+++Anzeige+++ 13.06.2019, 14:30 Uhr

Gewebter Werkstoff

Zwischen Nischendasein und modernsten Anwendungen bewegt sich die Branche der technischen Textilien. Die Teilnehmer der Panel-Diskussion im Rahmen der Techtextil zeigten die Herausforderungen der Branche und aktuelle Trends auf.

Foto: Joschka Völkel/mylk+honey

Foto: Joschka Völkel/mylk+honey

Es braucht dringend Leuchttürme, die Bauherren, aber auch dem Architekten- und Ingenieur-Nachwuchs das Potenzial von technischen Textilien im Bauwesen näherbringen. Denn dieses Potenzial ist nicht nur riesig, sondern momentan noch weitgehend unausgeschöpft. In diesem Punkt waren sich alle Teilnehmer des von der Messe Techtextil und dem VDI Verlag ausgerichteten Experten-Panels einig. Wenn es mehr Vorzeigebauten gäbe, würden sich mehr junge Ingenieure in dieses Themengebiet vertiefen und mehr Bauherren von gewohnten Mustern ablassen, so die Logik.

Beispiel sei das derzeit höchste Membranprojekt der Welt: Die ­Fassade des 246 Meter hohen ­Thyssenkrupp-Testturms besteht aus PTFE-beschichtetem Glasfasergewebe und zeigt plakativ, welche Innovationen und Möglichkeiten generell in diesem Werkstoff liegen. Vom Innovationsgrad passt dieses Projekt sehr gut in die Umgebung der Panel-Diskussion: Sie liegt inmitten der Sonderausstellung des Techtextil-Special-Events „Urban Living – City of the Future“. Anlass zur Ausrichtung für die Organisatoren war die Prognose der Vereinten Nationen, dass bis zum Jahr 2050 fast 70 % aller Menschen in Metropolen und ­Megacities leben werden. Dem Leben in der Stadt der Zukunft wurde in Zusammenarbeit mit „Creative ­#olland“, den Niederländischen Kreativwirtschaften, ein eigenes Themenareal gewidmet, um die damit einhergehenden neuen Anforderungen an das Wohnen, an die Mobilitätskonzepte sowie an die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gesundheitsangeboten bereits jetzt zu adressieren. Das Areal der Techtextil und Texprocess stellt textile Anwendungsbeispiele vor und bietet ein begleitendes Rahmenprogramm und Branchen-Insights.

Internationales Thema

Sowohl Aussteller als auch Besucher der Techtextil stammen aus aller Welt. Die internationale Reichweite des Themas zeigte sich bereits bei der Terminfindung für die Panel-Teilnahme. So legte beispielsweise Hagen Lotzmann die Teilnahme zwischen Besuchstermine von taiwanesischen und chinesischen Delegationen. Er bringt als stellvertretender Verkaufs- und Marketingleiter der Karl Mayer Technische Textilien GmbH daher zu Beginn auch die Sicht des internationalen Players mit ein: „Egal, in welche Geschäftsbereiche wir schauen, Asien ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Firmengruppe Mayer macht in diesen Märkten 50 bis 60 % ihres Umsatzes“, beschreibt Lotzmann den Wachstumsmarkt für sein Unternehmen.

Allerdings, so betont er, würden die Innovationen nach wie vor in Europa geschaffen. Auf den Maschinen des Unternehmens produzieren Kunden in diesen Märkten unter anderem Interieur und Exterieur in der Automobilindustrie, stellen Faserverbundwerkstoffe für Rotorblätter in der Windkraftanlagen-Industrie her und erzeugen für Kunden aus dem Bauwesen Putzgitter oder textile Membranen für Industriedächer oder Freiform­flächen.

1.000 Mitarbeiter produzieren in China speziell Maschinen für diesen asiatischen Markt. Der Wettbewerb auf Maschinenbauseite sei allerdings ebenfalls spürbar. „Wir müssen – so schwer das ist – immer einen Schritt voraus sein. Das geht am besten gemeinsam mit unseren Kunden. Auf ihre Bedürfnisse müssen wir hören und schnell Lösungen liefern. Wobei die Betonung in diesem Fall auf dem Wort ‚schnell‘ liegt,“ zeigt Lotzmann den Kern der Herausforderungen auf.

