“ Doch bevor Stoff hergestellt werden kann, muß der Faden noch von den vielen Kopsen auf einige wenige Kreuzspulen umgespult werden. Ein Autoconer aus dem Hause Schlafhorst verknüpft nicht nur automatisch die Fadenenden, er beseitigt zudem Unregelmäßigkeiten, wie Knoten.
Ein letzter Sprint von Maschinenhalle zu Maschinenhalle, dann ist es soweit: Die Greiferwebmaschine der Firma Dornier kann mit der Arbeit beginnen. „Die Kette wurde schon vorbereitet, sie besteht aus Kammgarn Nm 28/2. Den Schußfaden bringen die Studenten. Dabei handelt es sich um Schurwolle, ein Streichgarn, Nm 8.“ Diplom-Ingenieur Siegfried Sachs, bei Dornier verantwortlich für den Webmaschinenverkauf in Nordbayern, hat es sich nicht nehmen lassen, den Studierenden bei ihrem Rekordversuch beizustehen. Das Weberschiffchen ist längst passé: Der Faden wird vom Greifer bis zur Mitte der Kette transportiert. Dort übernimmt ihn der sogenannte Nehmer und zieht ihn bis ans Ende der künftigen Stoffbahn durch die Kette hindurch. Dann schlägt das Webblatt den Faden an. Der nächste Schuß folgt. Zügig wächst das Gewebe, in Köperbindung, etwa 167 cm breit. Reißt der Faden, muß die Webmaschine nicht abgestellt werden. Der Greifer sucht sich dann den Faden einer anderen Spule. „Damit sind wir fast doppelt so schnell wie die Webmaschine, mit der die Australier ihren Rekord erzielt haben“, strahlt Sachs.
Dann kommt die Stunde der Studenten aus dem Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Fachhochschule Niederrhein. Mit großen Scheren warten sie schon auf das erste Stück Stoff. Routiniert wird das Material auf dem Zuschneidetisch plaziert. Dort wird zunächst eine Einlage eingelegt, „im Sandwichverfahren – Oberstoff, Einlage, Einlage, Oberstoff“, erläutert Fachlehrerin Eva Hillers. Ab damit in die Fixierpresse, anschließend Schnittlageplan aufgebügelt, und schon wird mit Handscheren zugeschnitten. Die ersten Nähmaschinen beginnen zu surren, Dampf steigt von den Bügeltischen auf.
„Dabei lernt man Teamarbeit!“ Die Mönchengladbacher, Spezialisten für Design und Schnittgestaltung, haben über den Fachschaftsrat von dem Projekt der Münchberger erfahren, berichtet Annette Dahm (24). Sie studiert im fünften Semester an der FH Niederrhein Bekleidungstechnik, Schwerpunkt Gestaltung.

28 Nähmaschinen arbeiten am Rekord-Anzug

„Wir haben uns getroffen, Termine vereinbart und Arbeitsgruppen eingeteilt.“ Blazer-, Westen- und Hosengruppe haben dann jeweils überlegt, wie die Aufgabe zu bewältigen ist, und welche Hilfsmittel benötigt werden. 28 Nähmaschinen hat Pfaff zur Verfügung gestellt, normale Schnellnäher ebenso wie die Spezialmaschinen, mit denen noble Augenknopflöcher hergestellt, Knöpfe an- und Ärmel eingenäht werden. Eine Überwendlingmaschine erleichtert das Säumen des Futters, erklärt Günter Seidel. Der Pfaff-Nähmaschinentechniker steht mit dem Schraubenzieher bereit, für den Fall der Fälle.
Doch eine Panne ist nicht in Sicht. Naht um Naht wachsen die Kleidungsstücke. Damit sie der Moderatorin, Eisschnelläuferin Franziska Schenck, auch perfekt passen, haben zwei Mönchengladbacher Studenten schon vor Wochen bei ihr Maß genommen. Anschließend wurden am Computer die Schnitte erstellt. Den Hosenanzug entwarf Eva Hillers. Die Expertin für Schnittgestaltung entwickelt mit ihren Studenten Verfahren für die Maßkonfektion. Ihre Forschung finanzierte sie bisher ausschließlich mit Unterstützung der Industrie.
In den Unternehmen wird der Ingenieurs-Nachwuchs dringend benötigt. Jahr für Jahr erstellen die Mönchengladbacher einen Absolventenkatalog, verrät Bekleidungstechnikerin Heike Heim (27). Innerhalb weniger Tage seien stets alle Diplomanden „vergeben“: „Ich kenne keinen, der eine Stelle sucht. Wer Textiltechnik studiert, der muß keine Angst um seine Zukunft haben.“ Heike Heim schrieb ihre Diplomarbeit bei dem Nähgarnhersteller Amann in Bönnigheim. Dort wird sie zum 1. März 1999 ins Produktmanagement einsteigen. „Pro Absolvent drei freie Stellen“ kann auch Professor Möckel vermelden. Die Ausbildung an der FH Coburg/Münchberg dauert vier Jahre, und derzeit lernen dort etwa hundert junge Leute. Möckel hofft, daß die Fernsehshow dazu beiträgt, das anspruchsvolle Berufsbild des Textilingenieurs ins Blickfeld der Gymnasiasten zu bringen.
Bei den Testläufen zur Show blieben die Studierenden deutlich unter der Zeitvorgabe der Australier. Wer wissen will, ob die angehenden Textilingenieure einen neuen Rekord aufgestellt haben, der schalte den Fernseher ein: „Guinness- Show der Rekorde“ in der ARD, am 30. Januar um 20.15 Uhr.
ANKE MÜLLER
Dem Schaf gehts an die Wolle. Dafür sorgt Rainer Blumelhuber, Deutscher Meister im Schafscheren. Im Webstuhl wird das gesponnene Wollgarn zum Tuch für den Anzug verarbeitet. Im Laufschritt geht es mit dem fertigen Tuch zum Zuschnitt exakt nach den Maßen der Moderatorin. Bis zu 28 Nähmaschinen waren insgesamt am Rekordanzug beteiligt. Der fertige Anzug. Ob es zum Weltrekord reichte, wird am 30. Januar in der „Guiness-Show der Rekorde“ der ARD zu sehen sein.

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