Wertschöpfungskette

Es ist Zufall, dass neben Lotzmann auf dem Podium einer seiner Kunden steht, doch passt es zur inhaltlichen Ausrichtung: Dr. Günther Gradnig repräsentiert die nächste Stufe der Wertschöpfung bei technischen Textilien. Er ist Geschäftsführer der Sattler Pro-Tex GmbH, einem österreichischen Hersteller beschichteter Textilien und technischer Gewebe, ebenfalls sehr international aufgestellt. Sein Unternehmen kauft Garne, webt und veredelt diese. Der größte Teil wird für Zelte, Biogas- und ­Wasserspeichersysteme, LKW- und Anhängeraufbauten hergestellt. Textile Architektur gehört dabei zum Premium-Bereich. „Auch wir spüren einen Druck aus Asien – vor allem einen Preisdruck. Wir exportieren mehr als 90 % Prozent in unseren Hauptmarkt Europa. Und die wesentlichen Innovationen kommen nach wie vor aus Europa. Dennoch: Die Luft wird täglich dünner, ein Ausruhen geht da nicht“, gibt er seinem Vorredner Lotzmann Recht.

Diskutierten Herausforderungen und Trends bei technischen Textilien im Rahmen des Urban Living Panels der Techtextil in Frankfurt (v.l.): Dr. Günther Gradnig, Daniel Torakai, Gerd Schmid, Moderator Frank Jablonski, Hagen Lotzmann und Michael Pichler. Foto: Joschka Völkel/mylk+honey

Diskutierten Herausforderungen und Trends bei technischen Textilien im Rahmen des Urban Living Panels der Techtextil in Frankfurt (v.l.): Dr. Günther Gradnig, Daniel Torakai, Gerd Schmid, Moderator Frank Jablonski, Hagen Lotzmann und Michael Pichler.

Foto: Joschka Völkel/mylk+honey

Gilt im Umkehrschluss, dass spannende Projekte für herausfordernde technische Textilien ebenfalls nur noch im Osten stattfinden? „Sicherlich werden in Asien große Projekte gebaut. Allerdings bewegen wir uns als eher kleines Unternehmen in Märkten, die etwas weniger dem Preiskampf unterliegen, wie den USA, Europa und, für viele vielleicht überraschend, Afrika“, sagt Gerd Schmid. Er ist Geschäftsführer von formTL Ingenieure für Tragwerk und Leichtbau und betont: „In meiner Erfahrung aus der Sicht der Planer und Konstrukteure ist viel wichtiger als der Preis, dass die Werkstoffe, die wir bekommen, eine bestmögliche Qualität haben!“

Membranwerkstoffe müssten ein Top-Finish haben, eine gute Oberfläche und gut verschweißbar sein. Da komme es nicht auf ein oder zwei Euro pro Quadratmeter an. „Die Wertschöpfung geschieht nicht im Material, sondern in der Montage, im Engineering und insbesondere bei der Konfektionierung. Da wäre es schade, man würde auf ein Billigmaterial mit einem schlechten Finish gehen, das dann weniger lange hält, plädiert Schmid für hohe Qualität. „Wir verwenden fast ausschließlich Material von wenigen europäischen Anbietern. Außerdem legen unsere Kunden Wert auf eine entsprechende Zertifizierung der Werkstoffe.“

Spannende Märkte

Aus welchen Märkten stammt seiner Erfahrung nach ein spürbarer Sog, spannende innovative Projekte umzusetzen? „Das sind aus meiner Sicht Afrika und Großbritan­nien, Deutschland, die Schweiz und Österreich. Hier gibt es herausfordernde Stadienneubauten oder auch Glaubenshäuser, die als Leuchtturmprojekte strahlen. Oder denken Sie an Projekte wie die Reichstagsverhüllung“, zählt er auf. Dabei sei spannend zu sehen, dass bei solchen Projekten meist die gesamte Wertschöpfungskette vom Weber und Veredler bis hin zur Montage gefragt sei. „Da wird schon mal diskutiert, inwieweit der Hersteller eine ganz bestimmte Textur produzieren kann“, sagt Schmid. Die Wahl der Materialien sei bei jedem Start eines Projektes immens wichtig.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch der technische Nachwuchs. Denn Innovation findet dort statt, wo auch gut ausgebildete Menschen herkommen. „Hier haben wir extremen Nachholbedarf. Leider geben es derzeit weder der Lehrplan noch das Interesse der Studenten her, dass hier große Sprünge zu erwarten seien“, sagt Daniel Torakai, Ingenieur im Büro der Werner Sobek Stuttgart AG und Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart.

Nachwuchs sorgt für Innovation

Seine Einschätzung bezieht sich sowohl auf Projekte wie Membranbauten oder textile Fassaden als auch auf die Anwendung neuartiger Verbundwerkstoffe wie kohlefaserbewehrten Beton. Im Bereich der Ausbildung sei das Thema der technischen Textilien noch ein ziemlicher Sonderling. Ingenieurwesen und Architektur legten auf diesen Bereich leider keinen Fokus.

Etwas Hoffnung sieht er aber dennoch: „Es sind zwar keine Massen an Studenten, aber ich beobachte schon, dass die Qualität der Absolventen steigt“, sagt Torakai und nennt pneumatische Strukturen und die Arbeit mit Membranen als Beispiele und weist den Zuschauern direkt vom Podium aus den Weg zum Präsentationsareal des Techtextil-Studentenwettbewerbs „Textiles Bauen“, in dem Studierende und Young Professionals ihre Ideen für textile Architektur ausstellen. „Es freut mich sehr, dass es immer wieder Absolventen gibt, die herausragende Arbeit leisten“, sagte er.

Auch der Forschungs- und Entwicklungschef der Sattler Pro-Tex GmbH, Michael Pichler, nimmt diese Aussage freudig auf, denn seine tägliche Herausforderung besteht darin, Innovation zu organisieren: „Wir als mittelständisches Unternehmen haben mittelfristig nur eine gute Wachstumsprognose, wenn wir gut beobachten und uns gut vorbereiten, um dem Markt innovative Produkte zur Verfügung stellen zu können.“

„Wir brauchen sehr viele Informationen von außen, daher stehen wir ständig im Kontakt mit unseren Kunden. Dazu gehört auch, den Wettbewerb zu beobachten, nicht nur hier in Europa, sondern auch in Asien. Wir wissen ganz genau, welche Produkte wo im Einsatz sind und wie die Anforderungen gestellt werden“, sagt Pichler.  

Membran mit gänzlich neuem Potenzial

Die Herausforderung bestehe darin, die Anwender immer wieder zu überraschen: „Durch das Potenzial einer neuen Membran geben wir dem Architekten die Möglichkeit, z. B. größere Objekte oder neue ­Formen zu realisieren“, fährt er fort. Dabei würde er zuerst einmal die ­eigenen Ressourcen auslasten, aber durchaus auch auf Partner der Wertschöpfungskette zurückgreifen. Und er nennt ein Beispiel: „Wir haben in den vergangenen drei Jahren eine Membran entwickelt, die in Bezug auf mechanische Festigkeit, Haptik, Optik, Transluzenz und Weißgrad sowie auf das Alterungsverhalten den bisher dagewesenen Membranen deutlich voraus ist“, beschreibt er sein Messe-Highlight. Doch technische Textilien und Bau bedeutet nicht nur Stadion­dächer. Daniel Torakai nennt weitere Herausforderungen im Bauwesen: „An unserem Institut wird an Gradientenbeton geforscht. Hier versuchen wir, den Beton von beispielsweise Geschossdecken ihrem Lastverhalten anzupassen. Gelöst wird das über spezielle Kugeln, die dem Beton beigefügt werden. So können Gewicht und Material gespart werden. In der Bewehrungsführung wird es jedoch schwierig. An dieser Stelle kommen die Textilien ins Spiel: Mit der Faserbewehrung können Freiformen entwickelt werden, die dem begegnen“, skizziert er ein aktuelles Projekt. Die größte Hürde sei jedoch, dass seitens der Zulassungsbehörden den Ingenieuren und Technikern ein gewisses Maß an Kreativität zugestanden werden müsse und der Aufwand für und Wartezeiten auf Zulassungen nicht zu groß werden dürfen.

Auch Karl Mayer ist im Bereich Textilbeton seit gut 15 Jahren aktiv: „Leider – das ist Fakt – fehlt bei diesem Thema der große Durchbruch. Wir haben Kunden, die proaktiv investiert haben, aber noch keinen wirtschaftlichen Erfolg verzeichnen.“ Dabei habe der textilbewehrte Beton tolle Ästhetik, so Lotzmann.

Grüne Fassaden von der Theorie zur Praxis

Ebenfalls langsam geht es beim Trend grüner Fassaden voran: „Es gab eine Zeit, in der war jedes Rendering eines Hochhauses mit einem Garten versehen. Man konnte diese Bepflanzung lange Zeit nicht umsetzen, weil Pro­bleme der Bewässerung etc. ungelöst waren. Ein Beispiel ist der Bosco Verticale, extrem stark begrünte Zwillingstürme eines Hochhauskomplexes in Mailand. Hier werden die Stärken von Textilien deutlich. Sie können Wasser transportieren und eine mechanische Befestigung für die Begrünung darstellen“, nennt Torakai positive Beispiele.

Treffpunkt für technische Textilien

Die beiden Messen Techtextil und Texprocess werden von der Messe Frankfurt ausgerichtet und sprechen unter anderem Anbieter funktionaler Bekleidungs­stoffe und smarter Textilien mit integrierten Leucht-, Heiz- oder Sensorfunktionen an. 1.818 Aussteller aus 59 Ländern richten ihr Angebot an etwa 47.000 Fachbesucher aus 116 Ländern, deren Produkte in Architektur und Bau, Mobilität, Medizin und Bekleidung eingesetzt werden. Darüber hinaus schauen Hersteller von Bekleidung, Mode, Polstermöbeln und Lederprodukten nach den neuesten Trends.

 

Von Frank Jablonski

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